Rammstein - Rammstein

Rammstein- Rammstein

Rammstein / Vertigo / Universal
VÖ: 17.05.2019

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Es ist schön, keine Tabus zu haben

Aus heutiger Sicht völlig irre, dass hierzulande einmal über eine Deutschquote im Radio diskutiert wurde. Längst hat die germanische Sprache die hiesigen Charts zu einem guten Teil übernommen und der einigermaßen geschmackssichere Hörer wünscht sich zwischen Capital Bra, Mark Forster und Uns Helene womöglich eher eine Deutsch-Obergrenze. Auftritt Rammstein. Die zwischen den Nummer-Eins-Hits in diesem Jahr mit "Deutschland" völlig aus der Zeit fielen. Und auf die Spitzenposition ging das natürlich, genau wie man seinen Allerwertesten verwetten kann, dass es das wahlweise selbst- oder unbetitelte siebte Album gleichtun wird. Den kalkulierten Tabubruch gab's vorweg: Im Teaser zum Clip sah man die Band als KZ-Häftlinge am Galgen. Dürfen die das? Werden hier NS-Verbrechen zum Unterhaltungszweck missbraucht? Als das knapp 10-minütige Mammutwerk das Licht der Welt erblickte, verstummten die aufgescheuchten Stimmen sofort. Das ist gefühlt so teuer wie die neue Staffel "Game of thrones" und um einiges durchdachter. Und das als Musikvideo im Jahre 2019: ein Anachronismus in sich.

Das "Deutschland", welches Till Lindemann besingt, ist kalt, ambivalent, verkommen. "Deutschland, meine Liebe / Kann ich Dir nicht geben / [...] / Wer hoch steigt, der wird tief fallen / Deutschland, Deutschland über allen." Ein Statement gegen Rechts, auf Rammstein-Art, versteht sich. Zudem auch dank des clever eingefädelten Anne-Clark-Zitats einer der besten Songs im Œuvre der Band überhaupt. Das folgende "Radio" ist mitnichten eine aktuelle Anklage an den eingangs thematisierten Rundfunk, sondern eine leicht satirische Huldigung an die Realitätsflucht über den Äther in der DDR. Harmonisch raffiniert samt Kraftwerks "Radioaktivität" in der Keyboard-Melodie, entfaltet das Empfangsgerät eine beinahe transzendentale Wirkung: "Schwebe so durch helle Räume / Keine Grenzen, keine Zäune."

Nimmt man nun noch das per Carmina-Burana-Chor pathosgeschwängerte, treibende "Zeig Dich" hinzu, das sich blinder Religionshörigkeit entgegenstellt, ist die beeindruckende Rückmeldung nach langer Funkstille perfekt. Drei Songs, drei Treffer. Doch "Rammstein" – ganz in der Tradition aller bisherigen Platten – hat insgesamt elf Tracks. Der Rest davon erreicht leider nicht mehr die Klasse des Anfangs. "Ausländer" möchte zwar auch irgendwie den Spieß gegen Fremdenfeindlichkeit umdrehen, verzettelt sich aber in missverständlichen Zeilen wie "Ich bin Ausländer / Mi amor, mon chérie" und einer zwar verdammt einprägsamen, aber eben auch sehr platten Hook. "Tattoo" begnügt sich derweil damit, zum "Du hast"-Gedächtnisriff einfach genau diese Thematik zu beschreiben. "Aus der Nadel blaue Flut / In meinen Adern kocht das Blut." Da hält man es doch lieber mit dem Motto der mittlerweile abgeschalteten Facebook-Seite "Tattoofrei": "Es ist schön, keine Tattoos zu haben."

"Rammstein" ist vor allem Fanbedienung und Imagepflege – vielleicht etwas sanfter und mit einem weicheren Holzhammer. Einen Vollausfall wie "Pussy" gibt es hier nicht, auch wenn sich "Sex" immerhin Mühe gibt. "Wir leben nur einmal / Wir lieben das Leben / Wir lieben ... Sex!" Oder auch: "Besser liederlich als wieder nicht." Da erinnert man sich kurz daran, dass Lindemann erst vor gut einem Jahr eine Single mit dem unfassbaren Refrain "Fick, fick Mathematik / Fick, fick / Fick sie richtig" veröffentlichte. Doch ein Track wie "Hallomann" ist maximal die FSK-12-Variante von "Weißes Fleisch". Wo damals "Du auf dem Schulhof, ich zum Töten bereit" in die Dunkelheit gegrollt wurde, heißt es anno 2019 "Steig einfach ein / Und ich kaufe Dir / Muscheln mit Pommes frites." Entsprechend gering die Intensität. Dann doch eher "Puppe", dessen düsteres Storytelling an "Herzeleid"-Zeiten erinnert und Lindemanns psychopathischer Ausbruch "Dann reiß ich der Puppe den Kopf ab!" für Gänsehaut oder Lachanfälle sorgt, aber wenigstens nicht egal ist.

Mit "Diamant" wird die obligatorische Ballade abgehakt, "Was ich liebe" und "Weit weg" wissen derweil so gar nicht, was sie eigentlich sein wollen und aussagen möchten, Letzteres kann wenigstens mit melodischer Stärke punkten. "Rammstein" nutzt unterm Strich jedoch die eigene Steilvorlage nicht, das Sextett nach den beiden sehr gelungenen Singles mit einem echten Statement zurückzubringen und an die Qualität der ersten drei Alben anzuschließen. Zur Erinnerung: Die sind nun schon rund zwei Jahrzehnte alt. Mit einer umjubelten und rasend schnell ausverkauften Tournee und einer mäßigen neuen Platte mit ein paar Krachern sind Rammstein letztlich da angekommen, wo man sie zwischen Zensurbehörden, Nazi-Ästhetik und bestialischen Texten nie vermutet hätte: im gesetzten Kreise der Legacy Acts.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Deutschland
  • Radio
  • Zeig Dich

Tracklist

  1. Deutschland
  2. Radio
  3. Zeig Dich
  4. Ausländer
  5. Sex
  6. Puppe
  7. Was ich liebe
  8. Diamant
  9. Weit weg
  10. Tattoo
  11. Hallomann

Gesamtspielzeit: 46:26 min.

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User Beitrag

Yersinia

Postings: 349

Registriert seit 27.06.2013

2019-08-05 16:36:15 Uhr
Danke für den Hinweis, Wolfgang! Wird geschaut!
Wolfgang M Schmitt
2019-08-05 15:03:57 Uhr
Hier ist die Pilotfolge von SchallalaBla - der Musiksendung mit Michael Krogmann und mir.

Es geht los mit Rammstein:
https://www.youtube.com/watch?v=mWvU3AAK0_I
Bobbel
2019-07-19 13:29:40 Uhr
Bommes, nicht Bopel!
Poppel
2019-07-19 11:55:30 Uhr
Und dann reißt sich der Popel den Kopf ab
Dann reißt sich der Popel den Kopf ab
Ja, dann beißt sich der Popel den Hals ab
Es geht mir nicht gut!
nix neues
2019-07-18 16:59:21 Uhr
Warum schreibst du ausgerechnet zu deinem am besten bewerteten Song nichts?

Meine Kommentarlosigkeit ist als Kompliment gedacht.

Dass "Sex" für Konzerte gedacht ist, wurde ja auf der aktuellen Tour gerade widerlegt. Da wurde beinahe alles vom neuen Album gespielt, nur dieser Song nicht.

Das muss dir die Band erklären, ändert aber nichts an meiner Aussage, dass der Song einen typischen Live-Char.akter hat.
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