Rustin Man - Drift code

Rustin Man- Drift code

Domino / GoodToGo
VÖ: 01.02.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Out of time

Ein wenig ist Paul Webb ja schon zu bemitleiden. Selbst unter Liebhabern hält sich sein Renommee in Grenzen, dabei war der ehemalige Bassist von Talk Talk an mehr als nur einem Meilenstein der Musikgeschichte beteiligt. Auch seine erste (Halb)-Solo-Aufnahme, das grandiose Herbst-Meisterwerk "Out of season", blieb in erster Linie wegen Beth Gibbons' unwirklich einnehmender Stimme im Gedächtnis. Doch Webb wollte sich auch nie groß in den Vordergrund stellen und so zog er sich danach konsequenterweise zurück, baute eine abgelegene Scheune in Essex zum Arbeits- und Wohnort für sich und seine kleine Familie um. Ganze 16 Jahre sollte es dauern, bis aus dieser Tiefenentspannung schließlich "Drift code" entstehen konnte, das erst zweite Album unter dem Alias Rustin Man. Es beinhaltet die ersten Kompositionen, die dieser spezielle Künstler nur für seine eigene Stimme erdachte, und sie sind glücklicherweise so gut geworden, wie er es sich verdient.

"Vanishing heart" beginnt mit einem dunklen Piano-Riff und flüchtigen Gitarren-Schleiern, bis der unerwartet brüchig klingende 57-Jährige zu singen beginnt, von einer lieblosen Beziehung, der Befreiung davon und wiederentdeckter Lebensfreude. Wie der Song sich immer weiter hochschraubt und Schichten von etwa Bläsern oder geisterhaften Synthies dazugewinnt, ist phänomenal. Nicht nur, weil das Arrangement hier so kunstvoll zusammenfließt, fällt es schwer, nicht direkt an Talk Talk zu denken – immerhin waren mit Webb selbst und Drummer Lee Harris gleich zwei Drittel der legendären Band an "Drift code" beteiligt. Doch der rostende Mann weiß sich von seinem Vermächtnis zu emanzipieren, seine Musik klingt zwar ähnlich vielschichtig, aber offener und direkter. So eigenwillig, wie sich dieser Mix aus Art Rock, britischem Soul und Piano-Liedermacherei zeigt, verbietet sich jede Einordnung in vergangene oder aktuelle Kontexte sowieso von vornherein.

In "Das siebente Siegel" ließ Ingmar Bergman einst einen Kreuzfahrer im Schachspiel mit dem Tod über sein Schicksal entscheiden, mehr als 60 Jahre später greift Webb dieses Narrativ auf. Nur ist der Passagier seines "Judgement train" ein Kartenzinker mit fataler Selbstsicherheit, der am Ende dieses verkappten Uptempo-Blues mit einer schmerzvollen Erkenntnis in die Hölle fahren wird: "But when the goat takes my hand / I can feel his skin is a lot like mine." Das folgende "Brings me joy" muss eine andere Geschichte weitererzählen, denn hier findet sich der Protagonist dann doch an den Pforten des Himmels ein. Eine Sopransängerin mimt den Engelschor, ein schlagzeugloser Orgelteppich bildet das sakrale Fundament und Webb reflektiert die eigene Vergänglichkeit: "When they weave their words / Round that golden tune / It makes me feel so old." Das wird er nicht zum letzten Mal auf diesem Album tun, aber keine Sorge: "Drift code" feiert mehr, als dass es trauert.

So tanzt sich "Our tomorrows" mit seinem mediterran luftigen Rhythmus bis zu einem überraschend explosiven Refrain, mächtige Posaunen lassen den Song schließlich wieder zur Ruhe kommen. "The world's in town" beginnt als Retro-Soul-Ballade und fliegt bei seinem klimatischen Galaxie-Ritt auch an Bowies Stern vorbei, "Martian garden" kann sich nicht entscheiden, ob es gespenstisches Klagelied oder ein entrückt-martialische Groove-Monster sein will. "I'm closing the old fairground", singt Webb in letzterem, doch wird es nicht ganz klar, auf welche Vergangenheit er sich auf diesem so faszinierend aus Zeit und Raum gefallenen Album bezieht. Vielleicht will er sich auch einfach Gentleman-like für die lange Wartezeit entschuldigen, das wahrscheinlich an seine Töchter gerichtete "All summer" erhält in der Hinsicht einen doppelten Boden: "It's all right to say you hate me / Tire me out and call me dated." Niemand würde je auf eine solche Idee kommen – Musik wie auf "Drift code" wäre auch 16 weitere Jahre später noch nicht veraltet.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Vanishing heart
  • Our tomorrows
  • Martian garden

Tracklist

  1. Vanishing heart
  2. Judgement train
  3. Brings me joy
  4. Our tomorrows
  5. Euphonium dream
  6. The world's in town
  7. Light the light
  8. Martian garden
  9. All summer

Gesamtspielzeit: 37:59 min.

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User Beitrag

Herr

Postings: 1044

Registriert seit 17.08.2013

2019-04-16 15:41:05 Uhr
Leider hat es mir die Stimme auch etwas verdorben. Ich nehme davon Abstand, mich reinzuhören, und gebe anderem Material die Chance. Ich höre mich lieber in Instrumente rein. Das klappt bei Stimmen eher selten.

MasterOfDisaster69

Postings: 525

Registriert seit 19.05.2014

2019-04-15 14:06:24 Uhr
Einige richtig gute Songs mit komplexen Arrangements, allerdings stimmlich mit dieser überwiegend noehlend weinerlichen Grundeinstellung versaut mir jeden Song.
Vielleicht muss ich noch öfters reinhoeren und mich an diese Stimme zu gewöhnen, denn das Material hat tatsächlich 8/10-Potential, ohne Zweifel.
Connaisseur
2019-03-11 12:12:35 Uhr
Von der Stimme her klingt das ganz stark nach Divine Comedy.
LLG
2019-03-10 12:24:02 Uhr
Bei den Referenzen fehlt ganz weit oben Robert Wyatt

Marvin

Postings: 61

Registriert seit 27.04.2018

2019-02-02 20:32:53 Uhr
Ja, "The world's in town" ist schon der deutlichste Bowie-Song. Stimmlich hör ich nur manchmal ein paar Parallelen zum "alten" Bowie von "The next day" und "Blackstar". Generell war ich überrascht davon, wie alt und brüchig Webb klingt, ich hätte ihm auch locker 10-15 Jahre mehr als 57 abgekauft.

Gibbons' Stimme wäre dem Album auf der ganzen Länge aber mMn nicht zuträglich gewesen, in den beschwingteren Momenten hätte sie gar nicht gepasst. Ein "Vanishing heart" oder "Brings me joy" von ihr wären aber wiederum ein Traum.
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