Lèche Moi - A6

Lèche Moi- A6

Atypeek
VÖ: 11.05.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Herrin mit Tier

Lèche Moi, leck mich, so was hat man im Französisch-Unterricht nicht gelernt. Der offensive Bandname gehört zu einem Duo aus dem westlichen Nachbarland – und da hört der Informationsfluss auch fast schon auf. Man erfährt lediglich, dass es sich um Mann und Frau handelt, sie groß und blond, er ein Glatzkopf, aber Namen? Muss man sich wahrscheinlich selber ausdenken. Zur Musik fällt einem anlässlich des zweiten Lèche-Moi-Albums "A6" aber einiges ein. Darkroom-Electro-Pop mit Post-Punk-Gitarren, hartnäckig, schmerzhaft lakonisch und gnadenlos instinktiv. Den Gesang teilen sich die beiden Protagonisten, wobei die Sängerin zwischen Morphium-induzierten Dämmerschlaf und, das kommt viel häufiger vor, angespannter Kampfeshaltung pendelt. Er dagegen ist ein reines Tier, wälzt sich animalisch grunzend und bellend im Dreck. Schweiß, unangenehmer Körpergeruch – das alles wird mit einer Verlinkung ins Sexuelle geboten.

Und vielleicht ist dies der Punkt, der "A6" gegenüber anderen Industrial-Wummsern auszeichnet: Lèche Moi deuten das Gefährliche, Abseitige und den schmutzigen Sex nicht nur an, sie leben ihn und exerzieren die schmerzhaften Grenzgänge in Richtung brutaler Selbstaufgabe mutig durch. Die Stahlbad-Drums von "Cold night" sind direkt zu Beginn kühl und abweisend, der weibliche Gesang windet sich jedoch verführerisch an den kalten Percussion entlang. So entsteht bereits das, was für dieses Album typisch sein wird: Man ist sich zwar bewusst, dass man hier Verstand und Geschlechtsteile einbüßen könnte, das Spiel mit dem Feuer ist dagegen aber viel zu verlockend, als dass man sich abwenden würde. Wenn die Gitarren ins Fleisch schneiden, die Bläser infernalisch aufheulen und der Beat einem die Plomben aus den Zähnen haut, sollte man gewarnt sein. Doch solche stampfenden Höllenritte wie "Burned" vermitteln das Lebendigsein im Angesicht des Abgrundes derart verlockend, dass sie einen willenlos mitreißen. Und auch wenn es einmal ruhiger wird, denkt man an Abseitiges: "Anyway" besitzt den Frieden einer auf dem Seegrund treibenden Wasserleiche.

Was diesem Album seine künstlerische Relevanz verleiht, ist die Übertreibung: sie als dominante Herrin, die keinen Spaß versteht, er als triebgesteuertes Sexmonster. Das untergründige Grummeln von "A monkey on my back" ist ein Zerrbild sexualisierter Machtverhältnisse, die Synthiewirbel und trippigen Percussions bereiten den Nährboden für ein beängstigendes, aber irgendwie auch lächerliches Männerbild. Das infernalische Pumpen des Überlebenstriebes in "All is all" erteilt über elf Minuten allem Zutraulichen eine Absage. Es stampft, die Gitarren verlängern sich in eine vernunftbefreite Hysterie und auch der Gesang kratzt, beißt und röchelt um seine Existenz. Im Verlauf des Stücks werden nach und nach scheinbar alle gesellschaftlichen Errungenschaften abgestreift, es bleibt ein schlammiges "Friss oder stirb". Dass "The letter" an anderer Stelle eine beiläufige Noblesse anbietet, sorgt für Varianz und Vielschichtigkeit, auch wenn der folgende Fiebertraum "Libéra me" schon wieder den kalten Schweiß auf dem Rücken hat. Man wird von dieser Musik sehr oft angegangen und bedrängt, und es bleibt die Entscheidung des Hörers, ob man sich diesem beeindruckenden, nach ruppigem Sex und verzerrten Geschlechterrollen riechenden Brocken aussetzen mag. Wer mag, sollte sich zu wehren wissen.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Burned
  • The letter
  • All is all

Tracklist

  1. Cold night
  2. Burned
  3. Rage
  4. Anyway
  5. A monkey on my back
  6. Deep inside
  7. The letter
  8. Libéra me
  9. Irrécupérable
  10. All is all
  11. Partir pour ne plus revenir

Gesamtspielzeit: 49:48 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-06-20 20:57:20 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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