Bruce Springsteen - Western stars

Bruce Springsteen- Western stars

Columbia / Sony
VÖ: 14.06.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Seasons in the sun

Angekündigt wurde "Western stars" als Bruce Springsteens Rückkehr zu charakterbasierten Songs mit Einflüssen aus Süd-Kaliforniens Spätsechziger- und Frühsiebziger-Pop, von Glen Campbell bis Burt Bacharach. Ungewöhnliche Querverweise für den 69-Jährigen aus New Jersey – aber alles zutreffend. Auf dem Papier ergänzen Harry Nilsson, Kris Kristofferson, Neil Diamond und Jim Croce das Referenz-Portfolio. Die nackte Aufzählung allerdings wird seinem 19. Studioalbum nicht gerecht. Als Fixpunkt dieser brillant produzierten Platte entpuppt sich das Zusammenspiel von Springsteens Soft-Crooner-Stimme und den einsamen Seelen der Hauptfiguren mit der weichen, jedoch teils pompösen Instrumentierung und dem allgegenwärtigen Flair des Südwestens der USA. Keiner der Protagonisten in den 13 Songs auf "Western stars" führt mehr ein zufriedenstellendes Leben. Es sind die Getriebenen, die Verlassenen, die Verlebten, die Enttäuschten und die Unglücklichen, die ihren Hut kurz zurechtrücken und ihr Päckchen widerwillig tragen im Schutzmantel der Freiheit, um den Kummer letztlich mit Alkohol hinunterzuspülen.

Im Opener "Hitch hikin'" folgt der Tramper mit seinem Hab und Gut im Gepäck dem "weather and the wind". Zwar steigt er mal zu Familien, mal zu Truckern oder auch zu Rasern ins Fahrzeug, aber Springsteens repetitive Gesangsschleifen nähren das Gefühl von lediglich kurzen Sozial-Intermezzos in einem Alltagstrott ohne erkennbares Ziel: "Catch me now 'cause tomorrow I'll be gone." Der Erzähler in "Tucson train" übertüncht seinen Herzschmerz mit harter Arbeit und wartet am Bahnsteig in Arizona auf die versöhnliche Ankunft seiner lady, "to show her a man can change". Aber erscheint sie wirklich? Die Protagonisten im ersten Song-Trio der Platte – komplettiert durch den rastlosen "Wayfarer" – stellt Springsteen über universellere Lebensläufe dar, um schließlich noch bildhafter und dezidierter auf die Geschichte eines alternden Schauspielers im doppeldeutigen Titeltrack "Western stars" zu blicken. Hier werden der Figur rohe Eier und Gin am Set serviert und wandeln Kojoten umher, die gerissene Hunde im Maul tragen. Und während Springsteen berichtet, dass der Schauspieler einst in einem Film von John Wayne erschossen ward, lernen wir gleichsam zu Streicherkaskaden jener Western-Streifen, dass besagte Szene ihm die notwendigen Drinks finanziert. "I woke up this morning just glad my boots were on."

Der beschwingte Country-Pop von "Sleepy Joe's Café" mit Akkordeon, Congas und überfröhlichen Bläsern kapselt sich etwas von der Kohärenz der anderen Stücke ab, jedoch liefert Springsteen mit "Western stars" fantastische Songs ab und sein bestes Werk seit mindestens 15 Jahren. "Somewhere North of Nashville" etwa, dieses berührende zweiminütige Kleinod, könnte auch gut und gerne ein 50 Jahre alter Klassiker sein, der versehrte Stuntman aus "Drive fast" wiederum ein Gefährte von Springsteens "The wrestler" aus 2009. "Chasin' wild horses" belohnt intensives Lauschen mit der altersweisen Intonation des 69-Jährigen und schließlich über den stationären Banjo-Einsatz und die malerische Orchestrierung mit dem vollständigen Eintauchen in die Szenerien und Landschaften der Artwork-Gestaltung.

