Stephen Malkmus - Groove denied

Stephen Malkmus- Groove denied

Matador / Domino / GoodToGo
VÖ: 15.03.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

The skin I'm in

Ja, Menschen machen Fehler. Nein, damit ist nicht gemeint, dass Stephen Malkmus ein von Berlin inspiriertes Electro-Album aufgenommen hat. Vielmehr möchte der Rezensent an dieser Stelle kurz einräumen, "Sparkle hard", Malkmus' letzte Platte mit den Jicks, einen oder sogar zwei Punkte unter Wert verkauft zu haben. Daher die Klarstellung: "Groove denied" ist nicht genauso gut wie sein Vorgänger, es ist schwächer. Vielleicht, weil dem ehemaligen Pavement-Kopf hier das inspirierende Gegengewicht seiner neuen Begleitband fehlt, vielleicht spielt auch der geringe Zeitabstand zwischen den Alben eine Rolle – auch wenn sich bei dem seit mehreren Jahren in Arbeit befindenden "Groove denied" nicht wirklich von einem Schnellschuss sprechen lässt. So oder so macht Malkmus' Ausflug in ein bisher von ihm unbeachtetes musikalisches Staatsgebiet zwar Spaß, bleibt aber unterm Strich etwas unbefriedigend.

Um gleich keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: "Electro-Album" ist hier sehr relativ zu lesen. Zwar agiert der 52-Jährige zweifelsfrei so experimentell und weit von Pavement entfernt wie noch nie, komplett aus seiner Haut schlüpfen kann oder will er dabei aber nicht. So sind es gerade einmal vier der insgesamt zehn Songs, die seine neue Liebe zum Ableton-Live-Sequencer und zu digitalen Nachbildungen diverser Vintage-Synthies zelebrieren. Um trotzdem für die maximale Irritation zu sorgen, packt er alle davon direkt in die erste Hälfte und beginnt mit dem fast komplett instrumentalen, verkappten DJ-Track "Belziger faceplant" – von allen Möglichkeiten, wie ein Stephen-Malkmus-Album anfangen kann, ist das sicherlich eine der unwahrscheinlichsten. Hat man die erste Skepsis überwunden, stellt sich der Song mit seinem dynamischen Spiel von Beats und Bässen aber tatsächlich als Highlight heraus.

Generell kann man den schrägen elektronischen Verrenkungen hier am wenigsten vorwerfen – solange man kein Problem damit hat, dass sie genau das, nämlich schräg und elektronisch, sind. Egal, ob im stoischen Industrial-Post-Punk von "A bit wilder" oder im Anti-Ambient mit verzerrtem Anti-Gesang von "Forget your place", Malkmus orientiert sich immer am DIY-Sound der frühen Achtziger, von The Human League bis Cabaret Voltaire. Daraus folgt nicht nur ein Reiz des Unfertigen, leicht Dilettantischen, "Groove denied" klingt dadurch auch überraschend eigen, weil die Kombination dieser speziellen Einflüsse mit klassischem Neunziger-Slacker-Indie so noch nicht zu hören war. Es ist höchstens ein bisschen schade, dass er die Ästhetik von "Viktor Borgia" nicht weiter erforscht hat, einem weiteren Höhepunkt der ersten Hälfte. Mit seiner grandiosen Synthie-Melodie und dem fast schon an Bowie erinnernden Vortrag verzeiht man ihm sogar das Fehlen eines richtigen Refrains.

Erstaunlicherweise fallen genau die Momente etwas runter, die Malkmus eigentlich im Schlaf beherrschen sollte. Wenn er sich für den Großteil der Platte wieder in den von ihm kultivierten Sound begibt, klingt das etwas arg formelhaft und schludrig im Songwriting. Standard-Pavement-Rocksongs wie "Rushing the acid frat" hat man von ihm schon vielfach besser gehört, dazu fällt auch das Fehlen der Jicks ins Gewicht, weil die Produktion mit Drumcomputer und anderen Band-Imitiationen etwas lasch klingt. Einzig mit "Ocean of revenge" gibt es nochmal ein spätes Highlight mit einer sehr hübschen Refrain-Melodie und – passend zur Achtziger-Revueschau – einem finalen Saxophon-Solo. Malkmus' eigener Spaß an seinem merkwürdigsten Album bisher überträgt sich nicht immer auf den Hörer, aber wenigstens tut er dem Rezensenten einen Gefallen, der sich hier insoweit aus dem Fenster lehnen kann: Diese Wertung wird er beim nächsten Mal nicht korrigieren müssen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Belziger faceplant
  • Viktor Borgia
  • Ocean of revenge

Tracklist

  1. Belziger faceplant
  2. A bit wilder
  3. Viktor Borgia
  4. Come get me
  5. Forget your place
  6. Rushing the acid frat
  7. Love the door
  8. Bossvicerate
  9. Ocean of revenge
  10. Grown nothing

Gesamtspielzeit: 33:25 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Doch
2019-04-05 13:40:38 Uhr
Metacritic hat es bei 7.6.
Gibt mir also Recht ;-)
Doch
2019-04-05 02:42:14 Uhr
"aber wenigstens tut er dem Rezensenten einen Gefallen, der sich hier insoweit aus dem Fenster lehnen kann: Diese Wertung wird er beim nächsten Mal nicht korrigieren müssen."

Doch, mindestens 1,6 Punkte zu niedrig bewertet.
Macht richtig Spaß das Ding.

Armin

Postings: 15233

Registriert seit 08.01.2012

2019-03-07 20:32:35 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Plattenbeau

Postings: 602

Registriert seit 10.02.2014

2019-02-22 16:06:00 Uhr
Doch wieder Pavement?

Armin

Postings: 15233

Registriert seit 08.01.2012

2019-02-20 19:32:45 Uhr
Der Songtext zu Rushing The Acid Frat, der zweiten Single aus Malkmus’ kommenden Album Groove Denied, beginnt mit den Worten „I had a vision“. Und was für eine! Inspiriert von den Lyrics (siehe Press-Kit unten) begleitet das Video von Robert Strange und James Papper einen animierten Stephen Malkmus bei einem psychedelischem Trip. Der führt ihn von L.A.’s Korea Town über den berühmten Hollywood Forever Friedhof zum Mond und zurück zur Erde.

Der Songtitel ist inspiriert von Stephens Erinnerungen an eine Studentenverbindung an der University of Virginia. Man denke hier aber weniger an eine typische Bier-Pong-Verbindung und mehr an eine Gruppe von Grateful Dead Fans in Batik Shirts.

Für Malkmus ist Rushing The Acid Frat ein Song, wie man ihn sich in einer "Star Wars-Bar-Szene in einer solchen Verbindung vorstellt. Er ist irgendwie im Blues Schema geschrieben, aber mit psychedelischen Texten versetzt."

Live:
05.06. Hamburg, Knust *
15.06. Duisburg, Traumzeltfestival *
16.06. Mannheim, Maifeldderby *
*mit The Jicks
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