Justin Townes Earle - The saint of lost causes

Justin Townes Earle- The saint of lost causes

New West / Rough Trade
VÖ: 24.05.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

American venom

Als würde nicht schon genug amerikanisches Vermächtnis auf ihm lasten, bürdet sich Justin Townes Earle gerne noch mehr auf. Als Sohn des renommierten Steve Earle und benannt nach dem nicht weniger als legendären Townes Van Zandt wurde ihm die Wahrung des modernen Country fast schon überdeutlich in die Wiege gelegt. Ohne den ganz großen Bekanntheitsgrad zu erlangen, konnte er sich auch solide etablieren, doch offenbar reichte das nicht. War Earles Musik sonst eher introvertiert und von Reflexionen über sich und seine Familie geprägt, richtet er den Blick jetzt nach außen – nach dem Überkommen von Suchtproblemen und der Geburt einer Tochter fand er womöglich so zum privaten Glück, dass er sich jetzt voll auf die Missstände der Welt um ihn herum konzentrieren kann. So stellt sich "The saint of lost causes", das im geschichtsträchtigen Nashville aufgenommene Album Nummer acht, ganz offen in die Tradition von Dylan und anderen großen Protestbarden. Zum Glück weist der 37-Jährige dabei die Leidenschaft, das Talent für einnehmendes Storytelling und vor allem die Stilsicherheit auf, welche die Ambitionen seiner Vorreiter mühelos ins fortschreitende 21. Jahrhundert hieven.

Zentnerschwer schleppt sich der eröffnende Titeltrack hinein, ein füllig arrangierter Blues-Brocken mit einem lange nachhallenden Gitarrensolo. Musikalisch düsterer wird's nicht mehr, thematisch durchaus. Earles Mischung aus klassischem Country mit ebenso traditionellen Rock-Ansätzen wirkt aus der Zeit gefallen, aber nicht angestaubt, weil er sie so mit Leben füllt. Der Retro-Charakter passt ja auch: Die Geschichte des Mittellosen auf der Suche nach Arbeit im Mundharmonika-Stampfer "Ain't got no money" war vor 60 Jahren genauso aktuell wie heute. Doch die politisch deutlichsten Songs beziehen sich klar auf die jüngste Vergangenheit. "Don't drink the water" thematisiert den Trinkwasserskandal in Flint als kraftvolle Hymne gegen großindustrielle Rücksichtslosigkeit. Die Verbindung aus Uptempo und todernstem Inhalt gelingt Earle ebenso gut wie seinen spirituellen Vätern, auch im mitreißenden "Flint city shake it" mit seinem Call-and-response-Refrain. Gleichsam tanzbar wie wütend datiert der Track das Unglück der Michigan-Stadt schon auf einen früheren Zeitpunkt: "Then trouble come in '86 / When this son of a bitch named Roger Smith / He cut our throat with the stroke of a fountain pen / Been knocked down but we gonna get up again."

Das Album spielt mit Country-Klischees, im Honky-tonk-Vibe von "Pacific Northwestern blues" ebenso wie in den wundervoll von Slide-Gitarren akzentuierten Balladen "Frightened by the sound" und "Mornings in Memphis", doch es macht sich nie darüber lustig. Tatsächlich ist "The saint of lost causes" voller Liebe, fürs Genre genauso wie für seine Figuren. In "Over Alameda" träumt eine Mutter von einem unerreichbaren besseren Leben für sich und ihr Kind. "Ahi esta mi nina" zeichnet einen Vater, der sich im imaginären Gespräch mit seiner entfremdeten Tochter voller Reue zeigt: "'Cause you're the only good I've ever done by my life / And I've never done right by you." Earles Gesellschaftskritik gerät deshalb so wirkungsvoll, weil er sie durch das Auge liebevoll gestalteter Einzelschicksale sieht. Den Charakteren begegnet er selbst dann mit Empathie, wenn Sucht und Ausweglosigkeit sie bis zum Mord treiben, wie im cineastisch erzählten und inszenierten "Appalachian nightmare". So inspiriert klang Earle seit seinem Hoch Anfang der Dekade nicht mehr, was Van Zandt und andere Vertreter des Country-Himmels sicher mit einem erleichterten und dankbaren Nicken quittieren. Die Zukunft ihres heißgeliebten Kulturguts ist vorerst gesichert.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Don't drink the water
  • Frightened by the sound
  • Flint city shake it
  • Appalachian nightmare

Tracklist

  1. The saint of lost causes
  2. Ain't got no money
  3. Mornings in Memphis
  4. Don't drink the water
  5. Frightened by the sound
  6. Flint city shake it
  7. Pacific Northwestern blues
  8. Over Alameda
  9. Appalachian nightmare
  10. Say baby
  11. Ahi esta mi nina
  12. Talking to myself

Gesamtspielzeit: 49:30 min.

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Armin

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2019-06-29 20:24:45 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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