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Aldous Harding - Designer

Aldous Harding- Designer

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 26.04.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Sie ist ein Model

Weil Singles und die dazugehörigen Videos immer einen guten Indikator für den aktuellen künstlerischen Stand Aldous Hardings abgeben, sollte der erste Blick bei der Erfassung von "Designer" in Richtung "The barrel" gehen. Als Haute-Couture-Pilgerin verkleidet vollführt die Neuseeländerin einen Ausdruckstanz wie aus dem Twin-Peaks-Drehbuch, so wissend lächelnd, als amüsiere sie sich über die völlige Irritation ihres Beobachters. Auffällig sind der helle Hintergrund und die fast schon beschwingte musikalische Untermalung: Die Akustikgitarre perlt, ein Mann, der vielleicht Produzent John Parish sein könnte, singt mit und trotz dröhnender Bläser verliert der Song nie seine ungewohnt lichtdurchlässige Lockerheit. Mit dem Düster-Folk der Anfangstage hat das sowieso nichts mehr zu tun, mit dem großen Drama von "Party" allerdings auch nicht. Spätestens, wenn besagtes Video komplett ins Gaga-Land driftet, scheint es, als würde sich Harding so gar nicht mehr ernstnehmen.

Natürlich möchte die Künstlerin nichts Explizites preisgeben, überlässt die Deutung ihrer Installation ganz dem Rezipienten. Die fällt schwer: "The barrel" möchte irgendwie über die Liebe erzählen, tut das aber mit labyrinthischen Motiven von Wasser, Tauben und Aprikosen. Solche finden sich auf dem ganzen Album, das Harding von Dubai bis zum Amazonas und zur Philosophie Camus' treibt und das seinen Gemütszustand innerhalb zweier aufeinanderfolgender Bilder komplett kippen kann. Früher gezogene Vergleiche zu Björk oder Kate Bush gestalten sich auf "Designer" schwieriger, weil Harding stimmlich hier weniger expressionistisch zu Werke geht, doch was sie mit ihren Vorreiterinnen teilt, bleibt ihre Unnahbarkeit. Zumindest die Musik gibt sich allerdings weitaus zugänglicher, gar fröhlicher als zuvor, die üppigen Arrangements behängen sich eher mit Federsäcken als mit Zentnerlasten.

Wie schon auf "Party" liegen den Songs zumeist Akustikgitarren- oder Klaviermotive zugrunde. Elektronik gibt es kaum noch, dafür sind Bass und Schlagzeug präsenter, sowie ab und an ein isoliertes Orchester-Instrument oder die Elektrische. "I've never burned brighter", singt Harding in "Fixture picture" und hat recht – einen vordergründigeren Ohrwurm hat sie noch nicht geschrieben. Wenn sich hier gen Ende die Streicher in den Fokus rücken, beweist die erst 29-Jährige ihr Talent für packende Spannungskurven – ebenso wie im großartigen "Zoo eyes", nur sind es hier Flöten, die das klimaktische Aufbäumen begleiten. Doch wieder Björk? Jedenfalls modelliert Harding ihre perfekt konzeptionierten Pop-Objekte ähnlich plastisch, was absolut positiv zu verstehen ist, weil gute Kunst das Vorgaukeln falscher Echtheit sowieso noch nie gebraucht hat. "Shapes live forever", heißt es ja auch passenderweise im Titelstück.

Erst in der zweiten Hälfte von "Designer" tun sich Risse auf. "Damn" arbeitet sich sechseinhalb Minuten lang an einem einzelnen Piano-Loop entlang, während sich Harding plötzlich mit ihrem tatsächlichen Namen Hannah – hier in der Koseform Hannie – ansprechen lässt. Doch der angedeutete Aus- oder Zusammenbruch kommt nie, stattdessen folgt die fast schon tropisch anmutende Lässigkeit von "Weight of the planets". Die ist allerdings auch nur ein Täuschungsmanöver: "Heaven is empty" zieht die Vorhänge zu und lässt in seiner völligen Tristesse Zweifel aufkommen, ob in der vergangenen halben Stunde überhaupt je die Sonne schien. Harding packt hier ihren ausdrucksstärksten Bariton aus, erinnert an Anja Plaschg oder gar eine Nico. Auch die eigensinnigsten Künstlerinnen der Welt entkommen ihren Referenzen nie so ganz, doch wer sich als Kunstfigur jetzt schon auf dem dritten Album in Folge mehrfach auf links gedreht hat, muss das auch nicht.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Zoo eyes
  • The barrel
  • Weight of the planets

Tracklist

  1. Fixture picture
  2. Designer
  3. Zoo eyes
  4. Treasure
  5. The barrel
  6. Damn
  7. Weight of the planets
  8. Heaven is empty
  9. Pilot

Gesamtspielzeit: 40:40 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

myx

Postings: 2266

Registriert seit 16.10.2016

2021-07-27 13:35:59 Uhr
@AliBlaBla: "Designer" hatte ich in meinen Top 5 des Jahres 2019. "Party" kenne ich nicht ganz so gut, sollte ich mir unbedingt mal wieder anhören.

Alex Cameron ist mir, ehrlich gesagt, nicht so ein Begriff, kann mich da nicht wirklich dazu äussern. Aber danke für den Hinweis. ;)

AliBlaBla

Postings: 484

Registriert seit 28.06.2020

2021-07-26 20:16:05 Uhr
@myx
Jaaaaa, hoffentlich mit neuem Album, ich finde "PARTY" und "DESIGNER" gleichauf genial, ..weil auch so abwechslungsreich...
Viel Rollenprosa bei ihr, wer das auch toll macht, ist Alex Cameron.
Nich wahr?

myx

Postings: 2266

Registriert seit 16.10.2016

2021-07-26 08:20:49 Uhr
Ich schiebe nochmals 20 Jahre drauf. ^^

myx

Postings: 2266

Registriert seit 16.10.2016

2021-07-26 08:18:00 Uhr
Ich traue Aldous Harding durchaus zu, dass sie bewusst mit ihrer Kunstfigur spielt. Warum auch nicht? Dieses Spiel macht für mich gerade einen Teil ihrer Faszination aus, herrlich vorgeführt etwa im Video zu "The Barrel". Kann Moped deshalb nur zustimmen.

Vielleicht kommt sie ja bald mal ans Maifeld Derby, war 2018 schon mal im Line-up, hat dann aber kurzfristig leider nicht geklappt. Gerne z. B. 2002 mit neuem Album. ;)

MopedTobias (Marvin)

Mitglied der Plattentests.de-Schlussredaktion

Postings: 17303

Registriert seit 10.09.2013

2021-07-25 22:35:39 Uhr
Ich denke nicht, dass man von der Bühnenperformance auf die private Persönlichkeit und Beziehungs(un)tauglichkeit eines Menschen schließen sollte.
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