Blood Orange - Angel's pulse

Blood Orange- Angel's pulse

Domino / GoodToGo
VÖ: 12.07.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Harmonie ist eine Strategie

Devonté Hynes bezeichnet seinen neuesten Release "Angel's pulse" selbst als Mixtape. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, er habe ja nie etwas anderes gemacht, und hätten damit auch ein bisschen recht. Egal ob als Test Icicles, Lightspeed Champion oder eben Blood Orange war das undefinierbare Lose schon immer eins seiner wesentlichen ästhetischen Merkmale. Auch wenn es weniger als solches und mehr als Dokument des Schaffensprozesses zwischen "Negro swan" und dessen wann auch immer erscheinendem Nachfolger konzipiert wurde, steht einer Rezeption von "Angel's pulse" als eigenständiges Werk somit nichts im Wege. Ob gerade im Pop und HipHop, in denen aktuelle Größen wie Drake, Charli XCX oder Chance The Rapper die Grenzen zwischen Album und Mixtape stetig verschwimmen lassen, eine strikte Unterscheidung der Formate überhaupt Sinn ergibt, sei sowieso dahingestellt.

Das Eröffnungsdoppel dauert gerade einmal gute zwei Minuten, aber gibt darin bereits ein klares Statement zum Eklektizismus ab. "I wanna C U" versammelt Prince-Einflüsse, E-Sitar und perlende Gitarren, um sich danach in der Schwebe von "Something to do" aufzulösen, das der Sechssaitigen am Ende ganz die Solo-Bühne lässt. Auch in der lockeren Form von "Angel's pulse" beweist Hynes alle seine Talente: als Sänger, als Produzent, als Komponist wundervoller Melodien, aber vor allem als Dompteur unzähliger Genres, Stimmungen und Gaststimmen, die sich nie auf den Füßen stehen. Kaum zu glauben, dass im Plattentests.de-Forumsthread zu "Negro swan" einst eine hitzige Diskussion zur stilistischen Einordnung aufkam, so harmonisch wie hier R'n'B und Indie, Rap und Dream-Pop koexistieren. "Open the door and leave me with arms exposed", heißt es im grandiosen "Benzo", bevor ein gelöstes Saxofon die friedliche Ungebundenheit auch musikalisch abbildet.

Dass Hynes' Texte oft von Melancholie und Einsamkeit geprägt sind, ist an der Oberfläche nicht immer herauszuhören. "Dark & handsome" bittet zum innigen Paartanz, während die vernebelten Mac-DeMarco-Gitarren von "Tuesday feeling (Choose to stay) ebenso wie der Neunzigerjahre-R'n'B von "Good for you" einen samtweichen Schutzkokon gegen alles Unheil der Welt spinnen. Die wie immer gut gefüllte Gästeliste bietet vielleicht weniger große Namen als sonst – Toro Y Moi und Arca dürften hier die bekanntesten sein –, doch überzeugt sie wieder ausnahmslos, vor allem in Form der Sängerinnen Justine Skye und Tinashe. Selbst vermeintliche Fremdkörper wie der Masken-Rapper BennY RevivaL, der über dem untypisch enggeschnürten Beat von "Seven hours part 1" einen denkwürdigen Auftritt hat, fügen sich gut ein. Auch im zunächst irritierenden Gangster- und Protz-Gestus von "Gold teeth" lösen sich die Fragezeichen spätestens in der bezaubernden Hook in Begeisterung auf.

Trotz allem bleibt festzuhalten, dass "Angel's pulse" den "richtigen" Alben in Sachen Kohärenz ein wenig nachsteht. Vor allem der auf der autobiografischen oder politischen Ebene immer vorhandene inhaltliche rote Faden fehlt hier – nur der 90-Sekunden-Track "Birmingham", der ein rechtes Attentat von 1963 thematisiert, wird da etwas konkreter. Auch die kurze Laufzeit und die abrupten Übergänge bestärken den Mixtape-Charakter. Ein Kritikpunkt ist das freilich nicht: Auch die skizzenhaftesten Momente wie das nervöse Getrommel von "Baby Florence (Figure)" oder die Dancehall-Samples in "Happiness" setzen sich unter Hynes' Regie immer zu sehr guter Musik zusammen. Spätestens, wenn "Take it back" aus der Formlosigkeit ein mysteriös-introvertiertes Meisterwerk gebärt, beweist sich die Vereinbarkeit des nur scheinbar Unstimmigen. Könnte irgendetwas egaler sein als die Frage, wie man das Ding letztendlich nennt?

(Marvin Tyczkowski)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Dark & handsome (feat. Toro Y Moi)
  • Benzo
  • Gold teeth (feat. Project Pat, Gangsta Boo & Tinashe)
  • Take it back (feat. Arca, Joba & Justine Skye)

Tracklist

  1. I wanna C U
  2. Something to do
  3. Dark & handsome (feat. Toro Y Moi)
  4. Benzo
  5. Birmingham (feat. Kelsey Lu & Ian Isiah)
  6. Good for you (feat. Justine Skye)
  7. Baby Florence (Figure)
  8. Gold teeth (feat. Project Pat, Gangsta Boo & Tinashe)
  9. Berlin (feat. Porches & Ian Isiah)
  10. Tuesday feeling (Choose to stay) (feat. Tinashe)
  11. Seven hours part 1 (feat. BennY RevivaL)
  12. Take it back (feat. Arca, Joba & Justine Skye)
  13. Happiness
  14. Today

Gesamtspielzeit: 32:28 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Postings: 15468

Registriert seit 08.01.2012

2019-07-20 22:33:11 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify