Waving The Guns - Das muss eine Demokratie aushalten können

Waving The Guns- Das muss eine Demokratie aushalten können

Audiolith / Broken Silence
VÖ: 15.03.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

1000-jähriger Scheiß

Ist der Rechtsruck in Deutschland nur eine Modeerscheinung, die zudem derzeit ja mehr oder weniger weltweit auftritt, oder hat unsere Gesellschaft doch ein tiefsitzendes, strukturelles Problem, das trotz Nazi-Rhetorik im Bundestag und auf den Bühnen des Landes, trotz rechtsextremistischer Gruppierungen innerhalb von Polizei und Bundeswehr, trotz Hutbürger, trotz Hetzjagden, trotz Hitlergrüßen in der Dorfkneipe noch immer unterschätzt wird? "Das muss eine Demokratie aushalten können" lautet ein häufig zitierter Ausdruck elitärer Wurschtigkeit, der versucht, sich darum zu drücken, dagegenzuhalten, vielleicht sogar dagegen zu kämpfen, so vom Typus: "Wird schon werden." Aber wird es das wirklich?

Waving The Guns bezweifeln es, das macht nicht zuletzt der Titeltrack ihres neuen Albums deutlich, in welchem die – durch den Ausstieg von Admiral Adonis zum Trio gewordene – Truppe aufzeigt, wie die beschriebene Dekadenz nichts anderes ist als unterlassene Hilfeleistung für unsere Gesellschaft. Druck von rechts sollte Gegendruck von allen Seiten erzeugen, denn selbst ein CSU-Wähler müsste per Definition Antifaschist sein, aber irgendwas läuft schief. So disst Milli Dance in "Das muss eine Demokratie aushalten können" von whacken MCs bis zu Start-Up-Yuppies alles weg, was es sich zu gemütlich gemacht hat, um den Arsch in die Höhe zu bekommen: "Du kannst dein Maul halten, my man." Das ist wütend, aber genauso charmant. Auch wird an dieser Stelle wunderbar aufgezeigt, dass Waving The Guns nicht nur Attitüde können, sondern auch musikalisch einiges auf dem Kasten haben. Wer geile Samples und Turntablism im State-of-the-Art-HipHop vermisst, dem wird hier vor Augen geführt, dass Rap-Musik auch mit althergebrachten Methoden modern sein kann. Ebenso großartig erscheint "Perlen vor die Säue" mit seinem traurigen Piano und den grantigen Lines: "Sodass wir zwar 'ne Gesellschaft bürgerlichen Rechts sind / Aber die Gesellschaft rechter Bürgerlicher ächten", lautet da die Quintessenz.

Eine düsterere Klangwelt fächert "Oscar Pistorius" auf, das von AzudemSK gefeaturet wird und die Frage stellt, was wohl passiert, wenn morgen Schüsse fallen – auf welcher Seite stehst Du? Das Song-Duo "Die da reden 1" und "Die da reden 2" versucht zu klassisch anmutenden Boom-Bap-Beats aufzuzeigen, warum Vergessen und eine angemessene Erinnerungskultur nicht zusammengehen und schildert einen traurigen Status Quo: "Vier Weiße diskutieren, ob man 'Neger' sagen darf." "Remember" greift das Thema auf und fordert gegenseitige Kritikfähigkeit. Mit einer Funkgitarre und einem Soul-Sample kommt es zunächst recht selbstbewusst an, bevor es zur Songhälfte kollabiert, zwischen A-cappella-Samples und Querflöte Reumütigkeit einkehren lässt und traurig ins Jetzt schielt. Ähnlich introvertiert präsentiert sich "Feedback" zunächst, in welchem Milli Dance sich vor allem an der Abgrenzung seiner selbst abarbeitet und zwischendurch ein paar großartige Lines droppt, beispielsweise, wenn er kurz vor einem Adorno-Zitat feststellt: "Hinter jedem großen Reichtum steckt ein großes Verbrechen." Auch schön: "Ich werde mich verteidigen", das Wehrhaftigkeit hochhält und gleichzeitig Polizeigewalt – die es natürlich nie gegeben hat – anprangert, während im Hintergrund verzerrte Geigen wabern.

Kurz vorm Abschluss rollt der "Denkpanzer" getragen von einem Klavierthema, einer verzerrten Elektrischen und einem hintergründigen Four-on-the-Floor-Bass rechte Thinktanks nieder. Musikalisch ist das vielleicht der stärkste Track auf "Das muss eine Demokratie aushalten können", weil er wahnsinnig vielseitig erscheint. Aber auch "Es hätte so ein schöner Abend werden können" muss da erwähnt werden, das sich auf 8-Bit-Synthieflächen zum Breakdance verabredet und lyrisch die eigene Unbequemheit des Trios noch einmal herausstellt. In der Tat: Waving The Guns können anstrengend sein, weil sie da hin gehen, wo's wehtut. Dieser dauerhaft erhobene Zeigefinger kann freilich auch mal nerven, aber eben nur, weil der Zeitgeist sich lieber den Arsch breit sitzt, statt sich zu engagieren. Leute, die bei Anspielungen an ein 1000-jähriges Reich an die Demokratie verweisen, sollten hier wenigstens 50 Minuten genau zuhören.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Perlen vor die Säue
  • Oscar Pistorius (feat. AzudemSK)
  • Feedback
  • Das muss eine Demokratie aushalten können

Tracklist

  1. Intro
  2. Perlen vor die Säue
  3. Was hast Du denn erwartet
  4. Oscar Pistorius (feat. AzudemSK)
  5. Die da reden 1
  6. Die da reden 2
  7. Das Privileg (feat. Sketchone)
  8. Feedback
  9. Das muss eine Demokratie aushalten können
  10. Remember
  11. Ich werde mich verteidigen
  12. Hier unten ist ok
  13. Es hätte so ein schöner Abend werden können
  14. Denkpanzer
  15. Outro

Gesamtspielzeit: 49:43 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Das muss eine Demokratie aushalten können
2019-03-09 15:36:48 Uhr
Rekordzahl an Gewaltdelikten mit Messern.
hahaha
2019-03-09 12:16:54 Uhr
Ich spreche von mir in der dritten Person.
hahaha
2019-03-09 12:09:23 Uhr
Der Forumsfascho gibt nicht auf! Immer weiter postet er Beiträge auch wenn sie gelöscht werden. Köstlich.
"Gut dokumentiert"
2019-03-09 10:57:00 Uhr
Welche "Hetzjagden"

Stimmt, das berüchtigte "Hase, du bleibst hier"-Video. Da sieht man eindeutig Hetzjagden.
Patrick
2019-03-09 07:52:44 Uhr
Antifantenmucke für geistig Arme, mehr ist zu dem Schrott nicht zu sagen.
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