The National - I am easy to find
4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 17.05.2019
Unsere Bewertung: 10/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
Finderlohn
Ums Finden und Gefundenwerden geht es in jüngerer Zeit häufig bei The National. "I am easy to find", behauptet der Titel ihres achten Studioalbums, merkwürdigerweise hieß es ziemlich genau sechs Jahre zuvor noch: "I wonder if you live there still / [...] / If I tried, you'd probably be hard to find." Der Titel der zugehörigen Platte? "Trouble will find me". Ist es Zufall, dass dessen Cover sich im aktuellen Artwork dezent widerspiegelt? Gibt der zum Weinen schöne Titeltrack gar die negierende Antwort des Gegenübers aus "Hard to find"? "I'm not going anywhere / Who do I think I'm kidding? / I'm still standing in the same place / Where you left me standing / I am easy to find." Wie lange das Warten dauert oder ob es gar vollkommen vergeblich ist, bleibt unklar. "I'm still waiting for you every night with ticker tape."
"I am easy to find" ist voll von solchen scheinbaren Reaktionen und internen Dualitäten. Nie zuvor hat die Band eine so in sich geschlossene Gefühlswelt aufgebaut, die für mehr als eine Stunde einen tiefen Sog entwickelt. Gleichzeitig ist es jedoch das bisher vielfältigste, mutigste und weltoffenste The-National-Album, nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen Gastsängerinnen, die fast jeden Song bereichern und teils sogar dominieren. Zum einen führt die Truppe damit das eigene Klischee des in sich versunkenen, männerdominierten Befindlichkeitsrocks ad absurdum. Zum anderen treffen die Klagen, die Matt Berninger bisher allein ins Leere hallen ließ, nun auf emotionale Resonanz. In Form von Sharon Van Etten, Eve Owen, Bowie-Kollaborateurin Gail Ann Dorsey, Lisa Hannigan, Kate Stables alias This Is The Kit und Mina Tindle.
Es erfordert Eingewöhnung, diese neuen Stimmen in Einklang mit der eigenen Idee des Sounds von The National zu bringen, während Berninger häufig mit Abwesenheit glänzt. Doch "I am easy to find" findet seine enorme Kraft genau in dieser Perspektiverweiterung. Es ist ein genialer neuer Impuls im Bandsound, wie das Aufpeppen des Liebeslebens in einer stabilen, aber leicht eingrosteten Beziehung. Opener und erste Single "You had your soul with you" ist zwar nicht mal eines der besseren Stücke, erledigt den Job als Brückenbauer jedoch famos: Drummer Bryan Devendorfs markantes Spiel – auf dieser Platte wieder deutlich präsenter – wird von nervösem elektronischen Stottern flankiert, das an die Soundspielereien von "Sleep well beast" erinnert. In der zweiten Hälfte kapert Gail Ann Dorsey am Mikrofon plötzlich den Song, macht ihn sich zu eigen, Berninger tritt erst kurz vor der finalen Überhitzung wieder hinzu.
Das nachfolgende "Quiet light" ist eine Art thematische und musikalische Replik, ein sanftes Abfedern auf einer fantastischen Klaviermelodie. "Between you and me / I still fall apart at the thought of your voice." Dass keines der mehrstimmigen Stücke in kitschige theatralische Dialoge verfällt, zeigt, wie sehr The National diese neue Ausrichtung mit ihren Stärken vereinen. Die emotionale Intensität ist unfassbar hoch auf "I am easy to find", dazu braucht es nicht einmal Lärmorgien wie "Turtleneck" oder gar "Abel". Aus dem rhythmischen Zittern von "The pull of you" platzt es zwischen Spoken-Word-Versen aus Berninger heraus: "Why can't we talk it out inside a car with rain falling around us?", ruft er, dazu heulen die Gitarren, das Schlagzeug wütet. Eine aufwühlende Stelle! Und wie nach einem ungewollten Ausraster in einer Beziehung wird die Dramatik wieder heruntergefahren. Zurück bleibt der Kloß im Hals.
Der Brooklyn Youth Chorus darf zwei wortlose, geisterhafte Interludes sowie das surreale "Dust swirls in strange light" besingen – ein geheimnisvolles, verjammtes Dickicht, der Titel vielleicht eine Reminiszenz an "The system dreams in total darkness". "Where is her head", fragen sich davor Berninger und Eve Owen in einem mitreißenden Geschwindigkeitsrausch aus zackigen Streichern und energischen Drums, der zunehmend am Rande des Chaos balanciert. "Not in Kansas" – dessen Name womöglich verschmitzt eine Antwort auf "Where is her head" gibt – beschränkt sich als Kontrast auf Berningers Storytelling zu Gitarrenklängen. Die deutsche Künstlerin Hanne Darboven, R.E.M., US-Schauspielerin Annette Bening, sie alle schwimmen in seinem Bewusstseinsstrom. "I'm leaving home and I'm scared that I don't have the balls to punch a Nazi", bemerkt er noch lakonisch. Dorsey, Hannigan und Stables geben in zwei behaglichen Einschüben den wegweisenden Chor: "Time has come for you to stop being human / Time to find a new creature to be." Was das bedeutet? Gute Frage. Aber es klingt wunderbar. Wie im Übrigen alle Texte der Songs auf ihre Weise.
