Sneaks - Highway hypnosis

Sneaks- Highway hypnosis

Merge / Cargo
VÖ: 25.01.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 2/10

Ein eigener Planet

Heute mal ein bisschen für den einfachen Musikhörer aufbereitete Dialektik: "Highway hypnosis", das neue Album von Eva Moolchan alias Sneaks, ist 29 Minuten lang. Eine Joanna Newsom würde für diese Spielzeit nicht mal die Harfe stimmen, doch Moolchan bewegt sich für ihre Verhältnisse damit schon im Bereich eines Doppelalbums. Die Vorgänger "Gymnastics" und "It's a myth" dauerten gerade einmal eine Viertelstunde und bildeten ihren Minimalismus auch klanglich ab, indem sie fast nur auf Bass und Drumcomputer reduzierte Post-Punk-Skelette klappern ließen. Da stellt die dritte Platte gleich im eröffnenden Titelsong die Frage in den Raum, ob die Washingtoner Künstlerin nicht dem Größenwahn anheimgefallen ist: Unmenschlich verzerrte Cheerleader-Rufe skandieren den Albumnamen, ein ätherischer Trap-Beat setzt ein und irgendwie bringt dieses keine zwei Minuten dauernde Intro auch noch Social-Media-Kritik unter: "When we go on date, yeah / Takin' all those pictures / Make sure they are rated / So I get addicted." Moolchan fährt das Tempo runter und macht jetzt an moderne Standards angelehnten Rap, doch bringt sie ihre Kreativität und Eigenart damit erst zur vollen Entfaltung, statt sie einzuschränken.

"The way it goes" lässt Moolchan zu Beginn wie einen Wolf aufheulen und später mit ihren Skateboard-Skills protzen, während die aufdringlichen Synthie-Samples an 90er-Rave erinnern. Der Song ist ohne jede Einschränkung ein Banger, doch auch mit so vielen verqueren Details in Produktion und Vortrag ausgestattet, dass sich der in "Ecstasy" herbei sinnierte "planet of my own" gleich von selbst zusammensetzt. "Suck it like a whistle" dreht mindestens genauso sehr am Rad, fährt sein sexuelles Innuendo mit einem schrillen Beat neben die Spur, ohne sein Pop-Appeal zu verlieren. Auf "Highway hypnosis" schlüpft Moolchan in die unterschiedlichsten Rollen, zeigt sich mal reflektiert, mal anzüglich, mal einfach nur blöd, aber präsentiert alles mit einem Selbstbewusstsein, das sich vor keinem etablierten Rapper verstecken muss. Das wird in den Reggae-Verrenkungen von "Addis" ebenso deutlich wie in "Saiditzoneza", das nur für den in der Aussprache dieses Nonsens-Worts versteckten Flow zu existieren scheint. Die neuen stilistischen Ambitionen finden zum Glück keine inhaltlichen Entsprechungen und verhindern damit krampfhaft reingezwungene politische Statements, mit denen manch anderer schon auf die Schnauze gefallen ist.

Ohne Affinität für Skizzen und Andeutungen kommt man nicht weit auf diesem Album, das sich ästhetisch manchmal in Richtung des ungleich introvertierteren "Some rap songs" von Earl Sweatshirt lehnt. Das nicht Ausformulierte und die vielen Brüche machen musikalisch sehr viel vom Reiz aus: Der abgehackte Beat von "Money don't grow on trees" klingt wie ein Versatzstück aus einem verlorengegangenen HipHop-Klassiker, "Beliefs" stochert mit Piano-Fragmenten im Nebel zwischen Ambient und frühem Dubstep, während "Cinnamon" seine schwebende Melodie immer wieder auf den Boden holt. Im letzten Drittel kramt Moolchan dann ihr charakteristisches Bassspiel wieder hervor, erst im 55-sekündigen Quatsch "Holy cow never saw a girl like her", später im astreinen Post-Punk von "And we're off", das am ehesten an die ersten zwei Alben erinnert. "Hong Kong to Amsterdam" gelingt schließlich der Brückenschlag zwischen Alt und Neu, setzt mit seiner Verbindung aus repetitiven Samples und punkiger Bass-Linie ein letztes großes Statement der Eigentümlichkeit ab. Kaum vorstellbar, wie viele Ideen Moolchan auf ihrer nächsten Platte unterbringen kann, sollte sie die Laufzeit da noch einmal verdoppeln. Joanna Newsom zittert schon.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • The way it goes
  • Cinnamon
  • And we're off
  • Hong Kong to Amsterdam

Tracklist

  1. Highway hypnosis
  2. The way it goes
  3. Ecstasy
  4. Suck it like a whistle
  5. Addis
  6. Saiditzoneza
  7. Money don't grow on trees
  8. Cinnamon
  9. Holy cow never saw a girl like her
  10. Beliefs
  11. And we're off
  12. A lil' close
  13. Hong Kong to Amsterdam

Gesamtspielzeit: 29:03 min.

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User Beitrag
Peter Hook
2019-02-15 18:40:27 Uhr
Ist das dilettantisch und schlecht. Da haben ja manche Schülerprojekte bessere Rapskills und Beats.

"später im astreinen Post-Punk von "And we're off"
Das ist ja schon eine Beleidigung!

Ihr Bassspiel erinnert an irgendwelche You.tube Videos in denen sich Leute an Basscovern versuchen...

Um es mit Ariana Grandes Worten zu sagen: Thank u, next!

Armin

Postings: 15233

Registriert seit 08.01.2012

2019-02-14 21:28:49 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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