Rosali - Trouble anyway

Rosali- Trouble anyway

Scissor Tail / Hoanzl
VÖ: 07.12.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Am Zug

Deutschland, Deine Bahnstrecken: In der heutigen hektischen Zeit ist es kaum noch vorstellbar, aber ab Mitte der Neunzigerjahre wurde für knapp zwei Jahrzehnte regelmäßig eine Sendung mitten in der Nacht ausgestrahlt, in der die Kamera eine halbe Stunde lang auf Zugfahrt ging. Quer durch Deutschland, ohne Moderation oder sonstiges wirkliches Eingreifen. Und durchschnittlich schalteten sage und schreibe 80.000 Zuschauer ein, so der vertrauensvolle Wikipedia-Eintrag. Da stellt man sich gleich mehrere Fragen: Wer kam auf diese Idee? Und wie? Hat der jeweilige Zugführer die Kamera bedient? Waren die Züge damals pünktlich? Und hat jemand Rosali Middleman schon Bescheid gesagt, damit sie sich auf Archivsuche machen kann?

Denn Middleman, das darf man ohne Übertreibung sagen, mag Züge. Als die Singer-Songwriterin die Stücke für ihr zweites Album "Trouble anyway" schrieb, wohnte sie in Philadelphia in einer Wohnung nahe den Bahnschienen und die andauernden Zuggeräusche hatten für sie nach eigener Aussage eine beruhigende, ja, geradezu motivierende Wirkung gehabt – und das nicht, weil sie aufgrund des Krachs etwa nicht hätte schlafen können. Nun, da das Album fertig ist und man diese Information im Hinterkopf hat, könnte man sicher annehmen, dass den Hörer neun Songs voller Noise-Rock begegnen, lautes Schienengeheul und nuschelnde Ansagen aus der Ferne inklusive. Falsch gedacht. Vielmehr springt Middleman, die ihre Musik unter ihrem Vornamen veröffentlicht, auf jenen Zug auf, den in den letzten Jahren schon Angel Olsen, Sharon Van Etten oder auch Courtney Marie Andrews erfolgreich gekapert haben.

Entspannt-schunkelige Americana- und Indie-Folk-Töne gibt es auf "Trouble anyway" also zu hören, nicht selten mit einer deutlich von der altbekannten Melancholie getragenen Melodie und herzzerreißenden Tagebuch-Texten, bei der kein Auge trocken bleiben dürfte – es sei denn, man hält den Kopf bei schneller Fahrt aus dem Fenster. Und auch das ist "Trouble anyway" stellenweise: Eine vertonte Road-Movie-Perle, wie man sie etwa auch vom ebenfalls aus Philadelphia stammenden Kurt Vile so oft schon gehört hat. Eher an Stevie Nicks oder gleich an Fleetwood Mac erinnert jedoch das sanft-groovende "Lie to me", das noch dazu ein astreines, genau richtig platziertes Gitarrensolo in der Mitte des Stücks im Ärmel hat. Derweil hält sich "The trouble" etwas mehr zurück und heult stattdessen eine Runde den Mond überm Lagerfeuer an und fährt "Dead and gone" eine Runde durchs Land – im Auto, nicht im Zug – um der untergehenden Sonne entgegenzublinzeln. Das zärtlich-zerbrechliche "If I was your heart" indes stellt lauter Fragen, auf die es aller Wahrscheinlichkeit nach niemals Antworten finden wird.

So berührend "Trouble anyway" daherkommt, so kurzweilig ist es auch. Keine der neun Nummern tanzt wirklich aus der Reihe und sie alle zeugen vom zweifelsohne vorhandenen Talent der Sängerin. Und doch bleibt trotz der hohen Qualität des Albums das Gefühl, dass sie ihre Stärken noch nicht vollends ausspielt. Das dramatische und mit Abstand längste Stück "Rise to fall" etwa baut in seinen fast acht Minuten Spielzeit eine beachtliche Spannung auf, deren Auflösung nicht so pointiert ausfällt wie erhofft. Das direkt darauffolgende Finale mit "Maybe I'm right" konzentriert sich womöglich auch dementsprechend auf das Wesentliche: Harmonie-Gesang und eine sachte gezupfte Gitarre. Manchmal braucht es gar nicht mehr. Und mit etwas Glück springt Middleman auch beim nächsten Album auf genau den richtigen Zug auf, um ihrem Ziel noch ein Stückchen näher zu kommen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Lie to me
  • If I was your heart
  • Rise to fall

Tracklist

  1. I wanna know
  2. Dead and gone
  3. Lie to me
  4. Who's to say
  5. Silver eyes
  6. Trouble anyway
  7. If I was your heart
  8. Rise to fall
  9. Maybe I'm right

Gesamtspielzeit: 39:27 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-01-17 21:10:40 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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