Kim Petras - Clarity

Kim Petras- Clarity

BunHead
VÖ: 28.06.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Nichts ist klar

"Gäbe auf jeden Fall einiges zu erzählen", schrieb der Plattentests.de-Häuptling im internen Mail-Verkehr betreffend Kim Petras. Recht hat er. Schon in Teenager-Jahren machte die Kölnerin, mit ihrem frühen Trans-Outing samt geschlechtsangleichender Operation medial auf sich aufmerksam. Zehn Jahre später beschränken sich die Schlagzeilen längst nicht mehr auf ihre bloße Person: Petras ist einer der aktuell größten Pop-Hypes. Mit konstanten Single- und EP-Veröffentlichungen seit 2017 sowie Kollabos mit Charli XCX oder Sophie konnte sie sich international etablieren und klingt, als hätte sie nie außerhalb ihrer Wahlheimat L.A. gelebt. Auch ihr LP-Debüt "Clarity" kommt nicht ohne Hintergrundrauschen aus, immerhin steckt dahinter die Zusammenarbeit mit Dr. Luke, dem seit den Missbrauchsvorwürfen von Kesha verrufenen New Yorker Produzenten. Ist die Backstory etwa, wie nicht allzu selten im Mainstream-Pop, wieder interessanter als die eigentliche Musik?

Petras selbst hält sich jedenfalls nicht mit Zweifeln auf und geht im sonnigen Titeltrack direkt in die Offensive: "Clarity, I got clarity / I'm the bitch with the sauce, apparently." An Selbstbewusstsein mangelt es der 26-Jährigen wahrlich nicht, hörbar etwa im basslastigen Banger "Meet the parents", in dem sie beim ungerührten Feiern der eigenen Kaufkraft großen Spaß hat. Dass ihre Persona in der Gelegenheitssex-Hymne "Got my number" derweil ein bisschen in Richtung Selbstparodie driftet, kann auch die hochklassige R'n'B-Produktion des Songs nicht überdecken. Ein ähnliches Problem hat auch "Blow it all" trotz seiner musikalisch interessanten Kombination aus melancholischer Gitarre mit luftigem HipHop: So anders Petras' Hedonismus in einer Welt der immer politischer werdenden Popmusik auch ist, klingen ihre Party- und Koks-Eskapaden hier wie ein eher uninspiriertes Rip-Off von Miley Cyrus' "We can't stop".

Weitaus authentischer gelingen die zahlreichen Liebeserklärungen an vergangene Pop-Dekaden. Das großartige "Sweet spot" strahlt mit dem Disco-Glanz der Früh-00er-Kylie-Minogue, "Do me" stellt seinem euphorischen Taylor-Swift-Refrain einen French-House-beeinflussten Synthie-Durchbruch entgegen. Besonders toll ist auch "Personal hell", das in bester Sky-Ferreira-Manier New-Wave-Ansätze in einen kristallklaren Pop-Hit kanalisiert. Petras singt hier von psychischen Problemen und erotischer Erlösung, changiert zwischen Angst, Verzweiflung und Leidenschaft und gibt damit ihre emotional eindrücklichste Performance ab. Im Gegensatz zu ihren im ersten Absatz erwähnten Kollaborateurinnen wahrt sie dabei immer die Formen des Genres und zeigt wenig Interesse an deren Zerlegung. Da passt auch eine konventionelle R'n'B-Ballade wie "Another one" gut ins Bild, die dank ihrer verspielten Produktion aber nie ins Belanglose driftet.

Ein bisschen liegt im ästhetischen Konformismus aber auch die Krux. Das bei Drake oder The Weeknd verortete "Icy" beruft sich noch am ehesten auf die Mystik von "Turn out the light, Vol. 1", doch sonst hat "Clarity" die Kanten jener EP größtenteils abgeschliffen. Petras lässt immer wieder ihre Persönlichkeit durchblitzen – in der sing-rappenden Trennungs-Abrechnung "Broken", im Emo-Pop von "All I do is cry", im optimistischen Rausschmeißer "Shinin'" –, doch fällt es ihr bei all den diversen musikalischen Ansätzen schwer, eine klar konturierte Identität auszubilden. Dass die Künstlerin selbst ihr Debüt als "Projekt" und nicht als Album bezeichnet, spricht jedenfalls für sich. Doch allzu schlimm ist das alles nicht: Als größtenteils hingebungsvolle Best-Of-Sammlung der letzten 20 Jahre Popmusik mit nur wenigen Schwächen taugt es allemal. Der Titel des Projekts kann allerdings wirklich nur ironisch gemeint sein.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Icy
  • Sweet spot
  • Personal hell

Tracklist

  1. Clarity
  2. Icy
  3. Got my number
  4. Sweet spot
  5. Personal hell
  6. Broken
  7. All I do is cry
  8. Do me
  9. Meet the parents
  10. Another one
  11. Blow it all
  12. Shinin'

Gesamtspielzeit: 38:12 min.

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Armin

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2019-07-20 22:35:40 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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