Ry X - Unfurl

Ry X- Unfurl

Infectious / BMG
VÖ: 15.02.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Im Spiegelsaal

2013 schien Ry X mit seinem Song "Berlin" so was wie den Zahn der Zeit getroffen zu haben. Das Hipstertum erreichte seinen Zenit. Individualität, Gefühligkeit, Männer mit Bärten – Ry X schien mit seinem Ambient-Folk all das zu erfüllen, was damals von jungen, trendy Musikern erwartet wurde. Nur kommt nach dem Zenit leider auch die Regression; und als Ry X sein erstes Album unter diesem Namen, "Dawn", schließlich 2016 veröffentlichte, wurde der Australier vielerorts etwas leichtfertig als Auswuchs der bereits wieder rückläufigen Hipster-Kultur abgetan. Einer dieser sensiblen Singer-Songwriter mit Vollbart und Hut halt, der Songs für Hörerinnen und Hörer mit Vollbärten, Hüten und Hornbrillen schreibt – und damit nun zu spät kommt.

Wieder drei Jahre später kann man auf das neue Album von Ry Cuming, "Unfurl", seltsam nostalgisch blicken und sich in die Zeit zurückbesinnen, in der besagte Spezies tatsächlich noch irgendwie Individualität ausstrahlte und das kollektive Streben nach der selben noch nicht zur ursprünglich verworfenen Konformität zurückgeführt hat. Begonnen wird das Album vom von schweren Streichern getragenen "Body", das den in Klammern gesetzten Zusatz "Ambient" trägt und den Hörer auf das einstimmt, was folgt: besinnliche Ruhe, auf die man sich einlassen muss. Man darf nicht erwarten, mitgerissen zu werden. Vielmehr muss man offen dafür sein, sich von den ruhigen Songs umspülen zu lassen und in Gedanken zu versinken. Auf die minimalistischen Beats antwortet der eingestimmte Körper nicht etwa mit wippenden Füßen oder nickenden Köpfen, sondern mit resonierenden Emotionen.

Die Stücke fließen ineinander, während Cuming mal gefühlig, mal gar gefühlsduselig über die zahlreichen Regungen singt, haucht und jault, die den Menschen durchfahren. "Peel it off / Let me go / Hold our heart out / Let this feeling show", scheint Ry X in "Bound" seine Mission zu erläutern: Herz aufmachen und Gefühle zeigen. Bon Ivers Debüt-Album "For Emma, forever ago" baute auf den selben Grundsatz, das Folk-Meisterwerk ist mit seinem Lo-Fi-Charme allerdings nochmal eindringlicher. Die auf simplen Klaviermotiven bauenden Stücke wie "Body sun" oder "The water" erwecken gelegentlich den Eindruck, hier hätte jemand Songs von Ludovico Einaudi gesamplet, die schlichten Gitarrenriffs von Tracks wie "Foreign tides" hingegen erinnern an Elliott Smith.

Die Songs öffnen sich meist in breite Soundscapes, dicht instrumentiert mit Synthies und Streichern, verlieren sich allerdings stellenweise in Repetitionen, die keinen nennenswerten Mehrwert für die Musik haben und einige Stücke, wie "YaYaYa", beschwören den esoterischen Schmalz, der auch der Musik von Matt Corby innewohnt . Von dieser Kritik abgesehen, hat Ry X mit seinem Zweitwerk einen kongruenten Gefühlsrausch geschaffen, den man gerne mitstrudelt. Es ist mal ein Musik gewordener Abend vor dem Kamin, leuchtend rotem Sonnenuntergang oder – und das nicht nur für Hipster – ein Spiegelsaal zur Selbstreflexion.

(Simon Conrads)

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Highlights

  • Bound
  • Body sun
  • Foreign tides

Tracklist

  1. Body (Ambient)
  2. Untold
  3. Bound
  4. Body sun
  5. YaYaYa
  6. Coven
  7. Hounds
  8. Foreign tides
  9. The water
  10. Mallorca
  11. To know
  12. Sun (Ambient)
  13. Fumbling player

Gesamtspielzeit: 51:34 min.

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Armin

Postings: 14043

Registriert seit 08.01.2012

2019-02-08 23:58:43 Uhr
Mir gefällt das Album super - vor allem "Untold".
Hula
2019-02-08 21:44:09 Uhr
Hat der zuviele schlechte Eastwood Filme gesehen? Allerdings würde der wohl nicht so Mädchenhaft jaulen.

Armin

Postings: 14043

Registriert seit 08.01.2012

2019-02-08 19:38:32 Uhr - Newsbeitrag
Nur noch schlechte Musik
2019-02-08 09:21:13 Uhr
Hab das erste Video zur Hälfte angesehen, mit einem Wort : Fürchterlich.

Armin

Postings: 14043

Registriert seit 08.01.2012

2019-02-07 20:25:43 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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