Marvin Gaye - You're the man

Marvin Gaye- You're the man

Motown / Universal
VÖ: 29.03.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Posthumer Protest

Ohne Marvin Gayes Sturkopf sähe die heutige Musikwelt möglicherweise ein gutes Stück anders aus. 1970 präsentierte Gaye, damals eines der größten Zugpferde Motowns, Label-Chef Berry Gordy seine erste selbstproduzierte Single "What's going on" und stieß damit auf Ablehnung. Doch Gaye blieb resolut und bestand auf seine künstlerische Emanzipation, bis der Song ohne Gordys Wissen schließlich doch veröffentlicht und zum Hit wurde. Das gleichnamige Album markierte den Beginn der kreativ ergiebigsten Phase des Washingtoners, die ihn als einen der einflussreichsten und bedeutendsten R'n'B- und Soul-Musiker in die Geschichtsbücher der Popkultur schrieb – und das, obwohl der direkte Nachfolger zu "What's going on" nie Motowns Studio-Archiv verlassen sollte. Wieder war es ein Konflikt zwischen den beiden Alpha-Böcken: Gaye wollte noch politischer als zuvor werden, schrieb mit "You're the man" seinen bisher deutlichsten Protestsong, doch seinem Boss gefiel diese Richtung überhaupt nicht. In diesem Fall floppte das als Lead-Single gedachte Stück allerdings auch kommerziell, der Künstler hatte keine Argumente mehr auf seiner Seite und das Label strich das dazugehörige Album aus dem Veröffentlichungskalender.

Anlässlich Gayes 80. Geburtstag am 02. April 2019 möchte Universal nun 35 Jahre nach seinem Tod die Geschichte korrigieren. "You're the man" läuft unter der Kategorie "Verschollenes Album", was man aber insofern relativieren muss, dass alle 17 Songs bereits auf Compilations oder Deluxe-Versionen erschienen sind. Es lässt sich auch leider nicht mehr nachvollziehen, wie genau sich der Künstler selbst diese für ihn so wichtige Platte vorgestellt hätte, weswegen "You're the man" den unkomplizierten Weg geht und sämtliche von Gayes Studio-Aufnahmen aus dem Jahr 1972 (abgesehen von Soundtrack-Arbeiten) beinhaltet. Bis auf ein paar neue Mixe dürften akribische Fans hier also eher nichts Unbekanntes vorfinden, doch der Reiz hinter "You're the man" liegt vor allem in dem Bild, das es vom Innenleben seines damals 33-jährigen Erschaffers zeichnet. Wenn dieser in besagtem Titelstück, einer getriebenen, luftundurchlässigen Funk-Nummer, soziale Gerechtigkeit fordert und "The world is rated x" im Anschluss sogar noch wütender wird, hört man Gaye mit einem Hunger und einer Unzufriedenheit, für die es bisher noch kein konzentrierteres Zeugnis gab.

Nicht nur deshalb hätte sich das ursprüngliche Album mit Sicherheit bei Gayes anderen Meisterwerken der Siebziger mühelos einreihen können. Stimmlich ist der "Prince Of Soul" hier in Top-Form, dazu reibt er sich als Songwriter nicht nur im Politischen, sondern auch im Persönlichen auf und verbindet beide Ebenen stellenweise gekonnt wie in der nach Selbstbestimmung zehrenden Ballade "Piece of clay". Auch seine Band klang selten besser, die virtuosen Arrangements vermengen Elemente aus Jazz, Rock und Pop, klingen frisch und zeigen, etwa in den verspielten Gitarren von "You are that special one" oder im Abschluss-Jam "Checking out (Double clutch)", dass Gayes Einfluss auch über die mit ihm in Verbindung gebrachten Genres hinausgeht. Es ist schade, dass sich "You're the man" mit seiner aufgeblähten Form und ein paar Redundanzen wie einer schwächeren Version des Titelstücks etwas zu sehr nach Compilation anfühlt, doch dem Willen zur Vollständigkeit lässt sich natürlich auch wenig anlasten. Nach der Nicht-Veröffentlichung dieser Platte machte Gaye als Musiker zwar inspiriert weiter, doch verließ er mit angeknackstem Selbstbewusstsein den politischen Protest fast komplett, weswegen er einer breiteren Öffentlichkeit heute eher als "Schmusesänger" bekannt ist. Ein etwas differenzierteres Bild von diesem besonderen Künstler etablieren zu wollen, ist womöglich der größte Beitrag, den "You're the man" leistet.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • You're the man
  • The world is rated x (Alternate mix)
  • Where are we going? (Alternate mix 2)
  • I want to come home for christmas
  • I'm going home

Tracklist

  1. You're the man
  2. The world is rated x (Alternate mix)
  3. Piece of clay
  4. Where are we going? (Alternate mix 2)
  5. I'm gonna give you respect
  6. Try it, you'll like it
  7. You are that special one
  8. We can make it baby
  9. My last chance (Salaam Remi remix)
  10. Symphony (Salaam Remi LP mix)
  11. I'd give my life for you (Salaam Remi LP mix)
  12. Woman of the world
  13. Christmas in the city
  14. You're the man (Alternate version)
  15. I want to come home for christmas
  16. I'm going home
  17. Checking out (Double clutch)

Gesamtspielzeit: 69:00 min.

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Armin

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2019-03-28 20:37:27 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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