LINGUA IGNOTA - CALIGULA

LINGUA IGNOTA- CALIGULA

Profound Lore / Soulfood
VÖ: 19.07.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Flucht nach Zorn

"Wenn die Leute einem zuhören sollen, reicht es nicht, ihnen einfach auf die Schulter zu tippen. Man muss sie mit einem Vorschlaghammer treffen", so John Doe in David Finchers Thriller "Sieben". Was auch Kristin Hayter seit Anfang 2017 mit grimmiger Entschlossenheit durchexerziert – auf Platte und bei Live-Shows zwischen Ekstase und Katharsis. Ihre Waffen: klassische Gesangs- und Klavierausbildung, das Vernichtendste aus Drone, Noise und Doom Metal sowie eine entfesselte Vocal-Performance, die von imposantem Sopran über tiefes Wehklagen bis hin zu höllischen Flüchen reicht. LINGUA IGNOTA hat die Frau aus Providence nach der konstruierten Sprache Hildegard von Bingens benannt – Zeit, den Gurkentee aufzusetzen und ihn sich anschließend kochend über den Kopf zu kippen. Es wäre ein trefflicher Vorgeschmack auf "CALIGULA".

Die 33-Jährige ist nämlich nicht nur eine virtuose Sängerin und Musikerin mit einer Vorliebe für extreme Ausdrucksformen, sondern litt auch jahrelang unter körperlicher Gewalt in einer Beziehung – und zahlt es ihrem Peiniger nun mit diesen "survivor anthems" heim. Wie bitterernst es ihr ist, zeigt sich darin, dass die Künstlerin bei Alias, Album- und Songtiteln auf Großschreibung besteht. Feminismus? Sicher nicht: Hayters mit religiösen Bildern aufgeladener Zorn funktioniert vielmehr wie eine Therapie, solidarisiert sich mit anderen Opfern und lässt sich mit dem römischen Kaiser als blutigem Schirmherr dieses Albums auch als Aufschrei gegen alle menschenverachtenden Arschlöcher der Welt lesen. Wer sich da über Mansplaining oder darüber beschwert, beim Frühstück nicht die Salzstreuerin gereicht zu bekommen, war offenbar schon lange nicht mehr in der Hölle.

Wie es dort aussehen und vor allem klingen muss, vermittelt "CALIGULA" ziemlich genau: Auch der von majestätischen Streichern und beschwörend gedoppelter Stimme getragene "FAITHFUL SERVANT FRIEND OF CHRIST" im Opener kann nichts mehr ausrichten, wenn Hayters gequälte Schreie die schwer ächzenden Harmonien von "DO YOU DOUBT ME TRAITOR" in der Luft zerfetzen und ein Metall-Ensemble dazu mit dem rostigen Amputationsbesteck rasselt. Ein unfassbarer Brocken, gegen den "MAY FAILURE BE YOUR NOOSE" trotz mächtigem Choral und Piano-Taumel beinahe sparsam wirkt, bis verzerrte Beats und großflächiges Gecrunche das Zepter schwingen. Undurchdringliche Lärmwände treffen auf ohrenbetäubende Stille, und auch Hayter scheint hin- und hergerissen: "Who will love you if I don't / Who will fuck you if I won't?"

Es ist dieser ständige Wechsel zwischen laut und leise, beinhart und fragil, der im hämisch doppelbödigen "IF THE POISON WON'T TAKE YOU MY DOGS WILL" oder dem in einen verzweifelten Groove verfallenden "SPITE ALONE HOLDS ME ALOFT" der geschundenen Seele eine Stimme gibt und gleichzeitig die große humanistische Stärke von "CALIGULA" ausmacht. Nichts ist ausschließlich Hass, Rache und Verdammnis – überall schimmern auch Mitgefühl, Trost und die Hoffnung auf Erlösung durch, wenn es nicht gerade "Life is cruel and time heals nothing" heißt. Und auf zwei tapfer leidende Klaviermoritaten kommt mit "DAY OF TEARS AND MOURNING" immerhin ein Stampfer, der bei ausreichend Haarwuchs am Ohrläppchen gar als eine (Ab-)Art von Sludge durchgehen könnte. Ob dieses monumentale Bösewerk als Meisterstück durchgeht? DEFINITIV.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • DO YOU DOUBT ME TRAITOR
  • MAY FAILURE BE YOUR NOOSE
  • IF THE POISON WON'T TAKE YOU MY DOGS WILL
  • SPITE ALONE HOLDS ME ALOFT

Tracklist

  1. FAITHFUL SERVANT FRIEND OF CHRIST
  2. DO YOU DOUBT ME TRAITOR
  3. BUTCHER OF THE WORLD
  4. MAY FAILURE BE YOUR NOOSE
  5. FRAGRANT IS MY MANY FLOWERED CROWN
  6. IF THE POISON WON'T TAKE YOU MY DOGS WILL
  7. DAY OF TEARS AND MOURNING
  8. SORROW! SORROW! SORROW!
  9. SPITE ALONE HOLDS ME ALOFT
  10. FUCKING DEATHDEALER
  11. I AM THE BEAST

Gesamtspielzeit: 66:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Walenta (unangemeldet)
2019-07-23 13:44:39 Uhr
In der promomail wird gleich zu beginn zweimal hintereinander drauf hingewiesen: „Please note the track listing, artist name and album title needs to be in all caps*“
Insofern eh ganz nett, dass man dem (zugegebenermaßen nicht unprätentiösen) wunsch nachkommt.
ret.ro
2019-07-23 09:45:14 Uhr
Was soll an der Grossschreibung genau albern sein? Es gibt sicher hundertausende Alben, bei denen das so gehandhabt wird. Plattentests hätte das aber auch nicht 1:1 so abschreiben müssen.
o. spengler
2019-07-23 08:36:01 Uhr
die demo-cd "let the evil cover his own lips" kann auch was.
BENITO
2019-07-22 20:34:38 Uhr
WAS DU NICHT SAGST.

CORDIALI SALUTI
BENITO.

Achim

Postings: 6289

Registriert seit 13.06.2013

2019-07-22 19:08:49 Uhr
edit: aber natürlich etwas albern, alles in Großbuchstaben zu schreiben...
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