Better Oblivion Community Center - Better Oblivion Community Center

Better Oblivion Community Center- Better Oblivion Community Center

Dead Oceans / Cargo
VÖ: 24.01.2019

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Eine therapeutische Umarmung

Im Dezember 2018 tauchte das mysteriöse Better Oblivion Community Center auf Twitter und in anderen sozialen Medien auf. Offenkundig eine Art Wellness- und Therapie-Einrichtung mit kryptischen Hilfsangeboten, Broschüren und sogar einer Hotline, doch tatsächlich verbarg sich dahinter mal wieder nur ein oller Promotion-Gag. Phoebe Bridgers und Conor Oberst haben ein gemeinsames Album aufgenommen und sich dafür ein obskures Konzept erdacht, das – anders als z.B. Arcade Fires fiktive Everything-Now-Firma – in der eigentlichen Musik allerdings keine Rolle mehr spielt. Wobei sich ihr eine therapeutische Wirkung natürlich nicht absprechen lässt, schließlich ist diese Kollaboration des Indie-Emo-Allvaters und einer seiner begabtesten Epigoninnen genauso empathisch und herzergreifend, wie man sich sie vorstellt. Da machen die Zwei unbewusst den besten Witz der Platte gleich im ersten Song: "I've never really done anything, for anyone."

Besagter Opener "Didn't know what I was in for" beweist auch direkt, in was für bildsprachlich gewaltige Alltagspoesie Bridgers und Oberst ihre Befindlichkeiten verpacken können – es ist ein von der Kalifornierin dominiertes, zerbrechlich gezupftes Akustikstück über Hilflosigkeit und geheuchelte Anteilnahme, das mit zunehmender Laufzeit immer mehr an Selbstsicherheit gewinnt. "Sleepwalkin'" greift im Anschluss das Momentum auf, entwickelt sich mit Jangle-Gitarren und druckvollem Bass zur verkappten Aufbruchshymne. Einzeln haben sie es zwar schon oft genug aufgezeigt, aber auch gemeinsam hat das Duo weitaus mehr als nur melancholisches Jammern drauf. Im poppigen Country-Rock von "Dylan Thomas" darf sich sogar Yeah-Yeah-Yeahs-Gitarrist Nick Zinner mit ein paar ausschweifenden Soli profilieren, während eine memorable Zeile nach der anderen in den Fokus rückt: "I'm taking a shower at the Bates Motel / I'm getting greedy with this private hell."

Bis zu diesem Zeitpunkt lief das Better Oblivion Community Center noch unter Bridgers' Leitung, doch das ändert sich mit "Service road". Oberst erreicht in diesem niedergeschlagenen, aber nicht hoffnungslosen Americana-Stück die Klasse der größten Bright-Eyes-Songs. Er trauert, wohl um den 2016 verstorbenen Bruder, und seine Kumpanin spannt ihm ein Auffangtuch aus ihrem samtweichen Hintergrundgesang. Die beiden Stimmen harmonieren perfekt, weil sie sich immer genug Raum lassen und nie gleichzeitig in den Vordergrund drängen. "Chesapeake", eine weitere aufs Nötigste reduzierte Ballade, dreht den Spieß wieder um und lässt Oberst dieses glockenhell von Bridgers vorgetragene Trostlied akzentuieren. Auch hier zeigt sich wieder, wie viel zu gut dieses Album textlich daherkommt, etwa in diesem Exzerpt: "My hero plays to no one in a parking lot / Even though there's no one around / He broke a leg and the house came down."

Geschenkt, dass der Platte in der zweiten Hälfte manchmal ein bisschen die Luft ausgeht und es mit dem etwas drögen "Forest lawn" auch einen Mini-Durchhänger auf hohem Niveau gibt – "Better Oblivion Community Center" ist ein großer Wurf, auch musikalisch. "All this freedom just freaks me out", singt das Duo im Schunkel-Country von "My city", bis es sich über wirbelnden Drums gegenseitig zum Urschrei pusht. "Big black heart" lehnt sich in Richtung von Grunge und Noise, "Exception to the rule" verbindet grobschlächtige Synthies mit The-Flaming-Lips-Pop und hat den eingängigsten Refrain des Albums parat: "Why don't you want it anymore?" Nein, wie jede andere wird auch diese Musik hier keine richtige Therapie ersetzen können, aber dieses in zehn wundervollen Geschichten vertonte Mitgefühl darf sich auch auf keinen Fall unter Wert verkaufen lassen. Passenderweise verabschieden sich Bridgers und Oberst mit einer Umarmung, wie sie herzlicher und verständnisvoller nicht ausfallen könnte: "If you're not feeling ready / There's always tomorrow."

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Didn't know what I was in for
  • Dylan Thomas
  • Service road

Tracklist

  1. Didn't know what I was in for
  2. Sleepwalkin'
  3. Dylan Thomas
  4. Service road
  5. Exception to the rule
  6. Chesapeake
  7. My city
  8. Forest lawn
  9. Big black heart
  10. Dominos

Gesamtspielzeit: 37:18 min.

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boneless

Postings: 2130

Registriert seit 13.05.2014

2019-02-10 21:58:17 Uhr
Finde die Kollaboration nur mäßig gelungen. Das mag aber auch daran liegen, dass ich Bridgers nicht sonderlich mag und Conor am liebsten im jammerlappigsten Zustand beim Leiden zuhöre.

Hier ists genau umgekehrt. Ich hab Bridgers um Weihnachten herum richtig schätzen gelernt. Ihre Stimme ist für mich herausragend, im Gegensatz dazu finde ich, dass Conor nicht besonders singen kann und diesen "jammerlappigen" Zustand fand ich schon immer furchtbar. Richtig hörbar war für mich bisher lediglich die Digital Ash und das auch nur, weil er da experimenteller hantierte. Ich mag ihn auch auf Better Oblivion Community Center nicht sonderlich, aber er harmoniert mit Bridgers doch besser als ich dachte. Ingesamt eine wirklich schöne, runde Sache hinter tollem Cover.

Ich verstehe aber auch generell nicht, warum Bridgers hier bei vielen so schlecht wegkommt. Stranger in the Alps ist doch ein wunderschönes Album.

Komplette Zustimmung. Obwohl sich das Album langsam entblättert und Zeit braucht. Wer das hier allerdings nicht sofort liebt, kann kein Herz haben.
Lomai
2019-02-07 11:00:29 Uhr
Wirklich schlimm ist der Soundtrack von Pretty Little Liars. Übrigens wollte ich den "Der kleine Trolljäger"- Nick benutzen, aber es gab leider eine Fehlermeldung.

Voyage 34

Postings: 239

Registriert seit 11.09.2018

2019-02-07 10:47:44 Uhr
Klingt nach ner spannenden Mischung, wär ich wohl tatsächlich nie drauf gekommen

hallogallo

Postings: 100

Registriert seit 03.09.2018

2019-02-07 10:15:49 Uhr
Wenn die Diskussion hier schon so ins Detail geht, will ich aber auch mal eine Lanze für den Soundtrack von Dawsons Creek brechen. Da sind durchaus gute Sachen drauf: Z.B. Damien Rice, Eels, Josh Rouse, Kozelek etc.

Und die meisten können sich bei dem Album wahrscheinlich darauf einigen, dass es doch zumindest ordentlich bis gut geworden ist.
Lomai
2019-02-06 15:55:20 Uhr
Hast mich auf eine schöne Idee für einen neuen Nick gebracht "Der kleine Trolljäger"
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