Bad Religion - Age of unreason

Bad Religion- Age of unreason

Epitaph / Indigo
VÖ: 03.05.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Auf den Punk gebracht

"How could hell be any worse?" lautete der wenig zuversichtliche Titel des Bad-Religion-Debüts aus dem Jahre - hoppla! – 1982. Fürwahr! Man sieht den Polit-Punk-Veteranen um Greg Graffin und Brett Gurewitz ihr fortgeschrittenes Alter mittlerweile tatsächlich ein bisschen an, doch nach dem Motto "Solange selbst die ollen Stones noch auf den Bühnen rumhüpfen, ..." feierte die Punk-Institution im Sommer 2018 das dreißigste Wiegenfest ihres Klassikers "Suffer" in Amerika, Europa und Australien. Dass Bad Religion noch immer relevant sind, liegt auch daran, dass die Welt sich zwischen 2011 bis 2019 nicht zum Besten entwickelt hat. Gesellschaftliche Umstürze, Kämpfe an der NATO-Ostflanke, der ewige Religions- und Siedlungskrieg im Nahen Osten. Um "höllenähnlichen Zustände", wie einleitend angedeutet, jedoch weltumfassend geltend zu machen, geht es vielen Menschen objektiv zu gut.

Aber Gitarrist Gurewitz muss auch nicht lange grübeln, als er nach Beweggründen für die Songs und Themen auf "Age of unreason", dem nunmehr 21. Album der kalifornischen Institution, gefragt wird. "Demokratische und humanistische Werte wie Freiheit, Wahrheit, Gleichheit und Toleranz, für die unsere Band immer stand" würden von rückwärtsgewandten Kräften mit Füßen getreten – wohlwissend, dass Ausgrenzung und Nationalismus in der Geschichte zu nichts als Desaster geführt hätten. Darf man so auf den Punkt bringen. Dass Donald Trump und ähnlich gepolte Mächtige dennoch wieder Mauern bauen möchten und gegen Nachbarvölker hetzen, dafür macht Graffin das im Kern unhumanistische und barbarische Wesen "Mensch" verantwortlich: "Threat is urgent, existential / Time to scan the horizon / But the danger's elemental / It's chaos from within", heißt es im rasenden und schnaubenden Opener "Chaos from within".

Jungen Amerikanern indes ruft Graffin im hymnischen wie druckvollen "End of history" die Notwendigkeit der aktiven Partizipation zu: "I don't believe in golden ages or presidents that put kids in cages / Locke's burden / Why did mother draw the curtains? / Free will is your dilemma, (what will the dust remember) / Tell me where do you really want to be? At the end of history" Doch weil Bad Religion die Hoffnung nicht verloren haben, ist ihr appellierend-schnörkelloser, harmonischer Punkrock nach wie vor aufregend genug, um in Kombination mit den intelligenten Lyrics jene Emotionen anzusprechen, die zwischen zuckenden Achseln festzustecken drohen. Dass es musikalisch wenige Überraschungseier zu finden gibt, erstaunt natürlich nicht, dennoch ist "Age of unreason" ein starkes Spätwerk, das im letzten Drittel etwas nachlässt.

Der ruppige Anderthalbminüter "Faces of grief" könnte von den frühen Bad Religion stammen, der kleine Hit "My sanity" bringt Erinnerungen an "Recipe for hate" zurück, dazu gibt es mit "Do the paranoid style" windschiefe Drums, jaulende Gitarrensoli und in "Old regime" oder "The approach" melodietrunkene Hochgeschwindigkeit wie einst zu "Generator"-Tagen. Der Albumtitel spielt auf Thomas Paines Werk "The age of reason" und seine Thesen der Irrationalität von Religion und Glauben an, und letzteren legt Graffin geschickt auf die Moderne um, in der Fake-News und Politpropaganda Meinung machen. Und selbst wenn Bad Religion dann mal Zuversicht versprühen und sich im Falle von "Don't lose your head" zu einem fast poppig-positiven Midtempo-Ohrwurm hinreißen lassen, so zeichnet "Chaos from within" ein ernüchterndes, tristes Gemälde von Mensch und Gesellschaft. Wenn da dieses Fünkchen Hoffnung nicht wäre, dass die Hölle noch verhindert werden kann.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Chaos from within
  • My sanity
  • End of history
  • Old regime

Tracklist

  1. Chaos from within
  2. My sanity
  3. Do the paranoid style
  4. The approach
  5. Lose your head
  6. End of history
  7. The age of unreason
  8. Candidate
  9. Faces of grief
  10. Old regime
  11. Big black dog
  12. Downfall
  13. Since now
  14. What tomorrow brings

Gesamtspielzeit: 35:03 min.

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User Beitrag

squand3r

Postings: 63

Registriert seit 24.01.2019

2020-05-04 13:05:50 Uhr
@ Rainer: Ich weiß nicht wie lange du schon bei BR dabei bist, aber Age of Unreason als "maximal Durchschnitt" abzustempeln drückt hier den Veteranen "maximal ungut" auf die Organe.

Rainer

Postings: 641

Registriert seit 22.03.2020

2020-05-04 09:50:24 Uhr
Ja plump, aber fetzt doch.

Meddl

fakeboy

Postings: 386

Registriert seit 21.08.2019

2020-05-04 09:41:30 Uhr
Haha, ausgerechnet Fuck You ist für mich der mieseste Song auf True North (auf der obigen Skala wärs etwa eine 5) - irgendwie zu plump. Highlight war für mich Dept. of False Hope

Rainer

Postings: 641

Registriert seit 22.03.2020

2020-05-04 09:32:10 Uhr
Ja nur so mein Eindruck gewesen, obwohl die beiden Alben eigentlich nix grundverschiedenes machen. True North hatte halt die besseren Songs (z.B. das schmissige Fuck You). Der Nachfolger klingt dazu wie die B-Seite, was ja auch insgesamt nicht schlecht ist, nur eben durchschnittlich.

fakeboy

Postings: 386

Registriert seit 21.08.2019

2020-05-04 09:28:49 Uhr
Yep, True North find ich auch viel besser. Age of Unreason ist nicht schlecht aber hat nicht ganz das gehalten, was ich mir am Anfang davon versprochen habe. Ich sehe es auf einer Stufe mit Dissent of Man. Beides lassen gegen Ende ziemlich nach. Paranoid Style ist eigenartig: ich mochte den zuerst gar nicht, aber irgendwie hat sich der Refrain festgekrallt.
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