Frittenbude - Rote Sonne

Frittenbude- Rote Sonne

Audiolith / Broken Silence
VÖ: 22.02.2019

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Die Aufwiege(l)-Divergenz

Hallo! Grüße gehen raus an sexy Sexisten und swaggy Antisemiten, an misogyne Vollidioten, genauso wie an privilegierte Bio-Wichser, an Höhlenkacker auf La Gomera, an Zahnärzte mit St.-Pauli-Hoodies, an eine begabungslose Charlotte Roche, an Die Toten Hosen und ihren schlimmsten Song, an Red-Bull-Trinker und AfD-Wähler und alle, die irgendwas mit Medien machen, aber nichts mehr dagegen. Das Päckchen Backpfeifen ist ja nun schnell aufgerissen bei Frittenbude, aber wie in "Die Dunkelheit darf niemals siegen" gemeinsam mit Jörkk Mechenbier von Love A haben die Wahlberliner wohl noch nie vom Leder gezogen. Ein Rundumschlag, der witzig ist, aber auch schmerzhaft, der den Hörer angreift, sich aber trotzdem an die eigene Nase packt, situiert inmitten der ekelhaft schwitzigen Kuhle zwischen Zeige- und Mittelfinger, ein Brett gegen Bretter vorm Kopf. Als das Trio um MC Johannes Rögner den Titel Ende 2018 als erste Vorab-Single zu "Rote Sonne" droppte, schien alles klar zu sein: Der kommende Langspieler wird bissiger als ein Schwarm antifaschistischer Piranhas. Aber nö.

"Die Dunkelheit darf niemals siegen" sticht mit seiner geschaftlich-künstlerischen Dringlichkeit krass heraus, genauso mit seinem musikalischen Vorwärtsdrang, eigentlich passt es gar nicht auf diese Platte, womöglich nicht mal überhaupt ins Albumformat. So wie etwa ein "This is America" von Childish Gambino erledigt es seine Aufgabe vielleicht am besten für sich gestellt. Im Kontext der zwölf anderen Songs verlernt man schnell, den Song noch wahrzunehmen. Das wird dem Track nicht gerecht, aber immerhin bekommt somit auch das Restalbum seine verdiente Bühne. Mit "Kill kill kill" steigt es gut ein, verfrachtet Mord und Totschlag in den Werkzeugkasten der Herkömmlichkeiten und visiert als einer der wenigen Titel außer der ausführlich besprochenen ersten Single mehr das große Ganze als den persönlichen Zusammenhang an. Auch hier tragen die organischen Drums die Stimmung, während der Bass unter dem Beat bedrohlich blubbert. Und, das können auch nur Frittenbude: Method Man & Redman zitieren und drumherum deutsche Außenpolitik kritisieren. "Erst schicken sie Panzer, dann schicken sie Pflaster", heißt es da zum Beispiel treffend. Musikalisch passt hier wohl das Label "Post-Punk" am besten. Ähnliches gilt für die dritte Auskopplung "Insel", die allerdings den Synthie-Gebrauch etwas ankurbelt, aber weiterhin am diszipliniert hämmernden Beatschlag festhält. Auch der Titeltrack "Rote Sonne" mit seiner ausbrechenden Gitarre setzt auf rhythmische Geradlinigkeit, wobei hier in der Hook die Melodie deutlicher heraustritt.

Andere Titel machen weniger Spaß: Die zweite Single "Süchtig" beispielsweise, die getragen von einem – nach einigen Durchläufen recht nervigen – Sample, Streichern und Bläsern "am Zapfhahn der Zeit" auf die Erlösung durch ein verloren gegangenes Gegenüber wartet. Eine Borderline-Hymne mit durchaus Radiopotenzial, siehe Anmerkung zur Nervigkeit. Das schwülstige "Alles was wir nicht tun" könnte man locker auf einem Ok-Kid-Album vermuten und das ist natürlich kein Kompliment. Gleiches gilt für "Emma", auch wenn hier die reißerischen Saiten ein paar aufregende Momente in die ansonsten arg schnöde Romanze hineinmogelt. Der quasi gleiche Song, nur ohne Ok Kid, ist "Goldie", dem man zumindest die Eingängigkeit seines Refrains zugute halten darf. "Kanister" verlässt den Ich-und-du-Kosmos und rollt munter das Fass rein, während gebrochene Bässe mächtig zirkulieren. Das wiederum kommt ganz gut. Ebenso auf die Zwölf, aber mehr Malle-Style, geht "Vida", also Four-on-the-floor, nach vorn und "immer Vida zurück", joa. Der Bonustrack "Zucker + E" erinnert ein wenig an die alten Frittenbude: Ein sich wunderbar aufbauender Electro-Punk-Stampfer mit geloopter Geige und einem Pistolenmagazin scharfer Drones. So richtig aufs Maul ist das aber auch nicht.

