Haiyti - Perroquet

Haiyti- Perroquet

Vertigo / Universal
VÖ: 07.06.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Leben ohne Rolex

Am Wochenende auf dem Maifeld Derby 2019: Kollegin Depner, Ex-Kollege Heidrich und ich unterhalten uns. "Boah, die neue Haiyti find ich ja wieder geil", sage ich. Entgleisende Gesichter sind die Folge. Ja, ich weiß, ich habe quasi nachgewiesener Weise keine Ahnung von HipHop, aber Haiyti macht einfach Bock. Das war schon vor ihrem Major-Debüt so, aber auf "Montenegro Zero" dann sogar noch etwas mehr. Kollege Rubach sah das ein bisschen anders und als ich eine Insta-Story (folgen Sie mir hier) davon postete, wie ich mir das 2018er-Werk der Hamburgerin aus dem Plattenladen geholt hatte, erntete ich entsetzte Reaktionen, als ob ich gerade Tickets für die nächste SWR3-90er-Party gekauft hätte. Als Konsequenz meiner Erklärungsnot möchte ich mich nun ins Schelmische flüchten und sagen: Niemand außer mir versteht eben diese Musik!

Die neue Haiyti-Platte "Perroquet" kam quasi lautlos. Nach dem letztjährigen Hype – den offenbar kein anderer Mensch außer mir als solchen empfunden hat – ist dieses Vorgehen bei der Veröffentlichung halbwegs verwunderlich, aber es passt zum Sound von "Perroquet", der um einiges ruhiger geraten ist als noch auf "Montenegro Zero". Später mehr dazu, warum das wohl so ist. Einen Banger wie "Mafioso" vom Vorgänger jedenfalls sucht man hier vergebens, wenn man mal "Droptop", das von Hafti-Brudi Milonair gefeatured wird, außen vor lässt. Fünf von zehn Tracks hat Haiyti bereits ausgekoppelt, dieses Teil hebt sie sich offenbar für den großen Höhepunkt auf. Nicht nur die hintergründige Melodie geht ins Ohr, sondern auch Haiytis hitziges Gespitte in ihrer zweiten Strophe und der ausleitende Four-on-the-floor-Bass bleiben hängen. Auch "Uzi" kommt etwas kräftiger an und zitiert dabei mehr oder weniger Haftbefehl: "Wenn nicht mit Rap, dann mit der Uzi." Vorteil der Maschinenpistole gegenüber der Pumpgun: Sie ist einhändig zu bedienen und muss nicht nach maximal zwei Schüssen nachgeladen werden. Wenn man sich überlegt, welches Blutbad Frau Zschoche dabei anrichten dürfte, ist sie hier ganz Cloud-Rap-like maximal gelangweilt, wenn sie die Boutique stürmt. In "Tansania" übernimmt Lent diese Rolle, während die Rapperin hier zumindest einmal aus voller Seele und Kehle keift.

Kommen wir mal auf den Namen des Albums zu sprechen: Laut Promotext geht "Perroquet" auf den gleichnamigen französischen Cocktail zurück, das aber ist eine ziemlich unspannende Geschichte. Denn das Album wirkt nicht etwa sturztrunken, sondern durchaus nüchtern. Auf Deutsch heißt "Perroquet" Papagei. Dabei ist es aber nicht etwa das bunte Gefieder dieses herrschaftlichen Tieres, welches den Namen zum Programm macht, sondern die von Haltern eines solchen Prachtvogels vielseits gefeierte Eigenschaft: das Nachahmen. Man könnte das als Outing begreifen – mit anschließender Sinnfrage. Haiyti gibt zu, dass Sie nur nach vorgefertigten Regeln spielt, die das Business oder was auch immer irgendwann einmal definiert hat und singt dann in "Alles Gucci" plötzlich hadernd: "Das Geld in meiner Hand wirkt immer etwas abstrakt." Mal Shindy zitieren: "Was ist ein Leben ohne Rolex wert?" Haiyti hat es wohl herausgefunden: "Ob das Kaschmir ist? Frag mich nicht", heißt es ebenso im zuvor genannten Titel – wen juckt's! Auch "Es kostet" ist schonungslos ernüchternd, tut es doch nichts anderes als fast gequält die Kostenfaktoren des Rap-Games zu benennen – vom teuren Outfit bis zum Maserati. Es ist eine Art Wolfgang-Schäuble-Version eines Trap-Tracks und damit vielleicht der beste, der je geschrieben wurde.

