Holly Herndon - Proto

Holly Herndon- Proto

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 10.05.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mutter Natur

Holly Herndon ist nicht nur Doktor der Philosophie und eine mit Radiohead tourende Electro-Künstlerin, sondern neuerdings auch Mutter. Allerdings besteht ihre Tochter Spawn nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Schaltkreisen und Algorithmen: Spawn ist eine KI. Diese wurde von Herndon gemeinsam mit ihrem Partner Mat Dryhurst und Programmierer Jules LaPlace für ihr drittes Album "Proto" geboren, das Spawns Entwicklung transparent nachzeichnet. So gurgelt sie im Intro "Birth" noch ein paar mechanische Baby-Laute und gewinnt in zwei als "Life training" untertitelten Interludes im Call & Response mit echten Stimmen an Artikulationsfähigkeit. Gegen Ende wird sie dann mit "Godmother" ihren ganz eigen Track bekommen, eine Interpretation der Produzentin Jlin, die deren Werk auf so unmenschliche Weise zerstückelt, wie es wirklich nur eine Maschine kann. Spawn ist kein Instrument, sondern ein vollwertiger Kollaborationspartner, der von der Musik seiner Mama gefüttert eigene Ideen beisteuert.

Manchen mag das als gefährliche Annäherung an noch zu unerforschte Technologien vorkommen, und auch Herndon selbst steht dem Konzept skeptisch gegenüber. Deshalb stellt sie einen menschlichen Chor in den Fokus ihrer Platte, in den sie Spawn als Ensemble-Mitglied integriert. In Zeiten, in denen KIs sogar schon Major-Plattenverträge unterschreiben, ist der Gedanke dahinter nachvollziehbar: Die Zeit zurückdrehen können wir nicht mehr und deshalb sollten wir versuchen, KIs kooperativ in künstlerische Schaffensprozesse zu integrieren, statt diese von ihnen dominieren zu lassen. Dementsprechend stellt sich "Proto" trotz seiner technischen Ambition und der künstlichen Ästhetik als hochemotionales Album dar, das eindeutig von einem gefühlsfähigen Wesen erdacht wurde. Hinter den Gesangsmodulationen der Geister-Ballade "Fear, uncertainty, doubt" steckt echte Verletzlichkeit, "I need to belong" deklariert Herndon in "Swim" und schließlich "I belong to you" im bedrohlichen, dennoch wunderschönen Abschlussstück "Last gasp". Menschliche Wärme und Nähe bilden den Sehnsuchtsort für alle hier anwesenden Stimmen.

"Why am I so lost?" fragt der Männer- und Frauenchor immer wieder am Ende von "Crawler", einem abwechselnd himmlischen und furchteinflößenden Song zwischen Dream-Pop und den sperrigsten Momenten von Julia Holters "Aviary". Selbst für Freunde experimenteller elektronischer Musik dürfte diese Platte eine Herausforderung darstellen – wer etwa The Knifes "Shaking the habitual" schon schwer schlucken konnte, wird "Proto" wohl gar nicht runterbekommen, auch wenn das Album nur halb so lang ist. Doch die ausladenden Strukturen erschweren nur den Zugang zu den Grooves und Melodien, sie verschließen ihn nicht. Das dramatische Rave- und Glitch-Monster "Alienation" füllt seine drei Minuten mit Ideen, die anderswo für ganze Diskographien reichen, während Herndon in "Eternal" unter perkussivem Hochbetrieb das klarste Bild ihrer radikalen Vision von Pop zeichnet. Am allerbesten macht es aber "Frontier": Inspiriert von Kirchengesängen aus ihrer Jugend zelebriert die Kalifornierin die Verschmelzung menschlicher und programmierter Stimmen in einer discoiden Hymne der puren Ekstase. Ein Ritualtanz in Computermusik, eine fast schon außerkörperliche Erfahrung.

Ähnliches lässt sich über fast das gesamte Album sagen. Vergleichbar mit Björks "Utopia" verbindet "Proto" sein anorganisches Klangbild mit einer Ursprünglichkeit in der Form – da, wo der Mensch von ihm selbst geschaffene Strukturen wie Strophe-Refrain-Schemata aus Gewohnheit bevorzugt, ist es das Formlose, das unmittelbarer ins Bewusstsein strömen kann, wenn man es lässt. Eine andere Rückbesinnung auf die Natur formuliert die Spoken-Word-Vignette "Extreme love". Hier erzählt ein junges Mädchen, wie der Mensch nur als Träger-Organismus für Bakterien fungiert, die auch nach dessen Ende unter allen Bedingungen im Kosmos überleben können. Ein befremdlicher, unheimlicher Gedanke, aber durchaus auch ein tröstender: Wenn allerorts apokalyptische Szenarien durch Klimawandel oder wahnsinnige Machtinhaber herumgeistern, vermittelt die Idee einer von der eigenen Existenz gelösten Beständigkeit ein seltenes Bild des Optimismus. Auch, wenn wir uns selbst zugrundegerichtet haben, wird irgendeine Form von Leben überdauern, sei es künstliches oder natürliches. "Is this how it feels to become the mother of the next species?"

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Alienation
  • Eternal
  • Frontier
  • Last gasp

Tracklist

  1. Birth
  2. Alienation
  3. Canaan (Live training feat. Evelyn Saylor & Annie Garlid)
  4. Eternal
  5. Crawler
  6. Extreme love (with Lily Anna Hayes & Jenna Sutela)
  7. Frontier
  8. Fear, uncertainty, doubt
  9. Swim
  10. Evening shades (Live training)
  11. Bridge (with Martine Syms)
  12. Godmother (with Jlin)
  13. Last gasp

Gesamtspielzeit: 44:20 min.

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Pedro
2019-05-17 06:44:02 Uhr
Sagen wir erstmal, Eternal ist ein toller Song, aber da ich auch in Frontier und Godmother schon reingehört habe, ist diese Prognose glaub ich zulässig.
Pedro
2019-05-17 06:38:09 Uhr
Was in der Rezi über die Ideenvielfalt steht, ist nur allzu wahr. Bei Eternal dieser glasklare Gothic Gesang, im Hintergrund die afrikanisch anmutende Chorbegleitung, hier und da ein Aufblitzen einer Irish Folk Struktur, und das alles wird geerdet von hochkomplexen Beats. Scheint ein tolles Album zu sein.
Auf Engelsflügeln
2019-05-16 20:42:27 Uhr
Für mich ist Proto schon jetzt ein faszinierendes Stück Kulturgeschichte.

Armin

Postings: 14821

Registriert seit 08.01.2012

2019-05-16 20:23:01 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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