Enno Bunger - Was berührt, das bleibt

Enno Bunger- Was berührt, das bleibt

Columbia / Sony
VÖ: 26.07.2019

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das tut weh

Und zwar richtig. Enno Bunger, das ist der Mann mit der weichen Stimme und den schönen Melodien. Das ist aber auch der Mann mit dem Hang zum lyrischen Pathos und auch der, der seine musikalische Handwerkskunst gerne in glattpolierten Hygiene-Produktionen ertränkt. Dabei könnte alles so einfach sein. Man erinnert sich zurück an das Jahr 2012, als Bunger Songs wie "Blockaden" oder "Regen" veröffentlichte. Klar pathetisch, klar an der Grenze zum Kitsch, aber eben auch gelungen. Man denkt an "Flüssiges Glück" aus dem Jahr 2015, an vielversprechende Stilexperimente in Songs wie "Scheitern" oder "Renn!" und daran, wie man insgeheim gehofft hat, dass sich in Zukunft der "gute Bunger" durchsetzt, der mit der weichen Stimme und den schönen Melodien. Leider aber – man muss es so sagen – ist das, was der Norddeutsche auf "Was berührt, das bleibt" präsentiert, durch die Bank zum Haareraufen.

Doppelt leid tut einem das angesichts der gelebten Verlusterfahrungen, mit denen der Privatmensch Bunger in den letzten Jahren zu kämpfen hatte. Die Arbeit an seinem vierten Album beschreibt er als Selbsttherapie im Verarbeitungsprozess. Das fertige Werk kann aber als Beispiel dafür dienen, dass erlebtes Gefühl nicht per se zu guter Kunst wird. "Was berührt, das bleibt" möchte gerne das Album sein, das einem Mut und Antrieb gibt, die Sicht auf das eigene Leben zu überdenken. "Kalifornien" und "Bucketlist", zwei Oden an die Freiheit, könnten paradoxerweise kaum angepasster klingen. "Wir wollen nichts mehr werden. / Wir wollen nur noch sein", singt Bunger in "Kalifornien". Aber will man das denn wirklich? Dazu passend reserviert die Freundschaftshymne "Ponyhof" dem besungenen Freund gleich einen Platz auf der "Autobahn ins Altenheim". Neben schrecklich klingenden Zeilen wie "Ja es ist jammerschade, dass wir nicht homo sind" irritiert vor allem der Dauergebrauch von Kitschphrasen auf Kalenderspruchniveau. Da hilft es leider auch nicht, dass besagter Freund tatsächlich existiert.

Was als Songschreiber und Komponist in ihm steckt, zeigt Bunger nur in Fragmenten. "Die Bäume streuen Konfetti" wartet mit berührender Instrumentalbridge auf. In "One-life stand" – ja, der Song heißt wirklich so – überrascht der Chorus mit dröhnender Bass-Line, die Bungers sanfte Stimme umso deutlicher glänzen lässt. Bis zum Chorus muss man sich aber erst einmal durchkämpfen. Der Anfang-30-Jährige wäre ohne weiteres in der Lage, eine Art deutsche Bon-Iver-Variante abzugeben, doch die bescheidenen Piano-Pop-Songs von "Wir sind vorbei" sind auf "Was berührt, das bleibt" konturlosen Chart-Pop-Kopien gewichen. Auch die Stilexperimente des Vorgängers gibt es nur noch in lauwarm aufgewärmten Dosen. Sogar das bis dahin feinfühlig instrumentierte "Wolken aus Beton" betreibt mit schwülstigem Streicherfinish Selbstsabotage. "Jammerschade" ist das mit Sicherheit.

Um die erlittene Enttäuschung abzumildern, soll an dieser Stelle ein Rätsel mit auf den Weg gegeben werden: Das Wortspiel "Wir brennen nur noch durch / Aber nie wieder aus" im Einstiegssong "Kalifornien" findet sich in leicht abgewandelter Form auch auf dem letzten Album welcher ehemaligen Bravo-Band? Pssst. Das wären dann die Killerpilze.

(Katharina Bruckschwaiger)

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Highlights

  • Wolken aus Beton

Tracklist

  1. Kalifornien
  2. Bucketlist
  3. Ponyhof
  4. Stark sein
  5. Die Bäume streuen Konfetti
  6. Glaube an die Welt
  7. Wofür hältst Du Dich
  8. Wolken aus Beton
  9. Niemand wird Dich retten
  10. One-life stand
  11. Weichzeichnungsfilter

Gesamtspielzeit: 43:52 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Jakob
2019-08-14 17:36:24 Uhr
Für mich bisher die beste Platte des Jahres. Schade, dass sie hier so herzlos besprochen wurde.
Der Umhäschtagger
2019-08-13 19:22:14 Uhr
*umhäschtag*
Nicolas
2019-08-11 22:53:22 Uhr
Also bleibt meine Hand mit der ich mich heute berührt habe. Gut zu wissen
Frank
2019-08-11 22:51:23 Uhr
Welche dumme Schnalle hat diesen Artikel verfasst?!
Wutzhans
2019-08-06 13:40:15 Uhr
Auch ich muss sagen - ich kann maximal zwei Enno Bunger Songs hintereinander hören.

Das liegt nicht an der vielzitierten Dichtigkeit oder Wahrhaftigkeit der Songs. Nach Stunden oder Tagen bleibt leider nichts von den Songs in mir übrig. Was nicht berührt, bleibt halt nicht. Da bleibt sogar (leider) von "Gloria" mehr hängen.

Es liegt nicht nur an den für mich konstruierten Texten um einfache Dinge kompliziert, blumig und special auszudrücken, sondern leider auch an der inzwischen beliebigen Musik (Arrangements und wahrhaftig eintöniger Gesang).

Sympathischer Junge, der Enno Bunger, und ich freue mich für das Publikum, die diese Platte mögen und für ihn auch - nur für mich ist es nichts. Und ich reihe mich damit derer ein, die die Rezension zumindest ein Stück nachvollziehen können.
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