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American Football - American Football (LP3)

American Football- American Football (LP3)

Big Scary Monsters / Al!ve
VÖ: 22.03.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zurück zur Natur

Mangelnde Kreativität oder das Fehlen von Einfallsreichtum kann man Mike Kinsella eigentlich nicht vorwerfen: Der Kopf hinter solchen Emo- und Indie-Größen wie Cap'n Jazz, Joan Of Arc und Owen strotzt seit seinem ersten Erscheinen auf der musikalischen Bildfläche Mitte der Neunzigerjahre vor Ideen und noch mehr vor Talent, diese auch gekonnt umzusetzen. Vielleicht ist es also auch nur ein äußerst treuer Traditionsgedanke, dass er das dritte Album seines Projektes American Football wie schon die beiden Vorgänger von 1999 und 2016 einfach nach der Band selbst benennt. Nur die schnell nachträglich angebrachten Zusätze "LP1", "LP2" und "LP3" können da etwas für Entwirrung sorgen. Macht ja im Grunde auch nix: Auf den Inhalt kommt es an, und auf den konnte man sich bei Kinsella seit jeher verlassen.

Bleiben wir jedoch kurz beim Äußeren, da hat sich auf "American Football (LP3)" durchaus etwas getan: Schlich man beim Debüt noch unruhig vor dem Haus herum und wurde man zur Veröffentlichung von "American Football (LP2)" endlich höflich reingebeten, zieht es das dritte Werk des Trios aus Illinois zurück nach draußen, direkt in die Natur: Eine mystische Hügel- und Baumlandschaft ziert das Cover, sanft fließen die Farben ineinander und sorgen für einen beruhigenden, wenngleich melancholischen Gesamteindruck. Es passt somit perfekt zum Stimmungsbild der acht vertretenen Stücke, die sich hier ausbreiten können. Auch das ist ein feiner Unterschied zum direkten Vorgänger: Obwohl American Football die Tracklist um einen Titel heruntergesetzt haben, darf sich der Neuling satte neun Minuten länger austoben. Reine Zahlenspielerei? Möglich. Aber auch ein Zeichen dafür, dass Kinsella & Co. ihren Songs mehr Raum zur Entfaltung geben.

Es tut ihnen gut, ebenso wie die geballte weibliche Unterstützung, die American Football sich mit ins Boot holen: Als bestes Beispiel ist in diesem Zusammenhang die zweite Single "Uncomfortably numb" hervorzuheben, die nur vom Namen her an Pink Floyd erinnert und sich ansonsten an der altbekannten Mischung aus Emo und Indie-Rock bedient. Gemeinsam mit Hayley Williams von Paramore schwelgt Kinsella hier in nicht immer schönen Erinnerungen und erzählt vom Fluch und Segen der eigenen Erziehung im Hinblick auf sein eigenes Kind. Manche Erkenntnisse sorgen da für ein Stechen in der Brust, wie etwa aus den Zeilen "I blamed my father in my youth / Now as a father, I blame the booze" hervorgeht, oder auch aus dem nach einem beeindruckend harmonischen Zwiegespräch Kinsellas und Williams' entstandenen Schlusssatz "I'll make new friends in the ambulance."

Und auch die anderen Damen brauchen sich nicht hinterm Mikrofon zu verstecken: Land Of Talks Elizabeth Powell verziert das gar nicht sachte plätschernde, sondern gar ziemlich schwankende und stürmische "Every wave to ever rise" und sorgt mit ihrer glockenhellen Stimme für einen angenehmen Kontrast. "I can't feel you" hingegen wartet mit der ganzen Kraft und Energie von Rachel Goswell auf, ihres Zeichens selbst schon eine Legende und am besten bekannt als Stimme und Gitarristin von Slowdive. An der Königin des Shoegaze kann sich auch Kinsella, selbst Meister seines Fachs, noch steigern und klettert mit der Britin in ungeahnte Höhen, am Dream-Pop-Himmel noch vorbei, bis die Luft dünner wird und die Angst vor dem Fall vor dem Gefühl der Selbstsicherheit weicht.

Nicht nur der Albumtitel ändert sich bei American Football also nie, sondern auch diese gewisse Grundstimmung zwischen Hoffen und Bangen, Vertrauen und Verzweiflung. Sei es im brodelnden Opener "Silhouettes", der sich über siebeneinhalb Minuten aus seinen eigenen Schattenumrissen in ein vollkommen ausgefülltes, dreidimensionales Ungetüm verwandelt, oder in der fast schon ausgelassenen Indie-Rock-Perle "Heir apparent", die gefühlt von allen Instrumenten Gebrauch macht, die im Arc Studio in Omaha während der Aufnahmen zur Verfügung standen. Verspielt gibt sich auch das hymnisch an die Neunzigerjahre erinnernde "Mine to miss", das in seiner Dramatik und wohligen Poppigkeit auch von Kinsellas Nebenprojekt Owen hätte stammen können. So waren und sind American Football eben doch am besten: mit Vollgas auf der Emo-Schiene, bis ganz tief unter die Haut und mitten ins Herz.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Uncomfortably numb (feat. Hayley Williams)
  • Heir apparent
  • I can't feel you (feat. Rachel Goswell)

Tracklist

  1. Silhouettes
  2. Every wave to ever rise (feat. Elizabeth Powell)
  3. Uncomfortably numb (feat. Hayley Williams)
  4. Heir apparent
  5. Doom in full bloom
  6. I can't feel you (feat. Rachel Goswell)
  7. Mine to miss
  8. Life support

Gesamtspielzeit: 47:19 min.

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User Beitrag

Jennifer

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 3211

Registriert seit 14.05.2013

2020-01-09 15:52:27 Uhr
Dann auch noch etwas Liebe für "Heir apparent", das bei mir derzeit sogar noch öfter läuft als "Uncomfortably numb". Wunderschön, anders kann man es nicht sagen.

Jennifer

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 3211

Registriert seit 14.05.2013

2019-11-01 11:32:40 Uhr
Hat sich für mich auch zum größten Highlight des Albums entwickelt. Fantastischer Song.

Voyage 34

Postings: 956

Registriert seit 11.09.2018

2019-11-01 11:20:02 Uhr
Dito

boneless

Postings: 3154

Registriert seit 13.05.2014

2019-11-01 10:53:27 Uhr
Uncomfortably Numb zählt ohne Frage zu den schönsten Songs des Jahres. Ich halte sehr wenig von Paramore, aber Williams fügt sich absolut perfekt in diese schwebenden 4 Minuten Glückseligkeit ein.
Machix
2019-06-22 12:32:57 Uhr
Sehe ich genauso. Die zweite Hälfte hat spät gezündet und die erste nutzt sich erstaunlicherweise bei mir Nullkommanix ab.
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