Radiohead - Minidiscs [Hacked]

Radiohead- Minidiscs [Hacked]

Bandcamp
VÖ: 11.06.2019

Unsere Bewertung: Ohne Bewertung

Eure Ø-Bewertung: 8/10

18 Pfund Gehacktes

Angeblich war das alles gar nicht so geplant, wie es nun gekommen ist. Doch Radiohead seien um 150.000 Flocken erpresst worden, da ihr gestohlenes, 18 Platten umfassendes Minidisc-Archiv aus den Sessions zu "OK computer" sonst geleakt werden würde. Ehrlich: Das ist in dieser Form ein ziemlich dummer Plan. So dumm, dass man hinter dem zwischenzeitlichen Ohnehin-Leak und der nun klanglich etwas besseren offiziellen Veröffentlichung auf der Radiohead-Bandcamp-Seite auch eine ausgetüftelte Promo-Masche vermuten könnte. Sei es drum – für 18 Tage darf man sich fast ebenso viele Stunden Archivmaterial für 18 Britische Pfund herunterladen. Die Profite gehen im Sinne des guten Zwecks an die Umweltorganisation Extinction Rebellion. Kein Wunder, dass sich Begeisterung breitmachte und bereits eine Reddit-Taskforce per Google Docs die Sondierung des Audiowusts vornahm. Dort findet sich übrigens auch eine ganz andere Version der Veröffentlichungsgeschichte – mag man glauben oder nicht.

Selbstverständlich sind viele Dopplungen und halbfertige Skizzen unter den 18 Discs, die zwischen 18 und 73 Minuten lang sind. Wer hört sich schon dreimal hintereinander ununterscheidbar ähnliche Versionen von "Subterranean homesick alien" (MD125, 26:46) an? Kaum jemand, auch nicht der Rezensent, zugegeben, der für diesen Text zwar alle Minidiscs einmal sondiert, aber eben nicht jede einzelne Sekunde tiefgehend analysiert hat. Es wird mit Sicherheit nicht lange dauern und Compilations der besten Momente sprießen aus dem Boden. "It's not v interesting", fasste Thom Yorke im Band-Statement das höchstselbst nüchtern zusammen. Trifft das auch auf Dich zu?

"Ich will die Stücke ohne den ganzen Studio-Firlefanz!"

Wenn vor allem reduziertes Akustik-Schrammeln Dein Ding ist, halten die Minidiscs eine ganze Menge bereit. Aus den besten Solo-Demos von Thom Yorke könnte man ein ganzes, wertiges Album formen. Einige dieser allesamt nur inoffiziell betitelten Stücke haben tolle Melodien, etwa "I want you to know" (MD112, 8:38). Bei den verschiedenen Ansätzen für "Last flowers" wird außerdem schnell klar, warum die spätere finale Version auf der "In rainbows"-Bonus-CD eher dem kargen Ansatz folgt (MD116, 10:36) anstatt den Band-Fassungen (besonders schlimm: MD119, 17:26). Toll ist auch das energische Schrubben von "Life in a glasshouse" (MD119, 38:00), erst später auf "Amnesiac" final vollendet.

"Ich möchte unveröffentlichte, tolle Songs!"

Abseits von den gerade thematisierten Akustikstücken gibt es interessante Ansätze von neuen Songs, aber wirklich nichts Essentielles. "Attention" (MD115, 37:42) beginnt beispielsweise nett, verliert aber recht schnell den Kopf. Das süßliche, aber textlich komplett beknackte "Hurts to walk" (MD112, 52:23) ist nicht mehr als für einen Lacher gut. Ein 10-minütiger Jam (MD117, 44:02) zeigt sogar eine stark funkige Seite. Einige Field Recordings und Filmschnipsel finden sich querverstreut – ein Teil davon musste wohl aus Lizenzgründen von der nun käuflichen Version entfernt werden. Der Verdacht, dass alle guten Ideen bereits zu kompletten Songs ausgearbeitet wurden, erhärtet sich allerdings durch die Minidiscs.

"Radiohead fand ich immer ganz interessant, aber Yorke kann ich nicht ausstehen. Ich will was Instrumentales."

Da gibt es ein wenig, aber nicht viel. Eher werden Dir umgekehrt die Yorke-Akustikdemos Schüttelfrost bescheren, insbesondere die A-cappella-Takes von MD128.

"Ich will High-End-Klang für meine neue Anlage!"

Moment, wie bist Du denn hier reingekommen? Husch, husch, zurück!