Nachdem das herrlich perlige "So far so fast" seine minimalistische Melodieführung ins Gestrüpp führt, wo bereits der Chor für "Dust swirls in strange light" wartet, vollzieht "I am easy to find" im Schlusssprint die Kehrtwende zu den klareren Strukturen des Anfangs. "Rylan", bereits seit Jahren live erprobt, schließt dabei sogar an die großen Hymnen wie "Mistaken for strangers" oder "Bloodbuzz Ohio" an, als wollte das Quintett zeigen, dass sie auch diese Disziplin noch meistern. Gleiches gilt für das abschließende "Light years", eine dieser überaus berührenden, reduzierten Klavierballaden. Sie fasst zusammen, was all die aufwühlenden Duette als gemeinsame Klammer vereint: Erzählungen von Menschen, die einander lieben, aber nicht verstehen. "I saw how hard it'd be to reach you / And I would always be light years away from you."
Nein, "I am easy to find" ist nicht einfach eine weitere, tolle Platte von The National, nicht nur die simple Fortsetzung der stetigen Evolution seit ihrem Debütalbum aus 2001. Es ist die Balance zwischen Neuerfindung und Selbsterkenntnis, die Aufweichung bisheriger Paradigmen im Bandkosmos, ohne die eigene Identität zu verleugnen. Nirgends würde man eine andere Band hinter den Songs vermuten und doch haben The National hiermit etwas geschaffen, das sich völlig neu anfühlt und dabei so tief geht, wie man es ihnen bei aller Qualität fast nicht mehr zugetraut hätte. Trotz allem Respekt vor dem grandiosen bisherigen Output mag dies ihr wichtigstes Album überhaupt sein, ein neuer Meilenstein in ihrer Entwicklung – gleichermaßen für Kopf und Herz. Wie wir das finden? Absolut überwältigend.
Highlights
- The pull of you
- I am easy to find
- Where is her head
- Rylan
- Light years
Tracklist
- You had your soul with you
- Quiet light
- Roman holiday
- Oblivions
- The pull of you
- Hey Rosey
- I am easy to find
- Her father in the pool
- Where is her head
- Not in Kansas
- So far so fast
- Dust swirls in strange light
- Hairpin turns
- Rylan
- Underwater
- Light years
Gesamtspielzeit: 63:44 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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The MACHINA of God User und Moderator Postings: 38099 Registriert seit 07.06.2013 |
2026-05-01 12:06:33 Uhr
wie klassische The National, vielleicht nur etwas melodiöser und ein klein wenig psychedelischer. Deshalb mag ich es wohl als einziges National-Album so wirklich. Und weil nicht permanent Behringer rumraunt. |
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Gomes21 Postings: 6439 Registriert seit 20.06.2013 |
2026-05-01 12:01:48 Uhr
Mir fehlen vielleicht auch die Kanten. Aber für mich ist Trouble Will Find me auch unter den weniger gehörten National Alben (entgegen dem Kanon). Das Debüt höhre ich ebenfalls selten bis kaum. |
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AliBlaBla Postings: 14189 Registriert seit 28.06.2020 |
2026-05-01 11:55:09 Uhr
@Huhn vom HofEs ist einfach zu glatt produziert, zu wenig "deep" (würde Tochti sagen), - aber das ist nur meine Meinung. ;) |
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Huhn vom Hof Postings: 12050 Registriert seit 14.06.2013 |
2026-05-01 11:07:33 Uhr
Mich wundert ein wenig, dass "I Am Easy To Find" manche Fans nicht erreicht. Ich finde, es klingt immer noch sehr wie klassische The National, vielleicht nur etwas melodiöser und ein klein wenig psychedelischer. |
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rheiton Postings: 479 Registriert seit 26.03.2025 |
2026-05-01 11:06:00 Uhr
Trouble Will Find Me mehr als eindeutig das beste Album von ihnen. |
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Referenzen
El Vy; Pfarmers; LNZNDRF; Big Red Machine; Songs Without Words; Marble Sounds; Clogs; Frightened Rabbit; The Slow Show; Sufjan Stevens; Radiohead; Wolf Parade; Tindersticks; Stuart A. Staples; Lambchop; Shearwater; Okkervil River; Absentee; I Am Kloot; The Walkabouts; Sophia; Jens Lekman; The Go-Betweens; The Decemberists; Red House Painters; Sun Kil Moon; Mark Kozelek; Grizzly Bear; Nick Cave & The Bad Seeds; Elbow; Wilco; American Music Club; Mark Eitzel; My Morning Jacket; Destroyer; Arcade Fire; The Boxer Rebellion; Bear's Den; The Antlers; Guillemots; Death Cab For Cutie; Gravenhurst; The Twilight Sad; Noah And The Whale; Other Lives; Dan Mangan + Blacksmith
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