Biffy Clyro - Balance, not symmetry

Biffy Clyro- Balance, not symmetry

14th Floor / Warner
VÖ: 17.05.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Auf der Goldwaage

Das kam unerwartet: Während Biffy-Clyro-Fans womöglich noch am vergeigten "MTV Unplugged" kauten, kündigte das schottische Trio nun ein knappes Jahr später ein Soundtrack-Album an, gerade mal einen Tag vor Veröffentlichung. "Balance, not symmetry" heißt der noch nicht erschienene zugehörige Film von Jamie Adams mit Screenwriting-Mitwirkung von Frontmann Simon Neil, und ebenso betitelt ist die vorliegende Platte mit stolzen 17 Tracks. Keinesfalls stellt diese jedoch eine obskure Score-Arbeit dar, sieht man vielleicht von drei auflockernden instrumentalen Interludes ab, die im Falle von "Pink" an Four Tet erinnern, im Falle der anderen beiden farblich betitelten auch bei den Landsmännern von Mogwai als Zwischenstück dienen könnten. Trotz aller Verwirrungen: Man kann "Balance, not symmetry" durchaus als neues Biffy-Clyro-Album sehen. Oder noch treffender – als Nachfolger im Geiste für die in schöner Regelmäßigkeit erscheinenen B-Seiten-Kompilationen wie "Lonely revolutions" und "Similarities", die ihren Mutteralben kaum nachstehen.

Da "Ellipsis" eine solche Zusammenstellung mangels phyischer Auskopplungen bisher verwehrt blieb, ergibt es um so mehr Sinn, "Balance, not symmetry" als dessen Gegenstück zu sehen. Ein vortrefflich benamtes noch dazu, denn mehr als in der jüngeren Zeit haben Biffy Clyro wieder Bock auf Experimente, die sie jedoch immer im Rahmen ihres hymnischen Stils der jüngeren Zeit halten. Der eröffnende Titeltrack gibt eine Idee davon: Eine chaotisch lärmende, launige Strophe, die mit den Worten "I don't wanna be defeated / I just wanna fuck" die ersten Denkfalten verursacht, wird durch den schmissigen, einfachen Refrain kontrastiert. Das mit ruhigem Drumbeat ausgestattete "Colour wheel" gibt sich so lange scheinbar vorhersehbar, bis ein heftiger White-Noise-Ausbruch mittenrein platzt, nur um für immer wieder zu verschwinden. Ähnlich unvorhersehbar entwickelt sich "Plead" von Elektro-Poppigkeit über Bombastrock in einen hektischen, kurzen Brainfuck als Schluss. Es mag ihr ruhigstes Album sein, aber ruhig ist eben nicht gleich berechenbar.

Besonders beeindruckend gelingt die Verwandlung im sechsminütigen Zentralmassiv "Fever dream". Zart besingt Neil ein "interview with God", das sich mehr und mehr in Desolation versteigert, bis zu wuchtigen Lärmwänden nur noch ein kreischendes "Where the fuck is God?" übrigbleibt. Unfassbar theatralisch, aber für das Betreten von Neuland für die Band ein verdammt überzeugender Auftritt. Schockmomente gibt es auch im anderen Sinne. Das ultrapoppige "All singing and all dancing" erinnert dank seines euphorisch tütenden Keyboards nicht nur mit der Zeile "You stole my heart / You stole my soul" kurz an Modern Talking, auch wenn der gelungene Chorus alle Bedenken wegwischt. Und "Different kind of love" ist nur wenig spektakulärer als im "MTV Unplugged"-Gewand. Vielleicht möchte man auch meinen, dass in der hinteren Hälfte trotz solider Qualität ein bis zwei Streichungen in der Tracklist der dramaturgischen Straffung gut getan hätten, bevor "Adored" als Klavierballade die Platte äußerst schön beschließt.

Doch die Freude über mehr Wagemut steht viel mehr im Vordergrund, ebenso wie der Eindruck, dass die meisten der Songs denen von "Ellipsis" im Schnitt deutlich überlegen sind. Sie orientieren sich an dessen Stil – mal sanfter, mal pathetischer – und mischen das Ganze mit Abenteuerlust deutlich auf. Nicht selbstverständlich: Neil rankte 2016 die Alben der Band und entschied sich, sie in umgekehrter chronologischer Reihenfolge zu platzieren, also "Ellipsis" obenauf. Betrachtet man diese Aktion, jenes Album und die erschreckend mutlose Akustik-Liveplatte, durfte man sich ernsthaft Sorgen machen. Eigentlich seltsam, dass nun dieses sehr gelungene Projekt unter dem Soundtrack-Banner läuft und damit wahrscheinlich eher unterm Radar fliegt. Ein Folk-Kleinod wie "Gates of heaven" oder das mehrteilige, komplexe "Sunrise" würde man in jedem Fall gerne auch im Live-Repertoire wiederfinden. "All is a mixture of shit and gold", singt Neil im gut gelaunten "Jasabiab". Für dieses Album haben sie sich jedenfalls Letzteres aufgehoben.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Balance, not symmetry
  • Sunrise
  • Fever dream
  • Tunnels and trees

Tracklist

  1. Balance, not symmetry
  2. All singing and all dancing
  3. Different kind of love
  4. Sunrise
  5. Pink
  6. Colour wheel
  7. Gates of heaven
  8. Fever dream
  9. Navy blue
  10. Tunnels and trees
  11. Plead
  12. The naturals
  13. Yellow
  14. Touch
  15. Jasabiab
  16. Following master
  17. Adored

Gesamtspielzeit: 65:16 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Pure_Massacre

Postings: 40

Registriert seit 14.06.2013

2019-06-27 11:23:21 Uhr
Colour Wheel zählt auch zu meinen Favoriten. Erinnert mich natürlich im positiven Sinne immer etwas an "Diary of always".
crispin1
2019-06-27 10:42:03 Uhr
"Touch" ist mega, besonders der Part ab ca. 2:50.
Findet hier noch jemand außer mir auch "Colour Wheel" saustark?
Monthebiff
2019-06-06 22:50:37 Uhr
Album des Jahres außer vielleicht Chelsea Wolfe haut noch ein neues Album raus. Ganz groß!
monsebiff
2019-06-05 16:00:10 Uhr
richtiger grower, jetzt schon 9/10 für mich <3
bolek
2019-05-30 11:16:58 Uhr
"Touch" ist ja richtig stark!
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