Pascow - Jade

Pascow- Jade

Kidnap / Rookie / Indigo
VÖ: 25.01.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Hingucker

Die Uhr tickt erbarmungslos. Egal, ob für den Papst oder den Dalai Lama, ob als Kanzlerin oder als Punk. Man sollte es nicht Schaffenskrise nennen, was der wohl besten deutschen Punkband im Jahr 2014 widerfuhr – dafür zerlegen Pascow viel zu gern die Bühnen der Republik, ist die Bindung zur Fangemeinde zu stark. Nein, es war eine mittlere Existenzkrise, die die Band nach dem grandiosen, vom Rezensenten einst zu niedrig bewerteten "Diene der Party" durchlebte. Die Anhängerschaft wurde größer, jedoch die Motivation in die Zukunft zu blicken, kleiner. Vollzeitjobs, Vater- und Familienpflichten, Tour-Wahnsinn: Nicht nur die feine Doku "Lost Heimweh" pochte auf die Frage, wie lange das noch zusammenpasst. Mehr noch: Geht es überhaupt weiter? Doch tatsächlich, es gibt ein Leben nach der Platte mit dem silbernen Raben, und ein neues Album namens "Jade".

Mit der Ankündigung neuer Konzerte haben Pascow tatsächlich das Hamburger "Docks" buchen müssen, weil das nicht mal eben kleine "Übel & Gefährlich" ausverkauft meldete. "Ernsthaft?!", räuspert sich die Punkszene. Ob das noch Punk ist, beantwortet der polternde Vierer aus Saar/Hunsrück sowieso nicht, denn das wissen Mutter und Frisör eben besser. Sowieso bleibt man besser "weg von leeren Szenedogmen / Und verdammtem Mittelmaß", winkt das Titelstück in Richtung der manchmal engstirnigen Szene. Und dann bläst das gewaltige Riffing von "Silberblick & Scherenhände" die Scheuklappen in Orkanstärke davon. Besser ist das, angesichts so mancher Überraschung wie des von Frau Wolf gesungenen Refrains: "Jade" könnte bei Teilen der treuen Anhängerschaft für einige Momente des Stirnrunzelns sorgen. Etwa, weil es richtige Refrains gibt. Oder weil es "Schmutzigrot" gibt, einen Pop-infizierten Beziehungssong, den Alex mit Wick van Houdt (Bambix) im Duett schmettert. Weil "Marie" samt leicht beschwipsten Balkan-Beat zu The Clash tanzt. Und natürlich, weil Pascow mit dem sehr persönlichen "Wunderkind" den Mut zu einer Piano-Ballade haben und damit völliges Neuland betreten. Anders als der mobile Netzausbau in deutschen Landen geht das aber keineswegs in die Hose.

Das gilt umso mehr für die gesamte Platte. Wenn "Unter Geiern" mit Versen wie "Untergang und Underground / Ganz in Magenta getaucht" die Ellenbogen gegen die Kommerz-Krake und Business-Punks ausfährt, ist man längst nah an dem Puls, der Pascow immer ausmachte. Und die Jungs sind noch immer die liebenswürdigen Krawallbrüder – mit der Schlagstock-Präzision von Drummer Ollo, mit zig klassischen Punkrock-Riffs, mit Kurt Ebelhäusers drückender Produktion und den für Pascow so typischen Gitarrenrefrains. Die scharfen Gitarren für "Kriegerin" indes hätten besser nicht gewetzt werden können. Überhaupt: Was für ein Finale. Was für ein Song! Der dem Nestlé-Konzern, dem so einiges vorgeworfen wird, den Spiegel vorhalten soll, poliert mit Streifenfrei, sozusagen: "Pure life & Vittel / Too thirsty to fail / 'Wir nehmen Euch in den Arm / Es wird alles gut', hört Ihr den CEO? / Auf vertrocknetem Boden / Wuchs ihre Angst dann zu Wut."

Jade-Minerale werden in China schon seit 5.000 Jahren genutzt, sie gelten als besonders zäh und widerstandsfähig. Der Albumtitel passt so gut wie das Artwork, denn Pascow sind gesellschaftliche Hingucker. "Heute Jäger, morgen Taucher (Erwachen II)" spinnt die Flucht-Thematik aus "Zeit des Erwachens" vom Vorgänger gekonnt weiter, bis das stolze, besserwisserische und in Doppelmoral badende Europa dann wirklich selbst ersäuft. "An Märkte glauben bis zum Mond / Gier war erst Sekte / Heute ist sie Weltreligion", nennt der verdammte Hit "Treck der Toten" das Himmelfahrtskommando Neo-Kapitalismus beim Namen. Und muss ernüchtert feststellen, dass in der vom Kapital regierten Gesellschaft "die Lobbylosen die Toten" sind. "Es konnten Milliarden werden". Was wie Zynismus klingt, ist bittere Realität. In der längst auch der Geist von Rassisten wieder um sich greift. Die Uhr tickt. In die falsche Richtung.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Silberblick & Scherenhände
  • Kriegerin
  • Treck der Toten
  • Heute Jäger, morgen Taucher (Erwachen II)

Tracklist

  1. Prolog
  2. Silberblick & Scherenhände
  3. Jade
  4. Marie
  5. Kriegerin
  6. Die Backenzähne des Teufels
  7. Unter Geiern
  8. Treck der Toten
  9. Schmutzigrot
  10. Heute Jäger, morgen Taucher (Erwachen II)
  11. Sturm, der durch Erlen zieht
  12. Wunderkind

Gesamtspielzeit: 32:03 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

AVMsterdam

Postings: 298

Registriert seit 13.03.2017

2019-09-25 11:13:26 Uhr
Ganz, ganz erster Eindruck ist schlecht.

Erster Track hat ... Klaviere (!), was ich von Pascow nie erwartet hätte. Und Wunderkind klingt arg nach den schlimmeren Seiten von Tomte.

Mal sehen, ob's besser wird.

Autotomate

Postings: 1284

Registriert seit 25.10.2014

2019-09-25 09:55:47 Uhr
Gerade mal wieder durchgehört, ein paar der Songs sind schon immernoch ganz geil, aber auf die Gesamtlaufzeit ist mir einfach zuviel Grütze dazwischen. Bei einigen der Songs rollen sich mir regelrecht die Ohren ein, was dann auch negativ auf das ganze Album ausstrahlt. Schade eigentlich, "Diene der Party" hab ich so gefeiert damals.
Testopa
2019-03-14 14:26:36 Uhr
Krass, dass der Thomas de Maizière jetzt bei ner Punkband singt...
Drusan (lustiger Bulgare)
2019-03-14 12:11:39 Uhr
Öder Rentner Rock.

squand3r

Postings: 24

Registriert seit 24.01.2019

2019-03-13 19:57:56 Uhr
00:46 ...oh, it's a feh
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