Little Simz - Grey area

Little Simz- Grey area

Age 101 / Rough Trade
VÖ: 01.03.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

The king's speech

Lob von Kendrick Lamar und Jay-Z, Touren mit Gorillaz und Lauryn Hill, sowie ein Platz auf Forbes' 2016er-"30 under 30"-Liste. Man könnte meinen, Simbi Ajikawo alias Little Simz hätte schon genug Lorbeeren gesammelt, um auch von einer breiteren Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit zu erhalten, doch noch ist die Londoner Rapperin nicht groß über den Status eines Kritikerlieblings hinausgekommen. Vielleicht, weil ihr vor Ideen und transmedialen Konzepten strotzendes Schaffen zu viele Haken fürs Massenpublikum schlägt, vielleicht auch, weil ihr unauffälliges und gänzlich unsexualisiertes Image weniger Diskursfeuer entfacht als das einer Nicki Minaj oder Cardi B. So oder so liefert diese so hochambitionierte Künstlerin gleich zu Beginn ihres dritten Albums den erneuten Beweis für ihre Hochklassigkeit, wenn sie im großartigen Opener "Offence" Rumpel-Beat und Killer-Bass mit Jazz-Flöten und Streichern kombiniert, während sie trocken ihre Rückkehr deklariert: "Me again, allow me to pick up where I left off."

Die titelgebende "Grey area" lässt sich perfekt auf die sich jeder klaren Definition entziehende Musik anwenden, weil Simz und ihr Produzent und Kindheitsfreund Inflo jedem der zehn Songs seine eigene Ästhetik verpassen. Der Sound ist weitgehend von organischen Instrumenten geprägt, die Einflüsse reichen von Retro-Soul und Jazz über modernen Grime und als Referenzen kommen ähnlich eklektische Künstler wie A$AP Rocky oder auch Ghostface Killah auf "Twelve reasons to die" in den Sinn. "Boss" führt die Schroffheit des Openers weiter aus, die 25-Jährige schreit in ein Megafon und klingt dabei lustigerweise ein bisschen wie Jack White. Das wundervoll verspielte Instrumental von "101 FM" möchte man am liebsten drei Stunden im Loop hören, während das dringliche "Venom" über stressigen Streichern in Richtung Misogynie im Rap-Business spuckt: "They would never wanna admit I'm the best here / From the mere fact that I've got ovaries." Natürlich vorgetragen mit der technischen Brillanz, die diesem Selbstbewusstsein zu 100% Legitimation gibt.

Doch das ist nur die eine von zwei Seiten, denn Simz' größter Feind bleibt in erster Linie sie selbst. Die "Grey area" bezeichnet eben auch das Innenleben dieser jungen Frau, durchzogen von einem Nebel der Selbstzweifel und Identitätskrisen. "Selfish" packt die Zerrissenheit über ihren Karrierepfad an, zwischen dem Stolz über die eigenen Leistungen und der damit einhergehenden Isolation: Sind es Ruhm und Popularität wirklich wert, weniger zeitliche und mentale Kapazitäten für geliebte Menschen aufwenden zu können? Auch "Pressure" wird sehr deutlich, doch Simz versinkt dabei nie im Selbstmitleid: "Shit really got me down but / I'm still gonna succeed in life." Inflos Produktion passt sich hier und in thematisch ähnlichen Songs perfekt dem Inhalt an, bezieht sich mehr auf R'n'B und Soul ­– man höre allein Cleo Sols Zucker-Refrain in "Selfish" ­– und strahlt Wärme und Zurückhaltung aus. Am allerschönsten gerät dabei das von Michael Kiwanuka unterstützte "Flowers", dessen friedvollem Klangbett die düsteren Reflexionen über den "Club 27" nicht anzuhören sind.

Diese Aufrichtigkeit ist neben der musikalischen Klasse die größte Errungenschaft von "Grey area", denn anders als auf den Vorgängern versteckt sich Simz hier nicht mehr hinter sperrigen Narrativen. Besonders "Therapy" stellt sich als Schlüsselstück heraus, greift den basslastigen Sound der Eröffnungssongs auf, aber tauscht deren Aggressivität gegen Introspektion aus: "Sometimes we do not see the fuckery until we're out o fit." Der Blick der Britin bleibt stets nach innen gerichtet, selbst wenn sie heißere Themen wie etwa Gang-Gewalt im reggaeesken "Wounds" aufgreift, doch gerade deshalb hat ihre Stimme so viel Nachhall wie kaum eine andere in der aktuellen Szene. "Everybody should know that I'm king now", rappte sie einst auf ihrem Debüt "A cautionary tale of trials and persons" und liefert vier Jahre später die Bestätigung. Ein besseres Rap-Album muss 2019 erst noch das Licht der Welt erblicken.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Offence
  • Venom
  • 101 FM
  • Flowers (feat. Michael Kiwanuka)

Tracklist

  1. Offence
  2. Boss
  3. Selfish (feat. Cleo Sol)
  4. Wounds (feat. Chronixx)
  5. Venom
  6. 101 FM
  7. Pressure (feat. Little Dragon)
  8. Therapy
  9. Sherbet sunset
  10. Flowers (feat. Michael Kiwanuka)

Gesamtspielzeit: 35:25 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

kingsuede

Postings: 1369

Registriert seit 15.05.2013

2019-03-20 19:44:15 Uhr
Wird wohl eine Neuentdeckung des Jahres. Kommt auch auf schmuckem weißen Vinyl sehr gut.
Testopa
2019-03-16 14:45:15 Uhr
Nette Songs eigentlich. Das Gerappe stört halt son bisschen ;)
GrandPrixTraditionalist
2019-03-16 13:48:04 Uhr
Ist das die Little Simz, die schon mit unserer Lena zusammen gearbeitet hat?

Marvin

Postings: 62

Registriert seit 27.04.2018

2019-03-15 17:53:55 Uhr
"People of colour" ist im bekanntlich weißen Rap-Genre ja auf jeden Fall ein besonderes Merkmal, wa?
Der postmoderne Kritiker
2019-03-15 17:40:05 Uhr
Female und people of colour? In einem dominierten Männergenre? Das muss ich gut bewerten.
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