Grandaddy - Sumday

Grandaddy- Sumday

V2 / Zomba
VÖ: 10.06.2003

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Lost in cyberspace

Ein Holzfällerhemd aus zweiter Hand kleidet seinen Körper. Die schäbige Trucker-Mütze auf dem Kopf soll vermutlich das Hirn warmhalten. Und durch seinen mächtigen Backenbart läßt sich ein präziser Blick auf die Welt höchstens erahnen. Es spricht für das ausgeprägte Ironieverständnis des Schicksals, daß sich ein Mann wie Jason Lytle des öfteren einen lockeren Spruch der Marke "Geht's noch?" gefallen lassen muß. Denn eigentlich sollte es Jason sein, der seine Mitmenschen bei Schlips und Kragen packt, sie nach Kräften durchschüttelt, und ihnen solche Fragen stellt. Geht's noch, wenn jedes Vorschulkind mit eigenem Handy rumrennt? Geht's noch, wenn der Mensch heute bestenfalls via SMS kommuniziert? Läuft nicht irgend etwas ganz und gar falsch, wenn unser Leben zunehmend von Computern diktiert wird?

Solche und artverwandte Fragen verhandelten Jason und seine Grandaddys zuletzt vor drei Jahren auf "The sophtware slump". Während Männer mit Geschäftssinn aus diesem Stoff eine Blockbuster-Reihe wie "Matrix" bauen, waren es bei Grandaddy die kleinen Geschichten von aussortiertem Haushaltsgerät und sterbenden Robotern, die den Hörer ganz ohne Effekthascherei gefangen nahmen. Seltsam wie das Leben und traurig wie der Tod. Die Tränen wären literweise geflossen, wenn Maschinen doch nur weinen könnten.

Seien wir nun ehrlich: Viel hat sich seitdem nicht getan in Modesto, Kalifornien. "Sumday" ist das neue Album, und es ist die Platte danach. Nach der Standortbestimmung, nach dem Durchbruch, nach dem Meisterwerk. Mit dem Wissen im Hinterkopf, bereits alles bewiesen zu haben, gibt man sich selbstsicherer als bisher dem Pop hin. "Now it's on" zwitschert wie ein Schwarm quietschvergnügter Vögel, und ein lupenreiner Hit wie "Stray dog and the chocolate shake" könnte auch Wayne Coyne aus dem Anzug gepurzelt sein. Streckenweise ist "Sumday" ernsthaft fröhlich. Die werden doch nicht etwa zu viele Sonnenblumen verputzt haben?

Aber nicht doch. "Bye bye, I'm on standby / According to the work order you signed / I'll be down for some time" singt Lytle eindeutig zweideutig in "I'm on standby" und schwebt auf einem gemächlichen Keyboard-Teppich an Glockenspiel und Schrammelgitarre vorbei. Die Zweifel, der Schwermut und die Resignation verstecken sich zwar zunehmend hinter leichtfüßigen Melodien und atmungsaktiven Arrangements, sie bleiben aber nach wie vor greifbar. "I'm okay / With my decay / I've got no choice / So I rejoice" heißt es in "O.K. with my decay", bevor ein großer Endspurt das schöne Album beschließt. Wem das nun irgendwie so gar nicht nahe geht, der möge bitte in den nächstbesten Chatroom verschwinden.

(Daniel Gerhardt)

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Highlights

  • I\'m on standby
  • Stray dog and the chocolate shake
  • The warming sun
  • The final push to the sum

Tracklist

  1. Now it's on
  2. I'm on standby
  3. The go in the go-for-it
  4. The group who couldn't say
  5. Lost on yer merry way
  6. El caminos in the west
  7. Yeah is what we had
  8. Saddest vacant lot in all the world
  9. Stray dog and the chocolate shake
  10. O.K. with my decay
  11. The warming sun
  12. The final push to the sum

Gesamtspielzeit: 52:25 min.

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