Annett Louisan - Kleine große Liebe

Annett Louisan- Kleine große Liebe

Ariola / Sony
VÖ: 29.03.2019

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Auf dem Holzweg

Bekanntlich gibt es im Deutschen nur ein Wort für die Liebe. Romantische Liebe ist darin ebenso eingeschlossen wie die Liebe zwischen nahestehenden Verwandten. Ob es sich dabei um Begriffsarmut handelt oder ob die Liebe besser ohne Kategorisierungen aufgehoben ist, sei dahingestellt. Annett Louisan tendiert auf ihrem mittlerweile achten Studioalbum zu zweiterer Antwort. Im Titeltrack "Kleine große Liebe" erfahren wir außerdem, dass "love" und "amour" nur jeweils "andere Worte" für die Liebe seien und dass sich "genial" auf "fatal" und "fatal" wiederum auf "phänomenal" reimt. Man gewinnt zusätzlich eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie eine Nachmittags-TV-Soap aus der Feder Annett Louisans aussehen könnte. Spoilerwarnung: Es folgen die ersten Ausschnitte.

Begleiten wir unsere Protagonistin zu missliebigen aber unausweichlichen Verwandtschaftstreffen ("Wir sind verwandt"), wo die geschundene Frau nach ihren Hochzeitsplänen gefragt wird, während ihr ein männliches Familienmitglied auf die Brüste starrt. Folgen wir ihr weiter in die Natur ("Zweites erstes Mal"), wo sie das "Wunderwerk Schmetterling" betrachtet, während der Himmel "Farbsymphonien spielt". Ach, wenn man doch noch einmal durch Kinderaugen sehen könnte! So erstrebenswert das Kindsein auch ist, das Kinderkriegen bringt seinerseits Opfer mit sich. Die Protagonistin geht daher nicht mehr feiern ("Ein besserer Mensch"), sondern "rechtzeitig pennen" Ja, die Entbehrungen sind groß, aber was tut man nicht.

Freilich meint Annett Louisan nicht alles ernst, was sie singt. Wie zahlreiche Chansonnières vor ihr versucht sie sich in der Rolle der Verspielt-Naiven, rutscht dabei aber mit beiden Beinen ins Klischee und bleibt da für die mehr als 78 Minuten Album-Spielzeit knietief stecken. Untermalt wird der zur Schau gestellte Schablonen-Alltag mit Wohlfühl-Pop der klebrigen Sorte. Tatsächlich ähnelt der Genuss von "Kleine große Liebe" dem Verzehr von Zuckerwatte, bei dem der bunte Plüsch schon nach den ersten Sekunden im Mund zur Brühe wird. Man nimmt noch einen Bissen und merkt, eigentlich gar nichts auf der Zunge zu haben. Beim dritten Bissen bekommt man Zahnschmerzen.

Gerade wenn man denkt, man wäre am lyrischen Tiefpunkt des Albums angelangt, überrascht die Künstlerin aufs Neue. Songs wie "Two shades of Thorsten" oder "Belmondo" vermitteln Sehnsüchte gelangweilter Damen, die ihrer persönlichen Kitschstreifenfantasie nachtrauern, während sie sich mit ihrem Partner "zu Tode frühstücken". Wo bleiben die Leute von Amnesty International, wenn sie gebraucht werden? Im Traum fährt der Märchenprinz selbstverständlich mit Yacht vor. Tiefgreifende Erkenntnisse kommen vor der Waschmaschine, denn so nah wie das Paar Socken in der Trommel sind sich Mann und Frau im Haus schon lange nicht mehr. Die Emanzipationsbewegungen der letzten 60 Jahre dürften hier von manchen verschlafen worden sein.

Zwar ist Louisans Output dem schönsten aller Gefühle gewidmet, bei der Produktion und Orchestrierung ihres Albums scheinen die Liebeskapazitäten aber erste Erschöpfungsphasen durchlaufen zu haben. Streicher, die jeden Lebens entbehren, folgen auf Stampfbeats, die sich ohne aufzufallen ins Helene-Fischer-Repertoire fügen würden.

Die zweite Hälfte des 20 Track (!) starken Werks widmet sich vermehrt den 80ern. Mit "Borderline" liefert Louisan sogar einen passablen Synthpop-Song, der gemeinsam mit "Die schönsten Wege sind aus Holz" für die einzigen Lichtblicke des Albums sorgt. Der gelegentliche Ausflug in den Disco-Pop steht Louisans charakteristischer Stimme erstaunlich gut zu Gesicht. Die Songs werden dadurch leider auch nicht besser. Was man Louisan aber zugutehalten muss: Wenn die schönsten Wege aus Holz sind, dann hat sie mit "Kleine große Liebe" alles richtig gemacht.

(Katharina Bruckschwaiger)

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Highlights

  • Die schönsten Wege sind aus Holz
  • Borderline

Tracklist

  • CD 1
    1. Kleine große Liebe
    2. Wir sind verwandt
    3. Zweites erstes Mal
    4. Ich tu nur weh wenn ich liebe
    5. Ein besserer Mensch
    6. Klein
    7. Eine Frage der Ehre
    8. Two shades of Thorsten
    9. Saboteur
    10. Die schönsten Wege sind aus Holz
  • CD 2
    1. Belmondo
    2. Borderline
    3. Meine Kleine
    4. Traumpaar aus der Gosse
    5. Haie
    6. 24 Stunden
    7. Straße der Millionäre
    8. Herz gebrochen
    9. Traum

Gesamtspielzeit: 78:31 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
nörtz (wichtig²)
2019-04-10 11:45:38 Uhr
Belangloser Befindlichkeit-Pop ohne Tiefgang und Anspruch. Sowas hat keine Wertigkeit.
schlucki
2019-04-10 11:43:19 Uhr
ziemlich hässlich geworden, versoffene augen.
Ich bins nur
2019-04-10 11:40:59 Uhr
Annet hat das Zwergengen, sowohl was ihr Aussehen angeht als auch ihre komische Stimme. Ich finds sehr angstrengend und wenig lustig. Hab letztens das Lied "Torsten Schmidt" oder so von ihr gehört und es nicht fassen können, dass sie sich über das Aussehen dieses Typen lustig macht. Sollte mal in den Spiegel schauen, sie ist nicht gerade ein Hauptgewinn, die Gute.


By the way, ich sehe natürlich fantastisch aus!
Blachina of MOD
2019-04-10 11:40:50 Uhr
Session?
oliver
2019-04-10 11:37:18 Uhr
ziemlich sicher, dass das heißen müsste: "Streicher, die jeden Lebens entbehren"
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