Dream Theater - Distance over time

Dream Theater- Distance over time

InsideOut / Sony
VÖ: 22.02.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Reine Kopfsache

Natürlich würden sie es nie zugeben, dass sie dieses Mal zu weit gegangen sind. Natürlich haben Dream Theater wie Eltern ihr Kind ihre letzte Platte "The astonishing" verteidigt, auch wenn wohl nur die eingefleischtesten der eingefleischten Fans dieses über zwei Stunden lange Konzeptalbum für ein Meisterwerk halten. Beim Rest dürfte der überambitionierte Brocken wohl im Regal verstauben. Dennoch muss irgendwas bei den Urvätern des Prog-Metal angekommen sein, und das liegt nicht nur am Wechsel zum überaus respektierten, auf hochklassigen Prog spezialisierten Label InsideOut. Denn fast wie in den Anfangstagen am Berklee College of Music in Boston zogen sich die Amerikaner in die Klausur zurück. Als WG in einem eigens angemieteten Haus, Kochplan inklusive. Lediglich der Albumtitel mag vermeintlich nicht zum Neuanfang passen – blöderweise wurde der Joker des selbstbetitelten Albums bereits 2013 aus dem Köcher gezogen. Und ein schwarzes Album – nun, dagegen hätten Metallica sicher ihre berechtigten Einwände.

Sein oder nicht sein, fragt also das Artwork von "Distance over time", das 14. Studioalbum der Band – angesichts der Qualität der letzten Platten nicht völlig zu Unrecht. Doch ganz offensichtlich scheint die Klausur neue Kräfte frei gesetzt zu haben, denn "Untethered angel" zeigt umgehend, dass es völlig zu Recht als erste Single veröffentlicht wurde – endlich, möchte man ausrufen. Denn es ist in der Tat lange her, dass Dream Theater ihre Fähigkeiten dermaßen gebündelt abrufen konnten. Treibende Riffs lösen sich mit unvermittelten Tempowechseln ab, Gitarrist John Petrucci und Keyboarder Jordan Rudess gniedelfiedeln einander ins Nirwana, während Drummer Mike Mangini und Bass-Stoiker John Myung all das irgendwie zusammenhalten. Und seien wir mal ehrlich – genau diese Mischung aus höchstem technischen Niveau und wüstem Gebretter ist das, was der Dream-Theater-Fan liebt.

Ein echtes Highlight des Frickelmosh ist allerdings "Fall into the light". Genau so hochklassig können Dream Theater klingen, wenn sie sich von jeglichem Konzept-Gedöns lösen und einfach ihrer unfassbaren Musikalität freien Lauf lassen. Das gilt auch dann, wenn die althergebrachten Pfade einmal verlassen werden wie beim melancholischen "Barstool warrior", aber auch bei nur so eben gerade gelungenen Experimenten wie "S2N", dem mitunter etwas der Fluss fehlt. Tja, und wenn auch nur die Hälfte der Balladen auf "The astonishing" die Klasse von "Out of reach" hätte, wer weiß, vielleicht wäre alles ganz anders gekommen.

Denn vielleicht wäre die Erwartungshaltung zu "Distance over time" eine andere geworden als "Puh, mal sehen, was es diesmal so wird." Und vielleicht hätten Dream Theater nicht den Mut gehabt, mit "Viper king" einen feisten Groover als Liebeserklärung an jenen Sportwagen zu schreiben. (Und überhaupt, ein Song über ein Auto in der heutigen Zeit!) Ganz sicher allerdings hätten die Amerikaner nicht den Druck verspürt, endlich wieder den Kopf auszuschalten und mit dieser Haltung einen Prog-Kracher wie "Pale blue dot" zu erschaffen. Natürlich erreicht auch "Distance over time" die Magie des Opus Magnum "Metropolis pt. 2 – Scenes from a memory" nicht, um einmal die Relationen gerade zu rücken. Aber "Distance over time" wirkt über weite Strecken wie eine Befreiung von überflüssigem Ballast, von all dem prätentiösen Überwurf, der den Vorgänger so schwer verdaulich machte. Freunde des klassischen Theaters mögen anmerken, dass Hamlets erwähnter berühmter Monolog eben gerade nicht der mit dem Totenkopf ist. Das Traumtheater hingegen hat diese Frage eindrucksvoll beantwortet.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Untethered angel
  • Fall into the light
  • Pale blue dot

Tracklist

  1. Untethered angel
  2. Paralyzed
  3. Fall into the light
  4. Barstool warrior
  5. Room 137
  6. S2N
  7. At wit's end
  8. Out of reach
  9. Pale blue dot
  10. Viper king (Bonustrack)

Gesamtspielzeit: 60:51 min.

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User Beitrag

Analog Kid

Postings: 180

Registriert seit 27.06.2013

2019-03-04 21:56:07 Uhr
Also gefällt mir doch recht gut jetzt. Überraschend runde, kompakte Sache. Die von mir ja eher als recht lahm empfundenen Vorabsongs machen sich im Albumkontext jetzt doch ganz gut. Ist kein Überalbum, aber eine nette "Return to Form" die ich so passabel gar nicht erwartet hatte. Erinnert natürlich schon auch stark an die letzten paar Alben vom Stil und den Melodien her, aber das geht schon klar. Kein nennenswerter Ausfall jedenfalls.
Deutsche Albumcharts
2019-03-02 23:09:23 Uhr
Platz 1
Reginald
2019-02-28 16:16:34 Uhr
Tatsächlich ziemlich gut. Kein neuer Klassiker, aber deutlich besser als alles seit 2011.

Superhelge

Postings: 634

Registriert seit 15.06.2013

2019-02-15 18:28:01 Uhr
Habe bislang nur den ersten Demoschnipsel und den umseitigen Anfang von Fall into the Light gehört und sage sofort business as the last 10 years...

Wenn mir JFK die Platte geliefert hat, werde ich mich dennoch damit beschäftigen...

Verstehe allerdings die Rezi nicht wenn man sich die Punkte der anderen Alben anguckt.

Astonishing ein Stinker: 6/10
die neue viiiiiel besser als die ganzen letzten und dann 7/10 ??? Öhm...

Armin

Postings: 14277

Registriert seit 08.01.2012

2019-02-14 21:23:33 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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