"Ich suche nach neuen Blickwinkeln auf die bekannten Songs!"

Herzlichen Glückwunsch, Du wirst am meisten Spaß mit den Minidiscs haben! Denn stellenweise ist es wirklich erhellend, welche Entwicklungsstadien die Songs durchlaufen haben. Es lässt sich hier nur ein Bruchteil aufführen. MD126 enthält eine frühe Tracklist des finalen Albums, "Karma police" nimmt den vorletzten Platz ein. Gleich das erste Fragement des ganzen Dumps verbindet auf schrullige Weise "Exit music" mit "Life in a glasshouse" (MD111, 0:00). Die Fanherzen höher schlagen lässt auch die elfminütige Version von "Paranoid android" (MD115, 5:38). Die Lyrics sind noch im Frühstadium, dafür dreht der Schlussteil vollkommen frei und driftet in Kraut-Gefilde ab. Quasi Radioheads Gegenpart zu The Beatles' "Revolution (Take 20)". Warum sich die Band andersherum mit einer Veröffentlichung von "True love waits" so schwer tat, illustriert die überhaupt nicht funktionierende Synthpop-Katastrophe ebendieses Songs (MD111, 15:38). Grandios dagegen: die ursprüngliche Fassung von "Lift" (MD125, 9:46), das wohl tatsächlich der Hit geworden wäre, den die Band vermeiden wollte.

"Ich finde 'OK computer' überbewertet, können die Minidiscs meine Meinung ändern?"

"Ich kenne 'OK computer' noch gar nicht!"

Wer "OK computer" nicht für ein Jahrhundertalbum hält, wird an den Minidiscs natürlich wenig Freude haben. Man muss schon Interesse am Schaffensprozess von Radiohead ab Mitte der Neunziger mitbringen. Einsteiger greifen derweil ohnehin besser zu "OK computer OKNOTOK 1997 2017".

Den zahlreichen Verehrern sei jedoch Spaß beim Durchforsten, Schmunzeln und Staunen anhand der vielfältigen Entwicklungsstadien einiger Songs und der verblüffenden quantitativen musikalischen Potenz der Band garantiert. Die Ausschussquote ist vorhanden, aber nicht so hoch, wie Yorkes Ankündigungen es glauben machen wollen – es sind definitiv mehrere Stunden wertige bis tolle Musik zu finden. Zudem sind die Stücke nie so schrottig, dass sie ernsthaft das Monumentum des Mutteralbums gefährden. Bedenkt man, dass beispielsweise Nirvanas "With the lights out" teils mindestens ebenso blechern klingende Stücke in aufgemöbelter Box zu einem horrenden Preis verschleuderte oder diverse Reissues größeren Müll als neue Offenbarung verkaufen wollen, erscheinen die 18 Pfund für "Minidiscs [Hacked]" wirklich fair. Der Nervenkitzel beim Goldgraben ist der Lohn.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • -

Tracklist

  1. MD111
  2. MD112
  3. MD113
  4. MD114
  5. MD115
  6. MD116
  7. MD117
  8. MD118
  9. MD119
  10. MD120
  11. MD121
  12. MD122
  13. MD123
  14. MD124
  15. MD125
  16. MD126
  17. MD127
  18. MD128

Gesamtspielzeit: 978:52 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
dj_ddt
2019-06-28 17:23:27 Uhr
Archivierung auf Mini-Disc? Die sind doch garnicht dafür geeignet, da sie komprimiert speichern. DAT war dafür geeignet, aber doch nicht die Mini-Disk!
Ich gl­a­ube, es h­a­cked
2019-06-24 11:16:47 Uhr
Gibt es hier echt Leute, die die Rezis lesen?
SchleimIncoming
2019-06-24 11:05:04 Uhr
Herr Heinecker, ich danke Ihnen. Wegen Rezis wie dieser liebe ich Plattentests.

Affengitarre

Postings: 4834

Registriert seit 23.07.2014

2019-06-23 19:23:54 Uhr
Steht zumindest so auf der bandcampseite, ist wohl so eine neumodische Abkürzung.

The MACHINA of God

Postings: 15554

Registriert seit 07.06.2013

2019-06-23 19:16:10 Uhr
"It's not v interesting", fasste Thom Yorke im Band-Statement das höchstselbst nüchtern zusammen.

Ist das ein Tippfehler?

Ansonsten hör ich jetzt mal mit Guide und den Rezensions-Empfehlungen etwas rein.
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