Moritz Krämer - Ich hab' einen Vertrag unterschrieben 1 & 2

Moritz Krämer- Ich hab' einen Vertrag unterschrieben 1 & 2

Tapete / Indigo
VÖ: 01.02.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Vertragt Euch

Vertrag kommt von vertragen. Oder umgekehrt. Man einigt sich, beide Seiten setzen ihr Zeichen unter einen gemeinsamen Schrieb, und dann ist alles klar. Vielleicht aber auch nicht, denn wo mehr als eine Partei ist, da ist auch Streit. "Ich hab' einen Vertrag unterschrieben / Aber die Zeiten ändern sich", singt Moritz Krämer auf seiner zweiten Solo-Platte. Der Promotext zu "Ich hab' einen Vertrag unterschrieben 1 & 2" behauptet dabei, der Sänger greife die Vertragsmetapher auf, um schlussendlich doch nur über Liebe zu singen. Aber tatsächlich lassen die Texte auf dem Doppelalbum etwas ganz anderes vermuten, und das könnte etwa so gehen: Vor seinem ersten Langspieler "Wir können nix dafür" unterschrieb der Berliner einen Plattenvertrag für mehrere Alben, nur Jahre später hat der Singer-Songwriter, mittlerweile auch mit Die Höchste Eisenbahn erfolgreich, einfach keinen Bock mehr darauf, noch mal allein etwas herauszubringen. Nun schreibt er aufgewühlte Briefe an seine Label-Ansprechpartner und macht Songs daraus, um seine Schuld trotzig zu begleichen.

Das ist Mutmaßung, ja, aber aus Zeilen wie "Wenn Dein Deal ein guter ist / Dann musst Du mich nicht zwingen" von "Wenn Dein Deal ein guter ist" und dem gleichzeitigen Nachhaken "Ruf kurz mal an / Lass drüber reden / Wie Du es findest / Ob mans rausbringen kann" in "Wenn Du's bis hier her geschafft hast", in welchem Krämer obendrein offen erwartet, dass sein Output bei der Plattenfirma zum Ärgernis werden könnte, kann man das durchaus heraushören. Und das sind nur zwei Beispiele. Nun ja, all das liegt schlichtweg näher, als hier eine krasse Metaebene hineinzuinterpretieren, zumal das normalerweise auch nicht Krämers Fachgebiet ist, der sonst eher das schöne Kleine im Alltag schildert, als mit missverständlichen Codes um sich zu werfen. Wenn er auf dem großartigen Vorgänger "Wir können nix dafür" von "Holzspielzeug" sang, dann meinte er auch Holzspielzeug. Man könnte also vermuten, dass der Sänger diese Platte nicht machen wollte, sondern sie machen musste. Das ist sauschade, und es nervt auch ein bisschen, denn als Fan freute man sich doch sehr, als die Albumankündigung kam.

Das Doppelalbum passt zwar auf eine CD, ist aber gegliedert in zwei Teile, die beide ein vollwertiges, in sich geschlossenes Einzelwerk darstellen sollen. Der erste Teil ist angesäuerter, der zweite hat sich mehr oder weniger mit der Situation abgefunden. Aber ein Songtitel wie "Eine Ballade muss drauf sein" zeigt auch hier eher Obligation statt Freiwilligkeit an. Genau bei diesem Track ist besonders deutlich, was "Ich hab' einen Vertrag unterschrieben 1 & 2" zu einem wirklich komischen Album macht: Das Stück ist musikalisch wirklich gelungen und gräbt sich mit seinem Pianothema tief in den Gehörgang. Auch das bereits erwähnte "Wenn Dein Deal ein guter ist" mit seiner sympathisch clownischen Die-Höchste-Eisenbahn-Orgel ist so ein Fall, genauso wie "Ich muss an Udo denken" mit seiner Pfeifmelodie und dem wahnsinnigen, eingängigen Refrain. Eine Textzeile wie "Je mehr ich davon schreibe, desto leichter fühlt es sich an / Dass man einfach so, ohne nachzudenken, was aufschreiben kann" zeugt aber wiederum von Krämers Unlust. Die Schere ist da, und sie ist weit offen, wenn aufwändig orchestrierte Synthie-Winde "Du hast dann doch nicht angerufen" durch die musikalische Szenerie wehen oder immer wieder Streicher – etwa in der ersten Single "Ich hab' einen Vertrag unterschrieben", "Es ist ein langer Weg" oder besonders opulent in "Das Ende" – das Setting drastisch aufpolieren. Schön ist auch, wie der Sänger in "Da bin ich wieder" ein bisschen nach Niels Frevert klingt, oder wenn der elektronische Beat in "Alles ist Standard" die Feder führt und abermals Violinen den Song umschwingen.

