Brutus - Nest

Brutus- Nest

Hassle / Rough Trade
VÖ: 29.03.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Unter Hochspannung

Brutus' fantastischer Erstling "Burst" war 2017 nicht weniger als ein akustisches Feuerwerk. So grob und doch filigran, gleichzeitig laut und leise und von solcher Sprengkraft, dass die enthaltenen Elemente aus Postrock, Shoegaze, Indie, Punk und sogar Black Metal beinahe unter dem Druck verschmolzen, mit dem Brutus sie in ihre Musik pressten. Eine sympathische Randnotiz war damals bereits, dass Sängerin Stefanie Mannaerts gleichzeitig Schlagzeug spielt. Und das tut sie auch heute noch derart geladen, dass man mutmaßen könnte, die vor blanker Energie nur so strotzende Frontfrau brauche die zusätzliche Betätigung für Arme und Beine einfach, um live nicht zu platzen. Mit "Nest" hat das Trio nun seinen Zweitling am Start. Gleichzeitig erwacht der größte Feind eines solchen: die Erwartungshaltung. Was könnte die Welt von Brutus erwarten? Dass sie ihren mühsam geschmiedeten Sound umkrempeln, schon einmal nicht – oder? Es wäre nicht das erste Mal, dass sich eine vor Potenzial überlaufende Band auf diese Art und Weise selbst ausbremst. Noch schlimmer wäre möglicherweise aber überhaupt keine Entwicklung, also ein Aufguss des gelobten Debüts. Die Traumvorstellung des Hörers wäre hingegen, dass die Band alle bereits bekannten Qualitäten behält und trotzdem etwas Neues, Innovatives daraus zusammensetzt. Glücklicherweise ist Brutus genau das gelungen.

Dass sich Brutus ihren eigenen Sound und dessen gekonnten Einsatz bewahrt haben, wird gleich zu Beginn von "Nest" klar. "Fire" erzeugt ab der ersten Sekunde eine Stimmung der Anspannung. Im dichten Hall beinahe versunken drängt sich ein Ruf Mannaerts' vorbei an Stijn Vanhoegaerdens Gitarrenpicking, das ungeduldig auf die Entladung zu warten scheint und die Grundstimmung als Ruhe vor dem Sturm definiert. Dieser bricht in Form der Strophe nach kurzem Aufbau über die Szenerie herein. „Fire / Burn them all“ krakeelt es aus den Lautsprechern, während die Gitarre wie in blinder Rage und trotzdem zielgenau den Spagat zwischen Punkrock- und Postrockriff vollführt. Bass und Schlagzeug bilden durch ihr druckvolles, aber sehr straightes Spiel den hier nötigen Anker. Und während dieser Sturm in einem Moment unnachgiebig wütet, bricht der Horizont nur einen Wimpernschlag später bereits wieder auf und gibt den Blick auf die Sonne in Gestalt des Refrains frei. Unerwartet ordnet sich das Chaos zu Klarheit, die Rage weicht einer optimistischen, beinahe zerbrechlichen und Erlösung verheißenden Melodie.

Atemlos und mit stoischer Gewalt prügelt sich "Cemetery" nach vorne, passend zum brachialen Sound schreit sich Mannaerts die Seele aus dem Leib. "Carry" geht es etwas ruhiger an und besticht vor allem mit der treibenden Strophe. Zu Beginn von "War" bieten Brutus eine kurze Verschnaufpause, schießen jedoch ohne Vorankündigung plötzlich aus allen Rohren. Immerhin bietet die zweite Hälfte des Albums mit "Space" und "Sugar dragon" aber noch ein paar Gelegenheiten, die ruhige Seite des Trios zu erleben. Es fällt auf, dass die Belgier sich alle Mühe geben, ihren Sound von wirklich allen Seiten zu beleuchten. Ständig wird ein anderer Aspekt prominent nach vorne gestellt und so pendelt "Nest" ständig zwischen einfühlsam und brutal, zwischen laut und leise und zwischen Spannung und Aufatmen. Aufgesetzt wirkt die wilde Mischung zu keinem Zeitpunkt. Ganz im Gegenteil: Noch mehr als auf "Burst" ist es Brutus auf "Nest" geglückt, die Nahtstellen in ihrer Musik zu schließen und ihre Einflüsse zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzuführen. Gepaart mit einem Gespür für catchy Melodien, die in jedem noch so dichten und brachialen Gewirr wie eine Fackel den Weg weisen, gelingt der Band mit ihrem zweiten Album eine deutliche Definition ihres Stils. Mehr kann man kaum erwarten.

(Christopher Padraig ó Murchadha)

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Highlights

  • Fire
  • Cemetery
  • War
  • Horde V

Tracklist

  1. Fire
  2. Django
  3. Cemetery
  4. Techno
  5. Carry
  6. War
  7. Blind
  8. Distance
  9. Space
  10. Horde V
  11. Sugar dragon

Gesamtspielzeit: 42:19 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Robert G. Blume

Postings: 443

Registriert seit 07.06.2015

2019-04-11 13:41:41 Uhr
Mir fällt auf jeden Fall gerade auf (Studiokopfhörer tragend), wie brutal viel Hall hier auf Stimme und Gitarre liegt.

MopedTobias

Postings: 12381

Registriert seit 10.09.2013

2019-04-07 11:53:15 Uhr
Ich gebe zu, dass die Shoegaze-Einflüsse auf dem Vorgänger deutlicher waren als hier, aber zehn Genres ist Shoegaze nicht mal von stinknormalen Post-Core entfernt :)

squand3r

Postings: 21

Registriert seit 24.01.2019

2019-04-06 16:14:12 Uhr
Also ich finde den Gesang in Django einfach nur geil dramatisch - Von Shoegaze ist das Ganze natürlich mindestens zehn Genres entfernt.

boneless

Postings: 2425

Registriert seit 13.05.2014

2019-04-03 21:30:43 Uhr
Jawohl. Die Frage ist, ob Martin das auch so sieht. ;D

MopedTobias

Postings: 12381

Registriert seit 10.09.2013

2019-04-03 20:38:39 Uhr
Das ist doch dasselbe wie Postcore, oder?
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