Tigeryouth - Schmuck

Tigeryouth- Schmuck

Zeitstrafe / Indigo
VÖ: 29.03.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Pelz auf der Zunge

Acht Interpreten kennt das Plattentests.de-Archiv mit der Einheit "Tiger" bereits, bloß Tigeryouth noch nicht. Dann wird's aber mal Zeit! Denn Tilman Benning ist der Tigermann, mit dem man vermutlich am längsten am Tresen sitzen kann. Das ist praktisch, denn in Zeiten der gesellschaftlichen Gräben und all der politischen Irritationen braucht der Kopf auch mal ein Pils mehr, um sich von dem Wahnsinn zu erholen. Benning legt mit "Schmuck" bereits sein drittes Album vor, sein Wein ist ein recht bodenständiger Tropfen: räudig angeschlagene Würze der Akustischen, gesanglich eher Reibeisen-Bouquet, kredenzt durch ein Vintage-Mikrofon, gekeltert mit viertonspuriger Lo-Fi-Produktion. Was passt, das passt. Zu den kleinen Tigeryouth-Geschichten, natürlich.

Benning hält auf "Schmuck" wieder einige von ihnen bereit, doch seine Songs drehen sich häufig eher am Rande um das Große und Ganze. Vielmehr blickt der Songschreiber in die direkte Umgebung, beobachtet die Gesellschaft und serviert nachdenkliche, doofe und schöne, zumeist aber markante Auszüge. In Mini-Oden wie "Welche Zukunft?" kommentiert er mit leicht in Grelltönen gefärbter Stimme eines der normalsten wie nervigsten Phänomene: Menschen mit vorgeformten Lebensläufen, die im spießbürgerlichen Idyll die Zukunft in ihre vier Wände gemeißelt haben – und genau wissen, dass das Ding namens Leben nur so zu gehen hat: "Wie die Nachbarn wieder labern!"

Natürlich gibt es auch das eine oder andere Protokoll von durchzechten Nächten, und "Straßenkehrmaschinen" verdeutlicht mit nüchterner, aber doch aufrichtiger Romantik gegenüber der Großstadt, was vom Aufsaugen dieser Momente übrig bleibt: Unsicherheit und Unentschlossenheit, privat wie räumlich. Dass Orientierungslosigkeit immerhin angenehmer zu ertragen ist als Einsamkeit – beide Faktoren könnten in der Single-Generation Y kausal durchaus zusammenhängen –, daraus macht Tigeryouth im Singer-Songwriter-Stück "Am nächsten Morgen" keinen Hehl: "Erst wenn Dir die Lichter ausgehen / Hörst Du auf zu hoffen, dass da noch jemand kommt / Nein, da ist niemand in Deinem Bett."

"Himmel ohne Wolken" ist tiefgründiger, verknüpft eine nervös zuckende Akustikgitarre mit dissonanten, bedrohlichen Sounds und rüttelt die gutmenschliche Szene auf, die den unfehlbaren Zusammmenhalt "auf der guten Seite" zelebriert, aber leider mehr Fassade denn Haltung zeigt. Ob des lauten Polterns der neuen Rechten fordert Benning mehr Aktion statt selbstgerechten Verharrens und argwöhnischen Achselzuckens: "Sie schreien 'Ihr habt uns verraten!' / Und wir haben gut geschlafen", und das bringt es ziemlich auf den Punkt. Der Aggro-Track "Tag oder Nacht" ist dann typisch Tigeryouth, und wer will Benning das Streben nach Isolation von komischen Menschen und täglichen Hiobsbotschaften in den Nachrichten schon verdenken? Was bleibt, ist der Kampf mit sich selbst. Und der Pelz auf der Zunge.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Welche Zukunft?
  • Himmel ohne Wolken
  • Straßenkehrmaschinen
  • Tag oder Nacht

Tracklist

  1. Bettdecke
  2. Welche Zukunft?
  3. Himmel ohne Wolken
  4. Straßenkehrmaschinen
  5. Durchhalteparolen
  6. Am nächsten Morgen
  7. Alle Gewässer
  8. Tag oder Nacht
  9. Eine Nacht lang
  10. In der Kälte

Gesamtspielzeit: 28:19 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-04-04 20:30:48 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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