Helms Alee - Noctiluca

Helms Alee- Noctiluca

Sargent House / Cargo
VÖ: 26.04.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Die Abenteuer der kleinen Meeresalge

Mit der Ehre, als Namensgeber eines Musikalbums Karriere zu machen, hätte die kleine Meeresalge "Noctiluca" wohl nicht gerechnet. Aber immerhin kann sie bei Aufregung mehrfarbig im Dunkeln leuchten, und ein Faible für das Nautische hatte die Bands Helms Alee eben auch schon immer. Dazu kommt, dass die Musik des Trios aus dem Bundestaat Washington, eingebettet in ein eher düsteres Setting, oftmals brilliant aufschimmert. Denn auf ihrem fünften Album machen Helms Alee Ernst, das Gemisch aus Sludge Metal, Noise und Indie Rock wurde ein wenig in Richtung Eingängigkeit verschoben und wirkt dadurch unglaublich packend.

Das schwergewichtige Kolossal-Drumming von Hozoji Matheson-Margullis ist dabei eines der vorstechenden Merkmale, selten war Bewegung so wuchtig fundamentiert. Vor allem die Toms werden ausgiebig bearbeitet, sodass man das Gefühl hat, sie jongliere mit Eisenkugeln, jede ca. 500 Kilogramm schwer. Die infernalischen Trommelschläge sind Grundlage für weitere Köstlichkeiten dieser Platte, so sägen und bohren angerostete Sludge-Riffs die Songs zu Schanden, obwohl, kaputt bekommen sie diese Biester auch nicht wirklich. Und dann wäre da der Gesang, den sich alle Bandmitglieder untereinander aufteilen. Matheson-Margullis und Bassistin Dana James bringen ein sirenenhaftes Verhängnis ins Spiel, ihr Gesang ist clean obgleich kraftvoll, sodass sich durch diesen Part Schönheit und Wohlklang in die Musik von Helms Alee einschleichen. Konterpart dazu ist das kehlige Bellen von Gitarrist Ben Verellen, welches sich wie ein rasender Pitbull in die Stücke verbeißt. Mit diesen Mitteln erzeugen Helms Alee dann Meisterwerke zwischen mitreißender Eingängigkeit und nerdiger Komplexität.

Der Opener "Interachnid" ballert wild und dennoch kontrolliert durch den roten Bereich, der weibliche Gesang schimmert ein wenig blaue Kühle in die Strophe hinein, entpuppt sich dann jedoch als wenig verlässlicher Wegweiser durch dieses Minenfeld, das durch die Wunden reißenden Gitarren zusätzlich ramponiert wird. Man ist nach diesen ersten dreieinhalb Minuten verblüfft von der kompromisslosen Kraftleistung, die jedoch auch reichlich melodischen Zucker bereithält. Das martialische "Beat up" bekommt von Verellen das gesangliche Messer an den Hals gesetzt, versucht sich verzweifelt frei zu prügeln, doch die garstigen Gitarrengniedeleien halten das Stück fest im Würgegriff. "Play dead" kombinert das unnachgiebige Geboller und Geriffe mit einem derart überirdischen Refrain von Matheson-Margullis, dass man das Gefühl bekommt, eine engelsgleiche Erscheinung sei auf Stippvisite in einem gammeligen Höllenloch. "Be rad tomorrow" nimmt im Folgenden erstmals ein wenig das Tempo raus, der Gesang der Damen geistert über ein umnebeltetes Schlachtfeld nach dem Kampf, ein durch das wuchtige Drumming beseelter Refrain deutet aber erneut das Kraftpotenzial dieser Truppe an.

Auffällig bei den längeren Songs wie "Lay waste, child" und "Illegal guardian" zu Albummitte ist, wie sich das Schlagzeugspiel einer urwüchsigen, fast schamanisch-perkussiven Form zuwendet. Weniger komplex, dafür durch eine rituelle Manie getrieben, klöppeln die Beats wie ungünstige Richtersprüche auf den Hörer nieder. Dadurch entsteht eine urwüchsige Kraft, die zivilisatorische Errungenschaften einfach wegspült. "Spider jar" dagegen ist ein fast schon wohlerzogener Alternative-Rock-Song mit strahlendem, himmlischem Gesang. Hier erschaffen Helms Alee einen hymnischen Glanz, der weit strahlt und die melodieverliebte Seite des Trios aufdeckt, die sonst eher diffus durchschimmert. So auch in "Pleasure torture", welches gräuliche Gitarrenschleifen durch den Hintergrund flirren lässt, die sich im Schlussteil zu einer giftig fiebernden Angriffsformation zusammentun. Mit "Pandemic" vermitteln Helms Alee dann noch ihre Idee einer Shoegaze-Ballade, bevor "Word problems", dies ein fieser, kleiner Dienst am Kunden, abschließend auf den Hörer niederprasselt, mit garstigen Riffs, enthemmtem Drumming und uneinsichtigem Gekeife. Aber, so will man das ja bei dieser Musik, diesem Wunderding an Intensität. Nur in großer Aufregung dazu aufleuchten, das kann nur die kleine Alge.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Interachnid
  • Play dead
  • Be rad tomorrow
  • Pandemic

Tracklist

  1. Interachnid
  2. Beat up
  3. Play dead
  4. Be rad tomorrow
  5. Lay waste, child
  6. Illegal guardian
  7. Spider jar
  8. Pleasure torture
  9. Pandemic
  10. Word problems

Gesamtspielzeit: 41:04 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-04-11 12:13:35 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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