Camilla Sparksss - Brutal

Camilla Sparksss- Brutal

On The Camper
VÖ: 05.04.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Macht kaputt, was Euch Spaß macht!

Für alle, die eine mangelnde Tiefe in der Popmusik beklagen, hätte es bereits 2014 ein eindrucksvolles Gegenbeispiel gegeben. Warum nur hätte? Na ja, "For you the wild" von Camilla Sparksss wurde nur am Rande beachtet, ihr schrundiger, aschfahler Electro-Pop lief sträflich missachtet unter dem Radar. Ob es deswegen ganze fünf Jahre gedauert hat, bis nun das Zweitwerk "Brutal" erscheint oder ob das mit Barbara Lehnhoffs, so der Name im Ausweis, Tätigkeit bei der grandiosen Schweizer Band Peter Kernel zu tun hat, ist dabei zweitrangig. Hauptsache, man kann sich wieder an intelligenter Popmusik mit, richtig, reichlich Tiefgang erfreuen.

Der Opener "Forget" weiß dabei ganz genau, dass Ambivalenz ein echter Trumpf sein kann. Verrauschte, breit aufgestellte Töne, welche eher zu einem üppig ausgelegten Rhythmus passen würden, verhallen im Nichts, immer versucht ein Beat Fuß zu fassen, findet aber keinen Halt. Der Gesang Lehnhoffs sowie das entfernte Echo von Klavierspiel sorgen dennoch für ein Mindestmaß an Wärme, wie eine Kuschelecke in einem zugigen, leerstehenden Fabrikgebäude. Die aufregende Uminterpretation von kommerzieller Musik ist dabei ein spannender Bestandteil dieser Platte: Lehnhoffs Version von zeitgenössischer Punjab-Dance-Music in "Are you ok?" ist gleichzeitig mitreißend und vertrackt, verlässt mal den geraden Weg oder intensiviert an anderer Stelle den percussiven Impact. Die Stärke dabei ist, dass manches Mal Bestandteile, die zunächst nur am Rande erscheinen, durch hartnäckige Wiederholung oder Neuzusammensetzung in den Mittelpunkt rücken. Auch die Texte artikulieren Gegensätzliches in einer einzigen Zeile, da heißt es "What a wonderful day / To get lost in the blame", und das dazugehörige Stück "Womanized" pumpt und marschiert triumphierend nach vorne und scheint von den ihm innewohnenden, dunklen Aspekten nur noch mehr befeuert zu werden.

In "So what?" erlebt man zu runtergekühlter Club Music einen nihilistischen Blick auf hedonistische Partykultur, "So what / I died once / I can die twice", wobei auf erschreckende Weise der weibliche Körper als reines Objekt dargestellt wird. Ähnlich runtergekühlt, nur mit einem Blues-Rock-Outfit bekleidet ist "She's a dream", welches durch ausleiernden Rhythmus und ins Delrium abdriftende Gitarren ebenfalls zu einem unwägbaren Albtraumgebilde wird, das fröhliche Gepfeife gereicht da nur zum Hohn. Der enervierende Gesang von "Psycho lover" stößt sich an kunstvollen Breaks des Schlagzeugs, und auch bei diesem Song hat man das Gefühl, dass der pozentiell makellose Pop, der hier als Möglichkeit durchschimmert, böse sabotiert wird. Dadurch entsteht aber jene Tiefe, durch die Brüche in der Struktur schaut man auf das dahinterstehende Räderwerk, entlarvt das Konzept von einfacher Unterhaltungsmusik als emotionsloe Mechanik, wo alles rund und störungsfrei ineinandergreift. Da wird aus einem konformen Liebeslied wie "Messing with you" ein repetitives Schleudertrauma, welches scheinbar die Kontrolle über seine Bestandtteile verloren hat und trotzdem noch irgendwie vorankommt, eine Groteske von einem Popsong, wie das ganze Album.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • Forget
  • So what?
  • Messing with you

Tracklist

  1. Forget
  2. Are you ok?
  3. Womanized
  4. So what?
  5. She's a dream
  6. Psycho lover
  7. Messing with you
  8. Walt Deathney
  9. Sorry

Gesamtspielzeit: 33:17 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-03-21 20:29:40 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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