White Lies - Five

White Lies- Five

[PIAS] / Rough Trade
VÖ: 01.02.2019

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Altgeblieben

Heute mal zu Beginn eine Quizfrage: Was haben Depeche Mode, Kasabian und Oasis vor dem Jahr 2000 gemeinsam? Natürlich handelt es sich bei allen um renommierte britische Bands, aber darum geht es nicht – sie alle vereint ein Leadsänger, der nicht den Hauptanteil am Songwriting trägt, weder musikalisch noch textlich. Auch bei White Lies singt Harry McVeigh seit jeher Worte, die nicht seine eigenen sind, über Kompositionen, für die sich ebenso wenig er, sondern Bassist Charles Cave verantwortlich zeichnet. "Gut für ihn", könnte ein der Band gegenüber negativ eingestellter Kritiker da sagen, denn an McVeighs dunklem, charakterstarken Organ gibt es nun wirklich am allerwenigsten auszusetzen. Cave wird sich da schwieriger aus der Affäre ziehen können, denn immerhin trägt er die Schuld daran, dass White Lies trotz ein paar weniger Hits wie "Death" schon immer nur blutleere Achtziger-Abziehbilder waren, mit banalen Inhalten und ebenso einfältigen Songs. Oder?

Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Natürlich war die Mischung aus synthie-lastigem New Wave und Stadionrock nie sonderlich originell oder komplex, aber wozu auch? White Lies haben und hatten schon immer ein Gefühl für tolle, mit viel Druck produzierte Popsongs, die man ohne zwanghafte Einordnung in die Musikgeschichte auch einfach mal genießen kann. Das naheliegend als "Five" betitelte fünfte Album bildet da keine Ausnahme, was schon das vorab veröffentlichte "Believe it" beweist: Dicke Keyboard-Flächen und völlig egale Strophen dienen einzig als Trägermedium für die unheimlich schmissige Hook, ein repetitiver, simpler, aber zweifelsfrei spaßiger Ohrwurm. Geschenkt, dass in Form des öden "Denial" auch eine Niete abfällt – ohne die Verpflichtungen eines großen Label-Vertrags haben Cave und Co. schließlich auch nur die Musik geschrieben, auf die sie Bock hatten, und ließen ihr von namhaften Produzenten wie Flood oder Alan Moulder den letzten Schliff verpassen.

Diese neue künstlerische Freiheit hört man, denn "Five" ist ohne Frage das ambitionierteste Album von White Lies. Das führt allerdings nicht nur zu positiven Resultaten, denn die Bilanz der epischeren Stücke fällt insgesamt durchwachsen aus. Das eröffnende "Time to give" gibt da noch die beste Figur ab: Zwar fehlt ihm etwas die letzte Durchschlagskraft, doch mit einem memorablen Refrain und ausschweifenden Synth-Eskapaden weiß dieser Siebeneinhalbminüter durchaus zu beeindrucken. In "Finish line" verschieben White Lies ihren Sound stark in Richtung Britpop, überraschen mit Akustikklampfe und an Coldplay erinnernder Melodieführung, doch geht ihnen zum Ende hin die Luft aus. Zum Abschluss fährt "Fire and wings" die wohl härtesten Gitarren der Bandhistorie auf, versucht damit aber nur erfolglos die Inspirationslosigkeit im Songwriting zu kaschieren. "Weniger ist mehr" ist manchmal eben nicht nur eine Floskel.

Bezeichnenderweise gefallen die kompakteren Songs hier auch weitaus uneingeschränkter. Vor allem "Never alone" und "Jo" sind einfach nur grandiose Post-Punk-Hits, die subtil genug agieren, um auch langfristig kein Nervpotenzial aufzuzeigen. Über "Tokyo" lässt sich das nicht so leicht sagen: Das Stück ist purer, völlig unironischer Synthiepop-Schlager, unverblümt selbstbewusst in seiner Käsigkeit und mit einem Refrain ausgestattet, der nach einmaligem Hören schon so klingt, als würde er seit 20 Jahren ununterbrochen im Oldie-Radio laufen. Ein großartiger Song, weil Cave, McVeigh und Drummer Jack Lawrence-Brown ihre Liebe zu diesem besonderen Musikjahrzehnt, von dem sie keine Sekunde bewusst mitbekommen haben, noch nie so ehrlich zelebrierten – oder, aus Sicht des Antipathen, ihre Leichenfledderei noch nie so frech zur Schau stellten. Von ähnlichen Kontroversen wird eine der im ersten Satz genannten Bands das ein oder andere Liedchen trällern können.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Never alone
  • Tokyo
  • Jo

Tracklist

  1. Time to give
  2. Never alone
  3. Finish line
  4. Kick me
  5. Tokyo
  6. Jo
  7. Denial
  8. Believe it
  9. Fire and wings

Gesamtspielzeit: 42:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Sauseschritt
2019-02-05 14:15:22 Uhr
Also ich kann mich dem Meinungsbild hier nicht so recht anschließen. Mir gefällt es DEUTLICH besser als das letzte Album- insbesondere weil einige echte Grower dabei sind, die beim ersten Hören nicht so recht ins Ohr gehen, weil so viele Ideen und Hooks erstmal oberflächlich in dem Synthie-Zucker zu ersaufen scheinen. Aber es wird mit jedem Durchlauf spannender. Gutes Ding, für mich eine 8/10. Highlights finde ich "Jo?" und "Denial" sowie auch die erste Single "Time To Give".
Live wird's sicher großartig. Hab sie bisher 2 Mal gesehen und kann es nur wärmstens empfehlen. Noch mal eine andere Liga als auf Platte.

Marvin

Postings: 39

Registriert seit 27.04.2018

2019-02-02 10:12:28 Uhr
Völlig richtig. Meine guten Wertungen sind einzig schwarzen Frauen wie Paul Webb vorbehalten!
war ja klar
2019-02-01 21:24:29 Uhr
Dass Marvin einer reinen Männerband, die dann auch noch "White" im Namen hat, eine schlechte Wertung gibt.

musie

Postings: 2363

Registriert seit 14.06.2013

2019-02-01 18:05:59 Uhr
Ein etwas gar poliertes aber sympathisches Album. Einzelne Passagen erinnern mich an Alphaville zu Zeiten von Afternoons in Utopia. Kein schlechtes Zeichen..
Aposdo
2019-02-01 09:01:28 Uhr
Ich finde die Band klingt mittlerweile recht cheesy, auch wenn die Medien der Band mittlerweile wohlgesinnter gegenüberstehen. Ich mochte den Sound des Debuts lieber....
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