Alice Phoebe Lou - Paper castles

Alice Phoebe Lou- Paper castles

Motor / Edel
VÖ: 08.03.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Fire dance with me

Alice Phoebe Lou hat mit dem Feuer getanzt und nach ihrem Platz in der Welt gesucht. Was wie die üblichen Metaphern eines uninspirierten Rezensenten klingt, darf man in diesem Fall wörtlich nehmen: Tatsächlich reiste die junge Südafrikanerin in der letzten Dekade quer durch Westeuropa und finanzierte ihren Lebensunterhalt unter anderem als Pyro-Künstlerin auf den Straßen von Paris. Die Verbindung zu ihrer Musik lässt sich hier dankenswerterweise sehr einfach schlagen. Lous zweites Album "Paper castles" ist nämlich genauso wagemutig und rastlos wie sie selbst, kann sich zwischen Indie-Pop, Jazz, Folk und Soul nie so recht entscheiden und bringt zusammen, was eigentlich nicht zusammenpasst. Elektronische Texturen, vielleicht von der aktuellen Heimat der Wahlberlinerin inspiriert, untergraben organische Arrangements, während textlich Realität und Mystik verschwimmen. Wenn Lou hinter den melancholischen Piano-Tönen von "Fynbos" an ihre Kindheit zurückdenkt, wertet sie die detaillierten Erinnerungen einer Erwachsenen mit den Märchenaugen ihres früheren Ich auf: "I can still smell the fynbos after a night's rain / And the fairies and the magic that blossomed from our brains."

"Paper castles" lässt sich als Coming-of-Age-Album begreifen, die 25-Jährige setzt ihre Identitätssuche allerdings auch in Bezug zu Natur und Kosmos. Der beste Song heißt "Galaxies", beginnt mit ein paar schwebenden Gitarren, bis sich leicht jazzig vertrackte Percussion dazugesellt und euphorische Synthies wie ein warmer Sommerschauer hereinbrechen. Lou stellt sich hier die Frage nach der menschlichen Bedeutung im Universum und kommt mit sich überschlagender Stimme zu einer simpel-optimistischen Konklusion: "We are alive today / We'll be okay." Zuvor hat schon der Opener "Little spark" mit ähnlichen Gedanken in den Sternenhimmel geguckt und passenderweise ein außerirdisch anmutendes Theremin durch den Song gejagt. Doch Lou bleibt auch oft auf dem Boden und schaut dabei gerne ins vergangene Treiben irdischer Popkultur – in der Achtziger-Verbeugung des Titelstücks etwa oder im perfekt betitelten "Nostalgia", dessen goldener Retro-Schleier sich schon fast anfassen lässt. Solche musikalisch etwas konventionelleren Momente werden dabei nie langweilig, vor allem wegen dieser wundervollen, ständig Haken schlagenden Stimme irgendwo zwischen Angel Olsen und einer Joanna Newsom mit Neo-Soul-Filter.

In der zweiten Hälfte engt Lou zunehmend den inhaltlichen Fokus ein. In "Something holy" besingt sie die Körperlichkeit der Liebe, zunächst mit tropisch angehauchten Entspannungs-Vibes, später mit einem psychedelischen Jam, nach dem sich zwei Mantras einbrennen: "It hasn't been so easy being lonely / Thank you for showing me that I'm not alone." Doch ihre Erfahrungen waren nicht immer positiv: "Skin crawl" ist eine Abrechnung mit sexueller Übergriffigkeit, ein langsamer Paartanz, der immer mehr an Aggression dazugewinnt. Lou bewahrt sich ihre Vorliebe für Kontraste – "My outside" verpackt seine Reflexionen über weibliche Schönheitsideale in fröhlichen Synth-Funk – und schultert alle ihre Ambitionen mühelos. Spätestens, wenn sie den großartigen, Saxophon-befeuerten "New song" zur Lebensfreude-Hymne formt und unter dem Glockenspiel von "Ocean" einen letzten Sturm heraufbeschwört, verfestigt sich eine Erkenntnis: Man hat hier nicht nur einem wirklich tollen Album gelauscht, sondern auch einer Frau, die zu ihrem künstlerischen und womöglich auch emotionalen Selbstbewusstsein gefunden hat. Aus Papier ist dieses Schloss sicher nicht gebaut.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Galaxies
  • Something holy
  • New song

Tracklist

  1. Little spark
  2. Nostalgia
  3. Galaxies
  4. Paper castles
  5. Fynbos
  6. Something holy
  7. Skin crawl
  8. My outside
  9. New song
  10. Ocean

Gesamtspielzeit: 37:31 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-04-11 12:14:24 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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