Downfall Of Gaia - Ethic of radical finitude

Downfall Of Gaia- Ethic of radical finitude

Metal Blade / Sony
VÖ: 08.02.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Fachmänner

Eine der am schwersten zugänglichen Regionen der großen weiten Welt des Heavy Metal ist zweifelsohne Black Metal. Das mag zum einen daran liegen, dass dem Genre immer noch etwas Geheimnisvolles innewohnt, zum anderen aber auch die Fans eher selten in den ach so lustigen Klickstrecken der großen Festivals zu finden sind. Auch im bunten Freilichtzoo des Wacken Open Air frönt der harte Kern der Anhänger – so er denn überhaupt dem Kommerz anheimfallen mag – eher im geschützten Bereich der Zeltbühnen seiner Leidenschaft. Von der reißerischen medialen Ausschlachtung brennender Kirchen in den frühen Neunzigern oder dem extremen Gesang, der für Uneingeweihte wie eine Katze bei der Vierteilung klingt und hinter dem sich gerne verquaste oder zweifelhafte Botschaften verstecken, wollen wir hier noch nicht einmal reden – höchstens von der extrem zerfaserten Schubladendenke mancher Vertreter, die mitunter Stilblüten wie "Atmospheric Sludge / Post-Black-Metal / Crust" hervorbringt. So jedenfalls die Bezeichnung, die das für gewöhnlich sehr gut informierte Portal The Metal Archives für Downfall Of Gaia bereit hält.

Der Kern dahinter ist natürlich nicht stilistische Unentschlossenheit, sondern die totale künstlerische Freiheit in einem extremen Genre. Und diese nahm sich die Band, deren Mitglieder in Deutschland und in den USA beheimatet sind, seit jeher, bis das Album "Atrophy" 2016 zu einer nahezu reinen Black-Metal-Platte wurde – was zwar für Fans der komplexeren ersten Alben zu eingängig war, aber dafür sorgte, dass die vielzitierten neuen Hörerschichten erschlossen werden konnten. Jene Hörerschichten dürften nach den ersten Durchläufen von "Ethic of radical finitude" eher verstört sein, wird der treibende Black Metal doch immer wieder mit den atmosphärischen Einschüben der früheren Alben verwoben, als sei dies das Ergebnis der zuvor erarbeiteten Komponenten. Doch der Reihe nach.

Knappe drei Minuten droht und wabert das Intro "Seduced by ...", bis das Inferno in Form des eigentlichen Openers "The grotesque illusion of being" hereinbricht. Wüste Blastbeats eröffnen die Raserei, flirrende Gitarren erschaffen eine Atmosphäre voller emotionaler Kälte, in der Frontmann Dominik Goncalves dos Reis verzweifelt schreit: "A glimpse of light is burning my flesh / The innocent are cursed / We are marching into oblivion / Betrayed by infinity." Schicht um Schicht baut sich eine höllische Intensität auf, bis hin in den nahtlosen Übergang zu "We pursue the serpent of time", das nach einer quälend langen Introsequenz endlich die Bremse löst. Es ist ein Leichtes, sich in diesem Dynamik-Dickicht zu verirren, vor allem beim flüchtigen Nebenbeihören. Gibt man die heutigen schnelllebigen Hörgewohnheiten jedoch auf, finden sich überall Reizpunkte, ausgestreckte Hände, die vertrauenerweckend locken und doch nur immer tiefer in den atmosphärischen Strudel ziehen. Großartig.

Und doch ist in all dieser Schwärze Raum für Positives. Denn der Abschluss "Of withering violet leaves" beginnt mit zum Niederknien beeindruckenden Gitarren-Soundscapes, die am ehesten noch an die vertonten Eisberge von Sólstafir erinnern. Mag auch die Vergänglichkeit allen Lebens der Antrieb für die Texte der multinationalen Band sein, suggerieren Zeilen wie "The birth of violet leaves / Loss of embittered winter / Its steps can be heard", dass nicht alles ausweglos ist. Insofern unterscheiden sich Downfall Of Gaia zwar radikal von weiß geschminkten Satansanbetern oder den Vertretern der Zunft, die ihre Konzerte zu kosmischen Ritualen verklären, allerdings auch vom erhobenen Zeigefinger des ökologisch predigenden Cascadian Black Metal von Bands wie Wolves In The Throne Room, übernimmt aber ihre Stilmittel, um daraus eine ganz eigene Atmosphäre zu schaffen. Eine Atmosphäre, die radikal, die extrem ist. Aber genau deswegen auch extrem spannend. Auch wenn sie in seltsam klingende Schubladen verpackt wird.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • We pursue the serpent of time
  • Of withering violet leaves

Tracklist

  1. Seduced by ...
  2. The grotesque illusion of being
  3. We pursue the serpent of time
  4. Guided through a starless night
  5. As our bones break to the dance
  6. Of withering violet leaves

Gesamtspielzeit: 40:10 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
VoLlNoOb
2019-03-16 13:37:59 Uhr
Ja, mag ich! Schöne Rezension.
unnütz
2019-03-10 12:19:38 Uhr
Tolles Album mit vielen Facetten, was die Rezension sehr treffend beschreibt! Auch eines meiner bisherigen Higlights dieses Jahr!
jetzt ich
2019-03-09 15:32:22 Uhr
bislang mein lieblingsalbum 2019, 8/10
Meddlman
2019-03-07 20:39:23 Uhr
Na endlich auch mal ne Rezension hier zu dieser sehr sympathischen Blaskapelle.

Armin

Postings: 15233

Registriert seit 08.01.2012

2019-03-07 20:32:02 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

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