Kelsey Lu - Blood

Kelsey Lu- Blood

Columbia / Sony
VÖ: 19.04.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Cello again

Popmusik ist oft grell, dick aufgetragen und selten bescheiden. Dies hat so manchen großen Hit gezeitigt, klar, für die nötige Aufmerksamkeit hat dann oft schon die expressive Außendarstellung des entsprechenden Künstlers gesorgt – nicht wahr, Katy oder was sagst Du dazu, Lady Germanotta? Kelsey Lu würde das für sich nicht haben wollen. Die aus North Carolina stammende Wahl-Kalifornierin setzt nicht auf Knalleffekte und skandalöses Auftreten. Und auch wenn sie auf dem Cover ihres Debütalbums "Blood" durchaus viel Haut zeigt, ist das kein Pin-up-Stil, sondern ungeschminkte Körperlichkeit, die darauf vorbereitet, dass es mit dieser Musik intim wird. Denn Lu sitzt ganz nah dran am Hörer, flüstert sich an ihn heran, lässt ihre weiche Stimme Gänsehaut-Wellen auslösen. Mit einer diffusen Dunkelheit ist der Gesang ausgestattet, kann aber auch in zerbrechliche Höhen klettern. Damit sind Lus Vocals ähnlich variabel wie die diversen Spielweisen des Cellos, Kelseys Hauptinstrument. Mal tönt es gravitätisch, ein anderes Mal scheinen die Klangräume, die dieses Instrument errichtet, zu zerklirren. Das Cello scheint Lu zu einem abwechslungsreichen Songwriting anzuspornen, welches schlicht durch bemerkenswerte Einfälle besticht statt den großen Knall anzustreben.

Da ist dieser geisterhafte Folk von "Pushin against the wind", der von Lus zwischen Unterkühlung und kristalliner Emotionalität pendelndem Gesang unter Spannung gehalten wird. Dazu das Cello, welches die Schwere einer zur Gänze gelebten Existenz zwischen seinen Saiten spürt und das Spiel der Akustikgitarre, das trotz gemächlichem Tempo eine morbide Unruhe in sich trägt. Das folgende "Due west" klopft an andere Türen, ist eine entspannt-feierliche Huldigung an das Leben, "Worship the ground you walked down below", langsam nistet sich ein genüsslicher Swing ein, bevor der Refrain mit ganz unaggressiver Kraft die Sonnenstrahlen zu einem tänzelnden Vibrieren animiert. Es ist dann vielleicht ein wenig unfair, die Coverversion "I'm not in love" von 10CC als den Höhepunkt dieser Platte zu bezeichnen, da die Eigenkompositionen fantasievoll und kunstvoll ambivalent geraten sind. Doch wie in diesem Stück Herzensschwere, Unbedarftheit und Romantik zu einem melodischen Nebelschleier verwoben werden, markant und doch federleicht, ist eine Sternstunde.

Dies soll aber die Leistungen der anderen Songs nicht schmälern. Das cineastische, dramatische Cello in "Poor fake" geht zum Beispiel ungemein elegant in einen federnden Disco-Beat über, der gemeinsam mit Lus edlem Gesang die Nervenenden wohlig krault. "Foreign car" macht sich anfangs über die Streicherstakkati aus den James-Bond-Soundtracks lustig, entwickelt dann aber einen dringlichen Ernst, der überzeugend auf die Entschlossenheit der Kelsey Lu hinweist. Doch bewahrt die Dame, die mit der "Church"-EP bereits vor drei Jahren das Interesse der US-amerikanischen Musikmedien weckte, immer eine gewisse Bescheidenheit. Da reicht es bei der genüsslichen Seelenpendelei "Atlantic", Lus Stimme kurz in ein höheres Register entschwinden zu lassen und schon entsteht ein beeindruckender Moment. Auch der spielerische Umgang mit dem Gesang im abschließenden Titelsong deutet ungezwungen an, wieviel Potenzial in dieser Künstlerin steckt. Dafür braucht es kein grelles Make-up oder Pyroeffekte.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Due west
  • Poor fake
  • I'm not in love
  • Atlantic

Tracklist

  1. Rebel
  2. Pushin against the wind
  3. Due west
  4. Kindred I
  5. Why knock for you
  6. Foreign car
  7. Poor fake
  8. Too much
  9. I'm not in love
  10. Kindred II
  11. Atlantic
  12. Down2ride
  13. Blood

Gesamtspielzeit: 44:51 min.

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User Beitrag

saihttam

Postings: 1451

Registriert seit 15.06.2013

2019-05-01 00:48:56 Uhr
Die Church EP von vor ein paar Jahren fand ich damals unfassbar gut. So viel Raum zum Träumen und dennoch herrscht die ganze Zeit diese übersinnliche Spannung. Das Album kommt da für mich bisher noch nicht ganz ran, auch wenn durchaus wieder tolle Momente dabei sind.

Armin

Postings: 15991

Registriert seit 08.01.2012

2019-04-25 20:39:34 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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