The Soft Cavalry - The Soft Cavalry

The Soft Cavalry- The Soft Cavalry

Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 05.07.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Über Leben in zwei Welten

Ein in düsteren Zeiten oft gehörtes Sprichwort: Schließt sich irgendwo eine Tür, geht an anderer Stelle auch wieder eine auf. Zwei Schritte weitergedacht heißt das im Umkehrschluss aber auch, dass mit jeder sich öffnenden Tür auch wieder eine andere ins Schloss fällt. Die letzten Jahre im Leben der Rachel Goswell müssen sich angefühlt haben wie das Leben in einem Haus, in dem vor lauter Türenknarren niemand so richtig zur Ruhe kommen kann. Da war ihr Supergroup-Projekt mit Minor Victories und natürlich das langersehnte Comeback von Slowdive, oder auf privater Ebene das Kennenlernen und, nur zwölf Monate später, auch das Zusammenziehen mit ihrem Partner Steve Clarke, den sie 2018 heiratete. Aber da gab es früher eben auch eine schlimme Infektion, die in einem Hörschaden bei der Britin resultierte. Und die Diagnose eines genetischen Defekts bei ihrem eigenen Sohn, der schließlich bei dem Jungen zu völliger Taubheit führte.

So sagt Goswell, dass sie in zwei Welten lebte: in einer für hörende und in einer für hörgeschädigte Menschen. Wo andere verständlicherweise sicher ihre Probleme hätten, aus einer solchen Situation das Beste zu machen, schafft die 48-Jährige genau das: Zusammen mit ihrem Mann gründete sie das Nebenprojekt The Soft Cavalry, das mitsamt selbstbetiteltem und von ihrem Leben inspirierten Album im Sommer 2019 weder vor der Tür der einen noch der anderen Welt Halt macht. Im Musikvideo zur zweiten Single "Bulletproof" geben Clarke und Goswell einen kleinen Exkurs in britischer Gebärdensprache, indem sie mal eben die Lyrics in diese übersetzen. Ganz in monochromen Schwarzweiß-Tönen gehalten und nur mit den beiden Künstlern im Bild, ergibt sich so trotz des absolut minimalistischen Aufwands die größtmögliche, berührendste Wirkung. Manchmal braucht es gar nicht mehr.

Obgleich "Bulletproof" mit stakkatoartigen Rhythmen und tiefem Bassspiel einen anderen Eindruck vermittelt, ist der Rest von "The Soft Cavalry" größtenteils deutlich ruhiger geraten. Fans, die auf den altbewährten Slowdive-Shoegaze hoffen, werden hier nicht unbedingt fündig, stattdessen gibt es viele eingängige Pop-Melodien mit oft melancholischem Folk untermalt: "Never be without you" ist eine kleine, aber feine Lagerfeuer-Ballade mit Clarke an vorderster Front und angenehmem Harmoniegesang im letzten Drittel, "The light that shines on everyone" hingegen ein ätherisch anmutendes Kammerspiel, das sich kurz vorm großen Ausbruch einfach wieder zurücknimmt und auf gemächlicher Note endet. Von einem ebenso anderen, mystischen Stern scheint auch die Leadsingle "Dive" zu stammen, die das Album einleitet und so den Weg für die kommenden fast 50 Minuten ebnet. Herrlich unaufgeregt ist das, entspannt und sich doch seines nicht immer ganz einfachen Schicksals voll bewusst.

Zumindest ansatzweise spielt das erste große Highlight "The velvet fog" mit Shoegaze-Elementen, insbesondere die ausladende, epische Produktion von Steves Bruder Michael Clarke sorgt für ordentlich Gänsehaut und das eine oder andere Mal gar für einen nicht gerade kleinen Kloß im Hals. Einen anderen, nicht minder effektiven Weg geht "Home", das in seiner ersten Hälfte fast nicht so recht aus dem Quark zu kommen vermag, in der zweiten aber regelrecht noisig-brachial zuschlägt. Überrumpelt? Gut. Eine Verschnaufpause bietet "Mountains", entgegen seines Titels luftig-leicht und auf watteweichen Wolken in einem Himmel voller Geigen gebettet, bis der Abschlusstrack "The ever turning wheel" ein weiteres Mal die dramatische Keule auspackt und damit mal eben erst die eine, dann die andere Welt verwüstet, bis sie beide unwiderbringlich miteinander vereint sind. Was für eine prima Idee: Wenn alles eins ist, braucht es auch gar keine Türen mehr.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • The velvet fog
  • Never be without you
  • The ever turning wheel

Tracklist

  1. Dive
  2. Bulletproof
  3. Passerby
  4. The velvet fog
  5. Never be without you
  6. Only in dreams
  7. Careless sun
  8. Spiders
  9. The light that shines on everyone
  10. Home
  11. Mountains
  12. The ever turning wheel

Gesamtspielzeit: 49:35 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Kalle
2019-07-11 15:50:26 Uhr
Leider nicht so gut wie erhofft. Einige Stücke fliessen vorbei ohne hängen zu bleiben. Für mich nur 6/10.

musie

Postings: 2460

Registriert seit 14.06.2013

2019-07-09 22:24:46 Uhr
Passerby find ich super, the velvet fog auch sehr schön, aber der Rest für mich nicht derart packend leider. Wieso singt Rachel Goswell nicht öfter?...

Kojiro

Postings: 30

Registriert seit 26.12.2018

2019-07-07 21:56:41 Uhr
Stimme Herrn Punkt zu; leider zu sehr Steve Clarke Solo, der gesanglich meist etwas blass daherkommt. Nach zwei Durchläufen hat das Album durchaus eine Hand voll sehr guter Songs zu bieten, aber leider auch sehr viel Mittelprächtiges.

Denke, die 7/10 geht in Ordnung.
Herr Punkt
2019-07-07 10:23:25 Uhr
Klingt meiner Meinung nach mehr nach einem Steve Clarke Solo Album.
Ist echt Schade das ganze ist zwar bei weitem nicht schlecht hätte aber auch weitaus was besseres werden können.

Kojiro

Postings: 30

Registriert seit 26.12.2018

2019-07-07 09:48:19 Uhr
Ui, da höre ich heute mal rein. Bin gespannt! :-)
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