Ja, hm, "die alten Frittenbude": Auf "Rote Sonne" findet man sie kaum noch, die Dynamik früherer Tage fehlt über weite Strecken, der Zorn, den eben "Die Dunkelheit darf niemals siegen" mitbrachte, man hört ihn sonstwo kaum. Es ist an sich kein Kritikpunkt, wenn ein Künstler entschließt, seinen Stil zu überdenken, und sicherlich steht es dem Trio hier und da sogar ganz gut zu Gesicht, ein wenig ruhigere Töne in der Instrumentierung anzuschlagen, aber irgendwie fehlt der Druck, die Power, man könnte vermuten: vielleicht sogar der Bock. An dieser Stelle muss man zwangsläufig "Brennen" anführen, welches sich die Leidenschaft früherer Tage herbeisehnt und dabei immer wieder ein halbschales Weißt-Du-noch-Narrativ bemüht, statt einfach durchzustarten, da kann der Beat vibrieren, wie er will. Auch "Filmriss 2000", der zweite Bonussong, schaut nostalgisch auf die eigene Karriere, aufs Tourleben, auf die Abstürze – und erscheint dabei eher als Requiem denn Auferstehungsparty. Die These des Hinterhertrauerns wird schon allein dadurch unterstützt, dass der Albumtitel "Rote Sonne" sich auf den gleichnamigen Club in München bezieht, in welchem Frittenbude in ihren Anfangstagen sozusagen residierten. Eine künstlerische Rückschau auf das eigene Werk, die nur Chronologisches rezitiert, aber dabei keine Inhalte reflektiert, ist leider ganz selten wirklich spannend. Nicht zuletzt deswegen ist "Rote Sonne" einfach recht langweilig, das können auch ein paar hochwertige Highlights nicht aufwiegen.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Kill kill kill
  • Insel
  • Die Dunkelheit darf niemals siegen (feat. Jörkk Mechenbier)

Tracklist

  1. Kill kill kill
  2. Vida
  3. Süchtig
  4. Insel
  5. Alles was wir nicht tun
  6. Brennen
  7. Kanister
  8. Rote Sonne
  9. Emma
  10. Die Dunkelheit darf niemals siegen (feat. Jörkk Mechenbier)
  11. Goldie
  12. Filmriss 2000 (Bonustrack)
  13. Zucker + E (Bonustrack)

Gesamtspielzeit: 47:53 min.

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Armin

Postings: 14277

Registriert seit 08.01.2012

2019-02-19 17:34:57 Uhr - Newsbeitrag
Frittenbude releasen mit „Vida“ noch einen weiteren Track von ihrem Album „Rote Sonne“.

Sei es die Stadt in der man lebt, sei es der ewige Frankenstein Liebe, das Leben selbst oder am Ende die ewige Frittenbude. Der Song spiegelt das innere und äussere Zerwürfnis, Vida ist ein Wolpertinger der Gefühle. Das Video zeigt on top das Leben jeder Band, endlose Streitereien, geiles Catering, tolle Gigs vor noch tollerem Publikum, einfach Ausnahmesituationen galore. Speed ist mein Gemüse.

„Erst bist du anders und neu
dann zwingst du uns in die Knie.
Bei dir zu sein,
manchmal bedeutet es Krieg.“



Pascal

Postings: 410

Registriert seit 13.02.2013

2019-02-15 14:09:55 Uhr
Ich glaube, die Einstellung von Frittenbude bleibt in der Rezi unkritisiert. Es ist eher der fehlende Drive an sich.
Linksgrüner Gutmensch
2019-02-14 23:14:14 Uhr
Fand die früher ganz geil, aber die hetzen ja kaum noch gegen weiße Almans. Dann doch lieber Egotronic.
5/10
2019-02-14 22:28:04 Uhr
Leider nicht linksradikal genug.

Armin

Postings: 14277

Registriert seit 08.01.2012

2019-02-14 21:23:45 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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