Show Me The Body - Dog whistle

Show Me The Body- Dog whistle

Loma Vista / Caroline / Universal
VÖ: 29.03.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die rasenden Leichenbeschauer

Anfang 2017, großes Auweh auf der ganzen Welt: Donald Trump trat sein Präsidentenamt an. Aber mancherorts auch großes Hallo – aus Vorfreude auf die vielen wütenden Platten, die in den kommenden vier Jahren ob dieses Umstands vermutlich erscheinen würden. Wie etwa "Dog whistle" von Show Me The Body, den New Yorkern mit kreativem Community-Background, die Hardcore, HipHop und Noise so störend und provokant miteinander verschweißen, dass ihr Debüt "Body war" angenehm in den Ohren wehtat. Aber: Das Trio will sich von keiner politischen Strömung vereinnahmt wissen und pocht auf die persönliche Dimension seiner Musik. Trotzdem kann dieses Album seinen Punkrock-Spirit zu keiner Zeit verleugnen. Wurde auch Zeit, nachdem das letzte Mixtape "Corpus I" mit Features von Princess Nokia, Denzel Curry, Mal Devisa oder Dedekind Cut hauptsächlich barsche Rhythmen, zerklüftete elektronische Abraumhalden und stachlige Raps versammelte – in vergleichsweise großzügigen 45 Minuten.

Zwei Jahre später sind Show Me The Body wieder beim handlichen Format von einer halben Stunde angekommen, die sie mit "Dog whistle" sogar noch unterbieten. Wenig Zeit, viel Lärm – da kann das langgezogene Intro des Openers "Camp orchestra" mit versonnenem Geschrummel und psychedelischem Pling nur die Ruhe vor dem Sturm sein. Und eine Verneigung vor den Häftlings-Ensembles, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Konzentrationslagern für ihre Peiniger aufspielen mussten. Entsprechend aufgebracht blafft Julian Pratt "No work will set you free!", sobald das Stück zu knorrigem Fuzz und sensender Gitarre eine Kehrtwende Richtung metallisches Rollkommando einlegt. Die zweite Single "Madonna rocket" kommt ohne verhaltene Einleitung aus, macht aber nicht minder den Lauten: Riffs und heiser skandierende Stimme verfallen in hitzige Raserei, das Tempo liegt im roten Bereich, und schon nach kurzer Zeit ist der Moshpit verwüstet und die Sause vorbei. Punk halt. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Denn auch auf "Dog whistle" unterscheidet Show Me The Body eins von den Kollegen ihrer rüpeligen Zunft: Pratts ungerührt seine blechernen Kreise ziehendes Banjo, das neben Harlan Steeds seismographisch besorgniserregendem Bass wirkt, als hätte man Steve Albini samt Big Black auf eine freudlose Hillbilly-Veranstaltung gebucht. Wo die Stimmung gewiss noch mieser werden würde, wenn "Not for love" und "Badge grabber" mit knirschigen Electronics und rostigen Stahlseilen statt mit Instrumenten hantieren. Ähnliche Sollbruchstellen wie die desillusionierte Industrial-Müllkippe "Now I know", bis in "Arcanum" Metropolen-Elend und Appalachen-Folk, Melancholie und Aggression vollständig zusammenkommen: Endlich liegen Banjo und rasselnde Saiten gemeinsam im Rinnstein wie zwei an der gleichen Schleppscheiße krepierende Junkies, die auch die kreischenden Misstöne von "USA lullaby" nur noch am Rande wahrnehmen. Schön ist das nicht. Was diesem hübsch-hässlichen Album aber umso besser zu Gesicht steht.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Camp orchestra
  • Badge grabber
  • Arcanum

Tracklist

  1. Camp orchestra
  2. Not for love
  3. Animal in a dream
  4. Badge grabber
  5. Drought
  6. Forks and knives
  7. Now I know
  8. Madonna rocket
  9. Arcanum
  10. Die for the Earth to live
  11. USA lullaby

Gesamtspielzeit: 27:57 min.

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Armin

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2019-03-21 20:29:27 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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