Hayitis Überdruss kulminiert nun also in einer Melancholie, die auf "Perroquet" durchweg zu spüren ist. Das fängt schon mit den einleitenden Gitarren des Openers "Coco Chanel" an, zu welchem die Rapperin ein Video in der "Strache-Villa" auf Ibiza gedreht hat. Während die Hamburgerin 2018 noch auf wilde, großteils nostalgisch-poppige Arrangements setzte, ist "Perroquet" ein auf die Essenz runtergekochtes Trap-Album (unter anderem produziert von Macloud und Miksu). Gerade aber darin, dass die Platte inszenatorisch den Ball dermaßen flach hält, entfaltet "Perroquet" seinen Charme, denn die Persiflage entsteht schlicht im schieren Mitspielen Haiytis, die über gute 26 Minuten konsumverherrlichende Inhaltsleere zelebriert, um hier und da den entscheidenden Nadelstich zu setzen. Haiyti nutzt die leisen statt der lauten Töne und zieht das Einzelne dem Vielen vor, um die Message zu liefern – das hätte man ihr eigentlich kaum zugetraut und das ist es auch, was das Album schließlich von der Masse abhebt. Das wird ja wohl noch irgendjemand außer mir verstehen können!

(Pascal Bremmer)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Es kostet
  • Tansania (feat. Lent)
  • Droptop (feat. Milonair)
  • Uzi

Tracklist

  1. Coco Chanel
  2. Es kostet
  3. Tansania (feat. Lent)
  4. Droptop (feat. Milonair)
  5. Uzi
  6. Cappuccino in Mailand
  7. Chatboy
  8. Alles Gucci
  9. Barkash
  10. Pyro

Gesamtspielzeit: 26:24 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
bläck föss klassiker
2019-07-08 14:00:00 Uhr
Pass op jong, isch kann mikado
do küs janit an misch ran
mit einem schlach vun mir bes du ko
pack misch nit an - hajyto!
Jakob
2019-07-08 01:30:58 Uhr
Haiyti ist anders .das ist der Punkt .eigene Sprache andere Bausteine.Wer sie live gesehen hat.wie sie 90 min Spottet ,Spittet und dabei alleine ,auf der Bühne nur mit einer Plastikpalme, bewaffnet.Laesst sie doch schon mal 90 % aller anderen Hip Hop
Künstler hinter sich.so geschehen ,beim Heimkoncert in Hamburg.46 Kilo und die Bässe .......hat sie nicht den Echo gewonnen?
shrt y
2019-06-27 15:37:12 Uhr
10 tracks in 26,5 min. okay...

Pascal

Postings: 434

Registriert seit 13.02.2013

2019-06-26 10:00:57 Uhr
Story of my life. Zu intelligent für alle. Außerdem bin ich fast schon unsympathisch bescheiden. Danke für dein Mitleid.
kuku
2019-06-25 11:50:33 Uhr
Gerade aber darin, dass die Platte inszenatorisch den Ball dermaßen flach hält, entfaltet "Perroquet" seinen Charme, denn die Persiflage entsteht schlicht im schieren Mitspielen Haiytis, die über gute 26 Minuten konsumverherrlichende Inhaltsleere zelebriert, um hier und da den entscheidenden Nadelstich zu setzen. [...] Das wird ja wohl noch irgendjemand außer mir verstehen können!

Da würd ich nicht von ausgehen, Pascal, du bist n verdammt cleverer Bursche und das ist schon sehr kompliziert mit Haiytis und deiner Metaselbstironie...
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify