Thom Yorke - Anima

Thom Yorke- Anima

XL / Beggars / Indigo
VÖ: 28.06.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

New Yorke, I love you but you're bringing me down

Plötzlich ging alles ganz schnell: Thom Yorkes drittes Soloalbum "Anima" ist eine jener Veröffentlichungen, die ohne langen Vorlauf erscheinen. Erst wenige Tage vor dem Release-Tag war klar, dass das Radiohead-Mastermind eine neue Platte geschrieben hat. In Zeiten der angestrengten Daueraufregung und der permanenten Verfügbarkeit kein ganz neuer Move, aber dennoch ein starkes Zeichen: Den ganzen Quatsch, der eigentlich gar nichts – oder maximal am Rande – mit Musik zu tun hat, ausblenden und die neun neuen Songs einfach für sich sprechen lassen. Entstanden ist "Anima" nach einer sehr belastenden Schreibblockade, entsprechend ist das Album ein künstlerischer, aber auch ein persönlicher Befreiungsschlag für Yorke. Und in gewisser Weise auch eine Emanzipation vom Radiohead-Sound.

Yorkes intensive Beschäftigung mit elektronischer Musik wird dabei immer präsenter: Seine Liebe zu Monkeytown, Flying Lotus und Co. bricht sich auf beeindruckende Weise Bahn, düstere Beats bauen hier ein dystopisches Biotop, durch das man mit Hilfe von Yorkes Stimme navigiert. Inhaltlich kreisen die Songs um klassische Yorke-Themen: Angstzustände, die Mensch-Maschine, Isolation. Links und rechts davon erklingen nun eben keine perlenden Gitarren, keine organisch wummernden Bässe, sondern Fiep- und Knarzgeräusche, Fabrikhallen-Beats und sonische Weltraummissionen. Stimmungsvoll ist dies, natürlich, und spannend auch, weil die Anknüpfungspunkte zur Hauptband nie komplett gekappt werden: "Dawn chorus" ist eine etwas ältere Nummer und sollte ursprünglich mal Titelstück des letzten Radiohead-Albums "A moon shaped pool" werden, passte dann aber wohl doch nicht ganz ins Konzept. Hier und heute kommt der Song als hochmelancholische Space-Ballade daher, Yorke klingt einsam, betrachtet die Vögel im morgendlichen Zwielicht und spricht mehr, als dass er singt. Berührend.

Zweifellos ist "Anima" eine Platte, die tief gräbt, sich weit vorwagt in die menschliche Psyche. Schon im Titel bezieht sich Yorke auf die Lehren Carl Gustav Jungs: "Anima" ist für ihn der weibliche Funktionsbereich in der männlichen Seele, verantwortlich für feminine Charaktereigenschaften und gewissermaßen das Tor zum Unbewussten. Passend dazu veröffentlichte der Radiohead-Frontmann einen gemeinsam mit Paul Thomas Anderson gedrehten Kurzfilm gleichen Titels: Darin sieht man Yorke in einer U-Bahn sitzen, gleichförmig fallen alle Passagiere in einen orchestrierten Sekundenschlaf, albtraumhaft beginnen sie sich fortzubewegen, stromlinienförmig, zombiegleich. Untermalt wird der viertelstündige Streifen vom angesprochenen "Dawn chorus", dem Album-Opener "Traffic" und "Not the news". Insbesondere der letztgenannte Track entführt den Hörer in tiefste Tiefen, Yorkes Stimme schwebt wie ein Dämon im luftleeren Raum, ein Beat wie aus einer Spielekonsole begleitet sie und unterstreicht die menschenferne Atmosphäre.

"Traffic" reitet dagegen auf einem dicken Electro-Beat daher, der auch Moderat gut zu Gesicht gestanden hätte. Bereits in diesem ersten Track ist die Düsternis und Ausweglosigkeit angelegt, die sich durch die komplette Platte zieht. Greifbar werden Melancholie und Weltschmerz dann im dramatischen "Last I heard (...he was circling the drain)", einer Nummer, die man sich auch als klassische Radiohead-Ballade vorstellen kann. Hier pumpt sie sich allerdings als wirbelloser Ambient-Pop auf bedrohliche Größe auf, Yorkes Stimme geistert durch die elektronischen Arrangements, nervöse Beats kratzen an der Oberfläche. Ein vermutlich obsoleter Verbraucherhinweis sei an dieser Stelle erlaubt: "Anima" ist freilich ein astreines Kopfhöreralbum, denn erst in dieser konzentrierten Unmittelbarkeit entfalten sich die rhythmischen Finessen, die zarten Melodien, die sich gerne unter einem dichten Geräuschnebel verstecken. Wie könnte es auch anders sein: Offensichtlich ist im Yorke-Kosmos natürlich nichts.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Last I heard (...he was circling the drain)
  • Twist
  • Dawn chorus

Tracklist

  1. Traffic
  2. Last I heard (...he was circling the drain)
  3. Twist
  4. Dawn chorus
  5. I am a very rude person
  6. Not the news
  7. The axe
  8. Impossible knots
  9. Runwayaway

Gesamtspielzeit: 47:49 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
you saw sagacious salomon
2019-07-17 18:03:31 Uhr
THE ERASER 9
TMB 9
ANIMA 9
AMOK 9
SUSPIRIA 8

Underground

Postings: 943

Registriert seit 11.03.2015

2019-07-17 14:24:19 Uhr
Oder die Musiker sind dir entwachsen. auch gut möglich.
oliver
2019-07-17 13:57:14 Uhr
schon bei tomorrows modern Boxes hatte ich das Gefühl, er improvisiert einfach zu Instrumentals, die er zusammen schmeißt, und jetzt habe ich wieder dasselbe Gefühl.
aber ich mochte schon a Moon shared Pool nicht.
wahrscheinlich bin ich der band/dem York einfach entwachsen. Solls ja geben. aber die die alten Sachen höre ich immer noch gern.
icke
2019-07-10 09:43:18 Uhr
the eraser 9
TMB 6
anima 9
amok 7
ifrog63
2019-07-09 19:12:31 Uhr
Starke Besprechung. Sehr kompetent und treffsicher 👍🏻 thx. 😊
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