Snapped Ankles - Stunning luxury

Snapped Ankles- Stunning luxury

Leaf / Indigo
VÖ: 01.03.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Pappeln aus Plastik

Wenn man mit Moos und Fake-Rauschebärten behangene Gestalten vor einem sieht, die herumhüpfen und Klänge aus verkabelten Ästen erzeugen, ist man entweder auf Halluzinogenen beim "Twin Peaks"-Marathon eingeschlafen oder bei einer Live-Show von Snapped Ankles. Vor allem aufgrund ihrer obskuren Performance-Kunst hat sich die mysteriöse Londoner Band in den letzten Jahren einen kleinen Szene-Namen erarbeitet, doch sollte ihre Studio-Musik deshalb nicht unter den Tisch fallen. Zwischen Krautrock und einer verschrobenen Interpretation von Post-Punk schuf der Vierer auf dem passend betitelten Debüt "Come play the trees" eine symbiotische Verbindung von Natur und Künstlichkeit: Tribal-Rhythmen und ökozentrierte Texte stehen im Einklang mit einem guten Schuss Synthesizer-Wahnsinn. Der Nachfolger "Stunning luxury" wagt sich noch ein bisschen mehr aus dem Wald heraus und stellt sich den Lebensproblemen der großen Stadt, von unbezahlbaren Mieten bis zur Gentrifizierung. Doch Snapped Ankles machen sich nicht zum Politikum, bei ihnen steht die Form stets über dem Inhalt, und so ist ihr Handlungsvorschlag ein für jeden unmittelbar umsetzbarer: tanzen.

Im Grunde lässt sich in der ersten Albumhälfte beobachten, wie sich ein paar kauzige Can-Epigonen Schritt für Schritt zur New Yorker Dance-Punk-Band entwickeln. Der Opener "Pestisound (Moving out)" kommt noch am krautigsten daher, zerrt mit Kuhglocken und unheimlichen Synthies an einem stoisch zuckenden Rhythmus. Dessen nervös flirrende Elektronik bestimmt auch das ungleich athletischere "Tailpipe", das schon merklich direkter auf die Tanzfläche zeigt – dass hinter dem Groove ein dunkler Text über Suizid und Umweltverschmutzung steckt, hätte dem hier gewürdigten US-Komiker und Berufszyniker Bill Hicks sicher gefallen. "Letter from Hampi Mountain" irritiert noch mit undefinierbaren Störgeräuschen, doch "Rechargeable" wird mit druckvollem Synth-Bass und dem ersten hörbaren Gitarreneinsatz zum komplett zugänglichen Post-Punk-Brett, stilsicher, aber nicht beliebig. Es erscheint merkwürdig passend, dass Paddy Austin beim Vortrag seiner teilweise unverständlichen Mantras nicht nur hier wie der irre Zwillingsbruder von James Murphy von LCD Soundsystem klingt. Hätten sich Snapped Ankles 30 Jahre früher gegründet, sie wären mit hoher Wahrscheinlichkeit im Namedropping von deren "Losing my edge" aufgetaucht.

Es ist erstaunlich, wie offen sich die Band trotz visueller wie akustischer Abseitigkeiten durchweg präsentiert. "Delivery van" jongliert eine in ihrer Eingängigkeit fast schon Kinderlied-artige Melodie, während "Drink and glide" mit Fuzz-Gitarren, Power-Refrains und einer großartigen, instrumentalen Bridge sogar Potenzial zum Indie-Hit hat. Auch die ausschweifenderen Songs verlieren sich nie, seien es das sich wieder mehr in die anfänglichen Krautrock-Einflüsse lehnende "Dial the rings on a tree" oder der Sprechgesangs-Synthie-Funk von "Three steps to a development", der klimaktisch Schicht um Schicht stapelt. Einzig "Skirmish in the suburbs" stellt eine kleine Herausforderung dar, ein strukturloser Track zwischen Ambient und frühem House mit zur Unkenntlichkeit verzerrten Sprachfetzen und einem nie zum Höhepunkt kommenden Aufbau – vielleicht schon in seiner Form ein Kommentar auf suburbane Frustration? Das abschließende "Dream and formaldehyde" erzeugt jedenfalls eine ähnlich gesellschaftskritisch anmutende Stimmung, eine leicht dystopisch erscheinende Sci-Fi-Fläche, die ein bisschen so klingt, als hätten John Carpenter und Brian Eno Fahrstuhlmusik fürs Great Northern Hotel komponiert. War vielleicht doch alles nur ein Traum?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Tailpipe
  • Rechargeable
  • Drunk and glide

Tracklist

  1. Pestisound (Moving out)
  2. Tailpipe
  3. Letter from Hampi Mountain
  4. Rechargeable
  5. Delivery van
  6. Three steps to a development
  7. Skirmish in the suburbs
  8. Dial the rings on a tree
  9. Drink and glide
  10. Dream and formaldehyde

Gesamtspielzeit: 44:18 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-05-30 20:04:16 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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