Der Rezensent hofft inständig, dass er das Ganze nicht total missverstanden hat, und entschuldigt sich pro forma, sollte das doch der Fall sein. Keine Ahnung, was man mit "Ich hab' einen Vertrag unterschrieben 1 & 2" anfangen soll. Gibt es vielleicht eine Instrumentalversion? Auf der einen Seite steht ein tolles Album, das sich im Detail Mühe bei der musikalischen Ausmalung gibt und auf der anderen Seite ein lyrisches Manifest des Unwillens – mit kleineren Ausnahmen wie "Mit neuer Frische". Man könnte die Gesamtaussage ja auch lustig finden, Krämer zumindest darin, die Sache dermaßen aufzublähen, Beständigkeit attestieren, aber im Inneren möchte einem bisweilen doch so was wie "Junge, dann unterschreib halt nicht einfach" rausplatzen. Die obenstehende Wertung kommt nur deshalb zustande, weil der Sound des Albums Spaß wirklich macht, und weil man immerhin manchmal doch schmunzeln muss über die teilweise lapidaren Worte Krämers. Wenn die Situation ist wie angenommen, dann kann man den Vertragspartnern nur wünschen, dass zumindest am Ende des Vertrages das Vertragen steht.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Alles ist Standard
  • Eine Ballade muss drauf sein
  • Ich muss an Udo denken

Tracklist

  1. Ich hab' einen Vertrag unterschrieben
  2. Um raus zu sein
  3. Es ist ein langer Weg
  4. Alles ist Standard
  5. Wenn Dein Deal ein guter ist
  6. Wenn Du's bis hier her geschafft hast
  7. Du hast dann doch nicht angerufen
  8. Das Ende
  9. Da bin ich wieder
  10. Mit neuer Frische
  11. Eine Ballade muss drauf sein
  12. Werd' nicht müde
  13. Das Wort
  14. Ich muss an Udo denken
  15. Geraubt
  16. Zweites Ende

Gesamtspielzeit: 51:59 min.

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Ituri

Postings: 114

Registriert seit 13.06.2013

2019-02-10 16:19:35 Uhr
Ich liebe Moritz Krämers Soloalbum und auch die zuvor veröffentlichten Songs unter "Fallsucht", aber hier weiß ich noch nicht, was ich davon halten soll... :-/
hansemann
2019-01-25 15:29:57 Uhr
Eine lustige Rezension. Klar, wenn jemand sagt, er habe einen Vertrag unterschrieben und müsse eine Platte fertig machen, der tatsächlich einen Vertrag unterschrieben hat und irgendwie auch tatsächlich eine Platte fertig machen muss - das ist schon ne ziemlich "krasse Metaebene". Wahrscheinlich der erste Künstler, der auf die Idee gekommen ist, sein Dasein als Künstler zu thematisieren. Wahrscheinlich auch der erste Künstler, der an seinem eigenen Output zweifelt. Hoffentlich wird das bei der nächsten Platte alles anders. Zum Beispiel könnte er sie einfach gar nicht rausbringen. Oder sich verbieten, über sich selber zu sprechen. Dann wird's sicherlich wieder besser.

Obrac

Postings: 1045

Registriert seit 13.06.2013

2019-01-24 22:44:34 Uhr
"I ab ei ertra unerschrbn."
Dropsss
2019-01-24 21:56:00 Uhr
„Man könnte also vermuten, dass der Sänger diese Platte nicht machen wollte, sondern sie machen musste.“

Klar, die bösen Leute von Tapete haben ihn gezwungen. Mannomann.
Damien Oberst
2019-01-24 21:37:37 Uhr
Kann ich auch unterschreiben. Moritz meinte aber in einem Interview, er hätte parallel auch an einem anderen Album gearbeitet, das nicht von Verträgen handeln soll. Ich hoffe, dass daraus noch was wird ;-)
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