Carly Rae Jepsen - Dedicated

Carly Rae Jepsen- Dedicated

Schoolboy / Interscope / Universal
VÖ: 17.05.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die feine Klinge

Wer sich über zu viel Einheitsbrei im modernen Pop-Geschäft beklagt, könnte in der einzigartigen Karriere Carly Rae Jepsens ein wenig Auflockerung finden. Als Canadian-Idol-Dritte und unauffällige Folk-Musikerin beginnend, ebnete ihr der unerwartete Riesenerfolg von Ihr-wisst-schon-welchem-Song eigentlich den perfekten Weg zum One-Hit-Wonder, bis "E·mo·tion" kam. Das von Indie-Darlings wie Dev Hynes oder Rostam Batmanglij mit-produzierte Album bescherte ihr nicht nur zu Recht viel Kritiker-Anerkennung, es katalysierte auch eine fast schon kultische Verehrung durch Fans, die ihr Idol sogar aus irgendeinem Grund mit einem Schwert ausstatten wollten. Es scheint erstaunlich, dass besagte Platte kommerziell weit weniger auf sich aufmerksam machte, doch vielleicht sticht das gemäßigte Image der 33-Jährigen auch zu wenig aus dem Massenmarkt heraus.

So bleibt auch die auf "Dedicated" vollzogene Entwicklung konsequent. Die Songs bewahren sich ihre starken Einflüsse aus den Achtzigern, nehmen sich aber noch mehr zurück und lehnen sich teilweise an die entspannten Disco-Grooves einer Dekade früher an. Der Opener "Julien" gelingt da am besten, ein leicht melancholischer Synthie-Hit, den Jepsen mit ihrem kühlen, aber nicht leidenschaftslosen Vortrag perfekt vermitteln kann. Noch immer können nur wenige Popstars so simpel und doch bezugsfähig über Herzschmerz und Verknalltsein singen, auch "Happy not knowing" und "Automatically in love" sind ganz typische Songs von ihr, die höchstens darunter leiden, dass die Kanadierin schon Ähnliches in besser gemacht hat. An einzelnen Stellen ersticken fragwürdige Produktionsentscheidungen allerdings die unerfüllten Liebessehnsüchte: "Now that I found you" schielt zu gezwungen auf Charts-EDM, "I'll be your girl" entscheidet sich aus unerklärlichen Gründen für einen völlig unpassenden Uptempo-Beat.

Andere musikalische Ambitionen sorgen wiederum für Glanzpunkte. Lorde-Produzent Jack Antonoff verhilft Jepsen in "Want you in my room" zu einem ihrer unkonventionellsten Songs überhaupt, der mit perlenden Gitarren und Daft-Punk-Vocoder Hook an Hook reiht und im Fade-Out sogar das Saxophon aus "Run away with me" zurückbringt. Das funkige "Feels right" bekommt mit Asa Taccone von Electric Guest einen spannenden Feature-Partner, während die auf der Stelle schwebenden Synthies und Drumcomputer-Handclaps von "For sure" das perfekte Klangbild für Jepsens um ein Beziehungsende kreisende Gedanken zeichnen – der thematische Schwestersong "Right words wrong time" gerät im Vergleich dazu etwas dröger. Einzig das mit Chipmunk-Vocals und irritierender Percussion vollgestopfte "Everything he needs" hat etwas Nervpotenzial, auch wenn diesem sehr homogenen Album ein bisschen Irrsinn vergönnt sein soll.

Schon früh ist in "No drug like me" unter prägnantem Synth-Bass eine neue Form der Sinnlichkeit in Jepsens Auftreten zu hören und auch im weiteren Verlauf der Platte entwickelt sie ein zunehmendes Selbstbewusstsein im Umgang mit ihren Emotionen. Es begeistert, wie offen sie in "Too much" ihre Schwächen reflektiert, um alles schließlich in einem kathartischen Refrain aufzulösen, und auch "The sound" formuliert klare Forderungen und Wünsche, nachdem das zaghafte Piano zu Beginn noch Zweifel andeutete. Wo das reguläre Album noch mit "Real love" seinen Schlusspunkt im astreinen Teenie-Pathos findet, hat Jepsen sicher nicht zufällig die 2018er-Single "Party for one" als großes Bonus-Finale gewählt – ihre euphorischste Hymne der Selbstakzeptanz, die auch subtile Masturbations-Andeutungen einwebt. So ist "Dedicated" trotz stolzer Länge nicht nur ein stimmiges Pop-Album mit mehr Höhen als Tiefen geworden, es hilft seiner manchmal etwas untergehenden Künstlerin auch bei der weiteren Feingestaltung ihrer Persönlichkeit. Und das ganz ohne Schwert.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Julien
  • Want you in my room
  • Too much
  • Party for one (Bonus)

Tracklist

  1. Julien
  2. No drug like me
  3. Now that I found you
  4. Want you in my room
  5. Everything he needs
  6. Happy not knowing
  7. I'll be your girl
  8. Too much
  9. The sound
  10. Automatically in love
  11. Feels right (feat. Electric Guest)
  12. Right words wrong time
  13. Real love
  14. For sure (Bonus)
  15. Party for one (Bonus)

Gesamtspielzeit: 48:30 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
The Triumph of Our Tired Eyes
2019-05-23 22:39:02 Uhr
Nicht ganz so gut wie ihr Bruder Ken Jepsen.

Armin

Postings: 16251

Registriert seit 08.01.2012

2019-05-23 20:01:13 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
Loam Galligulla
2019-05-19 14:14:14 Uhr
Und wieder ein tolles Grower Album. Ich liebe diese euphorischen Pop Banger. Der Sound könnte in den Hooks jedoch stärker explodieren.

Armin

Postings: 16251

Registriert seit 08.01.2012

2019-05-16 18:44:20 Uhr
Carly Rae Jepsen

Am Freitag erscheint "Dedicated" und neben "Now That I Found You" und "No Drug Like Me" ist auch der letzte Woche erschienene Vorbote "Too Much" auf dem Album enthalten. Sieben Jahre nach ihrem Durchbruch mit dem Ohrwurm-Klassiker "Call Me Maybe" meldet sich Carly mit einem packenden und berührenden Album zurück.


Armin

Postings: 16251

Registriert seit 08.01.2012

2018-11-08 19:07:44 Uhr - Newsbeitrag
Carly Rae Jepsen, Carly Rae Jepsen veröffentlicht neue Single + Video Party For One

Carly Rae Jepsen
Carly Rae Jepsen veröffentlicht neue Single + Video "Party For One"
Mit dem Mega-Hit und Mega-Orhwurm "Call Me Maybe" dominierte Carly Rae Jespen weltweit die Charts! Ganze 7 Jahre ist das schon her, doch jetzt ist sie zurück: Carly Rae Jepsen witmet sich wieder der Musik:“Party For One” heißt ihre neue Single und ist der erste Vorgeschmack auf ihr nächstes Studioalbum, das 2019 erscheint.




Ein neuer Look, aber die altbekannten smarten Texte - Carly Rae Jepsen zeigt sich mit "Party For One" in Bestform und uns den perfekten Vorgeschmack auf ihr neues Werk. Die Single ist eine aufbauende Hymne, die die Importanz der Selbstliebe – insbesondere nach einer Trennung – hervorhebt.

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