Beirut - Gallipoli

Beirut- Gallipoli

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 01.02.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Wanderjahre

Wir waren mit Zach Condon und seiner Band Beirut ja schon nahezu überall: In Brandenburg und im Prenzlauer Berg, in Bratislava und natürlich auch in Nantes. Wir schickten Ansichtskarten aus Italien, schlenderten durch Santa Fe und East Harlem, legten Stopps in Gibraltar und Perth ein. Und ja, es gab wohl auch mal eine pikante Nacht in Marseille. Auch für sein neues, fünftes Album "Gallipoli" nahm Condon nun also wieder einige Pfeile in die Hand und befeuerte mit ihnen die Weltkarte. Daraus resultieren nun traumhafte Reiseziele wie Korfu oder die Bodenseeinsel Mainau. Doch freilich sollte man sich von all der Sonne nicht blenden lassen: Beirut spielen selbst unter Palmen und inmitten eines Blumenmeers immer noch ihren sanften, melancholischen Folk, der Wurzeln in der Weltmusik, im Chanson, im Klezmer schlägt. Und auch wenn diese Elemente weit weniger bestimmend sind als noch zu Beginn ihrer Karriere, so machen sie doch oft den entscheidenden Unterschied aus.

Das Erfolgsgeheimnis der Band Beirut ist ja in Wirklichkeit gar nicht mal so geheim: Süße, süffige, mit allerlei Klimbim angereicherte Melodien treffen auf Condons sehnsuchtsvollen Gesangsvortrag, der auch in den zwölf neuen Stücken einmal mehr von Fernweh erzählt, von Familienflüchen und Verlust berichtet. An diesem Rezept änderte sich in der Regel nicht viel, lediglich die Arrangements variierten in Ästhetik und Klang und sorgten bei allem Wiedererkennungswert immer wieder für Spannung. "Gallipoli" macht da keine Ausnahme, auch wenn die Stücke mittlerweile cleaner sind und nicht mehr so üppig ausstaffiert wie noch in früheren Jahren. Der Opener "When I die" baut auf die tatkräftige Unterstützung schwarztragender Trauerbläser, die dem Stück die nötige Schwere geben. Eine Schwere, die der folgende Titelsong von sich abschüttelt, die Bläsersätze klingen gegen Ende der Nummer gar euphorisch. Zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt fühlten sich Beirut ja schon immer am wohlsten.

Auch "Gallipoli" profitiert also vom Wechselbad der Gefühle, vom Auf und Ab und den mannigfaltigen Schattierungen dazwischen. Das warme "Landslide", das bereits im Vorfeld veröffentlicht wurde, sorgt für Wohlklang, harmonische Chöre treiben den Song voran, bis er letztlich abrupt endet. Die meisten Kompositionen auf der neuen Platte wirken wie von der Sonne gekitzelt, ihnen allen wohnt eine Positivität inne, als wären sie gerade aus dem Winterschlaf erwacht und würden nun mit großen Augen auf neue Abenteuer warten. Selbst in Momenten der Trauer versprühen die neuen Beirut-Songs einen lebensbejahenden Spirit. Exemplarisch dafür steht "Family curse", das unscheinbar beginnt, mit großen Orgelmomenten letztlich aber grandios abliefert. Für Kohärenz und Binnenspannung sorgen indes die wirklich sehr gelungenen Interludes "Corfu" und "On Mainau Island".

Und so reiht sich "Gallipoli" in die bislang ausnahmslos gelungene Diskografie Beiruts ein, auch wenn diesem Album die Spitzenplätze verwehrt bleiben dürften. Die Fähigkeit, immer wieder aufs Neue einen eigenen Sound zu kreieren, ohne auf die bekannten Trademarks zu verzichten, kann Zach Condon nicht hoch genug angerechnet werden. Vom Image des balkanverliebten Indie-Wunderkinds hat er sich 2019 längst emanzipiert, vielmehr saugt der mittlerweile in Berlin lebende US-Amerikaner sämtliche Einflüsse auf und jagt sie durch seinen eigenen Sound-Filter. Am Ende stehen kristallklare, wunderbare Hymnen wie "We never lived here" oder "Varieties of exile", die irgendwie von Rastlosigkeit berichten, von der Suche nach dem Platz im eigenen Leben. Eine Suche, die Condon so leidenschaftlich betreibt wie nur wenige andere. Und wir? Wir folgen ihm überallhin.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • I giardini
  • Family curse
  • We never lived here

Tracklist

  1. When I die
  2. Gallipoli
  3. Varieties of exile
  4. On Mainau Island
  5. I giardini
  6. Gauze für Zah
  7. Corfu
  8. Landslide
  9. Family curse
  10. Light in the atoll
  11. We never lived here
  12. Fin

Gesamtspielzeit: 44:32 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Anthony Fantano
2019-02-07 17:36:31 Uhr
4/10
Laut
2019-02-07 15:47:02 Uhr
Laut.de gibt 2/5.
Dr. Smart
2019-02-07 13:47:25 Uhr
L-Tryptophan aus dem Haus Vitafair kosten 14,90 Euro. Gallipoli kostet als CD bei Amazon 12,99 Euro. Ist also eine reine Preisfrage, welches Schlafmittel man wählt. Es funktionieren beide

Stephan

Postings: 842

Registriert seit 11.06.2013

2019-02-03 11:00:02 Uhr
Die Begeisterung auf Albumlänge hat sich bei mir (noch) nicht eingestellt, aber "When I die" ist der vielleicht bislang schönste Song in 2019.
Nun
2019-02-02 22:43:00 Uhr
Interessant vielleicht solltest deswegen mal einen Arzt aufsuchen.
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