Howe Gelb - Gathered

Howe Gelb- Gathered

Fire / Cargo
VÖ: 08.03.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mit Filter

Eigentlich denkt man sich ja, dass jemand wie Howe Gelb immer alleine ist, auf irgendeinem Außenposten der Zivilisation, vielleicht als Bahnwärter der letzten Station kurz vor dem Nirgendwo. Durch seine Kehle scheint immer ein Sandsturm zu gehen, und der sich bahnbrechende Gesang scheint andere Menschen irgendwie auszuschließen. Und doch erzählt Gelb seit unzähligen Jahren mit dieser Stimme von kleinen Momenten zwischenmenschlicher Magie. Auf seinem neuen Album "Gathered" finden sich einige solcher Momente, und dazu hat Gelb gegen die Einsamkeit noch ein probates Mittel gefunden: Er lädt sich einfach ein paar Gesangspartner ein. Eine unwahrscheinliche, aber umso bestechendere Wahl hat Gelb dabei mit Anna Karina getroffen. Die gebürtige Dänin, welche eines der markantesten Gesichter der französischen Nouvelle Vague war, tänzelt zu jazzigem Swing eng umschlungen mit Gelb durch einen wolkigen Pariser Vormittag, das Alter hat ihre Stimme in Falten geworfen, und doch ist da eine unaufgeregte Romantik, die durch Jahrzehnte hinweg spricht. Und man mag vielleicht annehmen, dass Gelb mit seiner Vorliebe für eher tradierte Musikstile ein reaktionärer Zeitgenosse sein könnte, indem er jedoch mit Karina eine Vorreiterin der weiblichen Selbstbestimmung zum Duett lädt, gelingt ihm ein markantes Statement.

Am anderen Ende der Alterskala steht ein weiterer, besonder Gast, Talula Gelb, 15 Jahre alt und Howies Tochter. Mit "Moon river" singt sie einen Song, der unzählige Male von Kapellen und Künstlern interpretiert wurde, doch geht hier die Einfachheit des Vortrages überraschend stark zu Herzen, als würde die Teenagerin ganz für sich ihr Lieblingslied trällern, mit aller Inbrunst und ohne Scheu vor falschen Tönen. Musikalisch differenzierter ist eine weitere Kollaboration, mit M. Ward nimmt sich Gelb Leonard Cohens "A thousand kisses deep" vor. Und es ist ein berückendes Fest, wie sich diese so gegensätzlichen Stimmen ergänzen und umschließen. Dieses widerstandlose Gleiten in Wards Gesang, ein behutsames Streichen mit den Fingerspitzen über die verstaubte Oberfläche eines Schrankes, trifft auf Gelbs rustikale Knarzigkeit und erfüllt den Song gleichzeitig mit hell und dunkel. Stimmlich ähnlicher sind sich Gelb und Kira Skov, die zusammen das Stück "Presumtuous" singen, beide mit einer ausgedörrten Müdigkeit, die in ihren Knittern jedoch noch einiges an Leben trägt.

Instrumental ist "Gathered" sehr zurückhaltend aufgestellt. Akustikgitarre und ein verträumtes Bar-Piano füllen die Songs nur spärlich aus, als würden sie immer auf etwas warten und dabei gedankenverloren in die Leere schauen. Dazu gibt es ab und zu weichgezeichnete Streicher oder ein auf Wärme ausgerichtetes Saxophon. Unspektakulär, aber auch extrem angenehm in seiner Bescheidenheit sind sowohl die Interpretationen fremden Stoffes als auch die eigenen Kompositionen. So wird das Sakrale aus dem Titelsong mit wurmstichigem Instrumentarium auf Normalgröße gebracht. Gelb fungiert selbst mit seinem verbindlichen Auftreten wie ein Filter, durch den die ganz großen Themen wie die absolute Liebe und ewige Freundschaft hindurchtreten und auf der anderen Seite handlich und für jedermann verständlich herauskommen. Und wenn man wie zu Beginn von der zwischenmenschlichen Magie bei Gelb spricht, sei hier zum Abschluss nur Folgendes wiedergegeben: "She hands me a flower / With a gypsy smile / Asked for a dollar for the flower / But I'm givin' it all I got for the smile."

(Martin Makolies)

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Highlights

  • A thousand kisses deep feat. M Ward
  • Not the end of the world feat. Anna Karina
  • Flyin' off the rails
  • Presumtuous feat. Kira Skov

Tracklist

  1. On the fence
  2. A thousand kisses deep feat. M Ward
  3. Not the end of the world feat. Anna Karina
  4. Anna
  5. Give it up
  6. Open road
  7. Moon river feat. Talula Gelb
  8. Flyin' off the rails
  9. Gathered feat. Pieta Brown
  10. All you need to know
  11. The park at dark
  12. My little world
  13. Presumtuous feat. Kira Skov
  14. Storyteller
  15. Steadfast

Gesamtspielzeit: 49:29 min.

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dreckskerl

Postings: 898

Registriert seit 09.12.2014

2019-03-02 10:09:08 Uhr
Ich bin ein großer Fan von Giant Sand und auch dem was Howe Gelb Solo veröffentlicht hat.

Daher war ich auch enttäuscht, dass hier vom letzten auch sehr gelungenen Album "Future standards" keine Rezension veröffentlicht wurde, umso größer meine Freude nun.

Sehr gespannt, wie gut ich das Album dann finde.

"A thousand kisses deep" mit Matt Ward, Duos sind Howes Spezialität und das hier ist wiedermal ein verdammt Gutes

https://www.youtube.com/watch?v=FPUR7Bj4T5k&list=OLAK5uy_l9NM9l5P8AtD9ijXB1ta_ttJU5sG2AFNQ


Vom letzten Album "Terribly so", auch ein Duo.

https://www.youtube.com/watch?v=g7HYTL7KloE&list=OLAK5uy_ncT5WOnb0RMecd_YOAOLWAQJJjhxJ7HJ0&t=0s&index=2

Und aus der Spätphase von Giant Sand, "Sand" ein Duo mit Lisa Germano, veröffentlicht unter dem Projektnamen OP8

https://www.youtube.com/watch?v=Wi53aovaxaI

Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-02-28 20:23:47 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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