Neufundland - Scham

Neufundland- Scham

Unter Schafen / Al!ve
VÖ: 31.05.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Liebe in Zeiten der Follower

Die tanzbaren Fraktionen deutscher oder deutschprachiger Indie-Pop-Rock-Gruppierungen um Wanda, Bilderbuch oder Leoniden erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Seit geraumer Zeit ist nun auch das Kölner Quintett Neufundland auf dem Weg, eine Lanze für den deutschen Pop zu brechen – oder gefälligen Rock wieder mehr in den Mainstream zu rücken, je nach Standpunkt. Nach einer selbstbetitelten EP und dem Debütalbum "Wir werden niemals fertig sein" hat die Band ihren Sound zwischen kantigen, weißen Grooves, 80er-Synthies und zynischer Internet-Selbstkritik aus der linksfeministischen Filterblase gefunden. "Scham" führt diese Attitüde auf die Spitze und zeigt dabei, dass auch aus dieser ungewöhnlichen Kombination wirklich gute Musik entstehen kann.

Denn obwohl nicht wenige Zeilen der zwölf Songs teils arg gewollt klingen, so treffen sie doch überraschend häufig den Nagel der Selbstgefälligkeit auf den Kopf. "Pop mit Haltung" beanspruchen zwar regelmäßig Bands für sich, um der Vorverurteilung eines auf Kantigkeit gaffenden Feuilletons zu entgehen, auf "Scham" trifft das jedoch häufig zu. "Männlich blass hetero" ist einerseits die Song gewordene Erbschuld der sich ihrer Privilegien bewussten Großstadt-Abiturienten mit den genannten Identitätsmerkmalen, regt mit seinen bitterbösen, fast schon nihilistischen Vergleichen aber dennoch zum Nachdenken an: "Café Latte, Business Punk / Mein iPhone filmt den Mandingo-Kampf..

Solche scharfzüngigen Bestandsaufnahmen der millenialen Verkommenheit sind mitunter fast schon auf dem Niveau von Sarkasmus-König Alligatoah. Leider wollen Neufundland auf manchen Songs etwas zu viel, was zu leicht inzestuösen Selbstbestätigungen des eigenen, aufgeklärten Studierenden-Weltbildes führt – etwa in der leicht forcierten Social-Media- und Fernreise-Kritik auf "Hochwassertouristen": "Für einen kurzen Moment ist das Atlasgebirge / Fast so schön wie auf Pinterest." "Die Nacht ist jung" vertont dagegen gelungen das Gefühl der Social Awkwardness, das so viele junge Menschen einsam und ausgeschlossen fühlen lässt: "Die Nacht ist jung und ich bin alt / Ihr trinkt euch warm und mir ist kalt."

Auch und gerade musikalisch hat "Scham" einiges zu bieten: Tanzbare Midtempo-Drums treffen auf gemutete Gitarren-Hektik à la The 1975 und stimmige Synthesizer-Flächen. Das mag sich auf Albumlänge etwas ermüden, ist aber nichtsdestotrotz ein willkommener und zu jedem Zeitpunkt organischer Kontrast zu der Masse an 90er-Bands und hochproduzierten Pop-Radiohits. Der Opener "Liebe" reichert diese Arrangements zusätzlich noch mit Fuzz-Riffs und Akustik-Gitarre an, während das anfangs etwas gefällige "Viva la Korrosion" in seiner Bridge mit seiner funkigen Offbeat-Bridge und anschließendem Michael-Krammer-Gitarrensolo einen der musikalisch stärksten Momente des Albums bietet. Schaffen es Neufundland künftig, die kleinen Schwächen ihres Zweitlingswerkes auszumerzen, könnte aus den Ehrenfelder Lokalhelden schnell eine nicht mehr wegzudenkende Größe im deutschen Indie-Pop-Kosmos werden.

(Julius Krämer)

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Highlights

  • Alles Lüge
  • Männlich blass hetero
  • Viva la Korrosion

Tracklist

  1. Liebe
  2. Alles Lüge
  3. Amännlich blass hetero
  4. Hochwassertouristen
  5. Disteln
  6. Viva la Korrosion
  7. Staub der Verlierer
  8. Die Nacht ist jung
  9. Eine Nagelbombe später
  10. Das Paris-Syndrom
  11. Sabotage
  12. Im Netz der Spinner

Gesamtspielzeit: 41:20 min.

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2019-06-17 23:35:14 Uhr
Der Link in der Rezension führt zu "Johanna Borchert - Love or emptiness" anstatt zum Debütalbum.
Christian G.
2019-06-13 22:53:27 Uhr
Das Review ist ja eigentlich ganz gut. Sachlich formuliert, teils brilliant analysiert. Im Ergebnis komme ich allerdings zu dem Schluss, dass es sich bei Neufundland um eine der spannendsten, deutschsprachigen Bands im Moment handelt. Die Band wagt etwas, hat einen modernen Sound und eine lyrische Tiefe in den Texten. Für mich eher Kante und Tocotronic als eher langweilige, österreichische Bands. Wer sie auf dem Reeperbahn Festival oder der c/o Pop gesehen hat weiß, dass die Band live sehr dynamisch Richtung Foals und The Notwist agiert. Aber Geschmäcker sind verschieden. Für mich bleibt die Band eine tolle und willkommene Entdeckung. Habe ich in dem Stil noch nicht gehört. Sollte man zumindest mal rein hören!

Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-06-13 20:37:34 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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