Natürlich ist der Link zu den früheren Solowerken "Nebraska", "The ghost of Tom Joad" und "Devils & dust" naheliegend. Auf den Alben war der Singer-Songwriter Springsteen Charakteren wie Mördern und Outlaws näher als der großen Rock'n'Roll-Bühne. Selbst einzelne Stücke von "Magic" ("Girls in their summer clothes") und "Working on a dream" ("Tomorrow never knows") könnte man nun als erste Indikatoren für "Western stars" heranziehen. Und dass die Lyrics gleichsam durchzogen sind von endlosen Straßen und Asphalt, von Autos und Trucks, von nächtlichen Touren und Referenzen des ur-amerikanischen, gesellschaftlichen Möglichkeitenraums, spiegelt den archetypischen Springsteen-Kosmos wider. Und doch existieren gravierende Unterschiede. Statt in reduzierten Erscheinungsbildern betten sich die Nummern in herrlich cineastische Arrangements. Streicher, Bläser, Moog, Lap- und Pedal-Steel riechen nach Prärie, nach Leere und schimmernden Horizonten. Sie ummanteln beinahe fürsorglich die Absenz von Hoffnung und die fehlenden Perspektiven aus dem Dilemma des Status Quo. So weich und wattiert die Klänge, so voll instrumentiert das Werk durch die 20 beitragenden Session-Musiker, so einsam sind die Protagonisten der Songs.

"Hello sunshine won't you stay", hatte Springsteen in der ersten Vorabsingle "Hello sunshine" verkündet. Es ist zu Lonesome-Cowboy-Atmosphäre der Wunsch eines depressiven lyrischen Ichs nach mehr Glücksmomenten. Anderen geht es bei "Sundown" aber auch nicht besser. "That little voice in my head's all that keep me from sinking down / Come sundown." Über "Stones", in dem Lügen schwer wie Steine wiegen, und der exzellenten, Burt-Bacharach-artigen Pop-Nummer "There goes my miracle" verschwindet die Sonne schließlich, und wir landen im heruntergekommenen "Moonlight Motel". Wie auch die einstige Liebe nur noch eine Hülle des Vergangenen. Nach seiner Autobiographie "Born to run" und dem darauf fußenden prosaischen Gastspiel am Broadway lenkt Springsteen den Fokus mit "Western stars" weg von seiner Person auf unglamourös verlaufene Lebensentwürfe im "land of hope and dreams" und verleiht ihnen und ihrer Umgebung mit den eleganten Arrangements doch eine ureigene Anmut. Und plötzlich wohnt in der Tristesse ein Funken Schönheit.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Western stars
  • Chasin' wild horses
  • Somewhere North of Nashville
  • There goes my miracle
  • Hello sunshine

Tracklist

  1. Hitch hikin'
  2. The wayfarer
  3. Tucson train
  4. Western stars
  5. Sleepy Joe's Café
  6. Drive fast (The stuntman)
  7. Chasin' wild horses
  8. Sundown
  9. Somewhere North of Nashville
  10. Stones
  11. There goes my miracle
  12. Hello sunshine
  13. Moonlight Motel

Gesamtspielzeit: 51:07 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Stephan

Postings: 924

Registriert seit 11.06.2013

2019-10-01 17:29:31 Uhr
Das hat mit dem Alter nichts zu tun. Das Album ist einfach sehr sehr gut :-)

MasterOfDisaster69

Postings: 541

Registriert seit 19.05.2014

2019-10-01 16:15:00 Uhr
Hätte wohl nie gedacht, dass es ein Bruce Springsteen Album in meine Top10-Jahresliste schafft. Ich werde wohl langsam alt, oder was is los ?

Stephan

Postings: 924

Registriert seit 11.06.2013

2019-07-20 16:23:42 Uhr
Höre das Album inzwischen bei 9/10. Bislang auch mit Abstand mein AdJ.

PS: Zu den Bewertungen der vergangenen Alben gehe ich mit Loketrourak. Springsteen hat mitnichten nach den Achtzigern aufgehört, interessante Alben zu machen. Finde es übrigens auch fahrlässig, die Zeitrechnung erst bei "BTR" zu starten. "The Wild, the Innocent & the E Street Shuffle" würde ich zu seinen besten drei Platten zählen.
Tony Danza
2019-07-20 01:46:24 Uhr
Wer ist hier der Boss?
Mic
2019-07-18 23:19:37 Uhr
Ich mag Tunnel of Love auch super gern.

Und Dylan ist bis heute ein unfassbarer Songwriter.
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