Helium Horse Fly - Hollowed

Helium Horse Fly- Hollowed

Dipole Experiment
VÖ: 18.01.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Der Meisenmann

In den letzten Tagen des ausgehenden Jahres 2018 durfte sich der Schreiber dieser Zeilen noch einmal so richtig mit einer lohnenden musikalischen Herausforderung auseinandersetzen. Zwischen selbstgebackenem Naschwerk und Gänsekeule geisterte dieses manchmal hauchzarte, häufiger aber kolossale Werk einer belgischen Band durch die Wohnung. "Hollowed" von Helium Horse Fly aus Liège hat gute Chancen, als erster großer Geniestreich progressiver Rockmusik in 2019 durchzugehen. Denn diese Platte bringt alles mit: das vertrackte Spiel des Gitarristen Stéphane Dupont, welches mal in zarter, mal in wuchtiger Form zu bemerkenswerten Melodien führt, einen dramaturgisch fesselnden Spannungsaufbau, der den Hörer an die Kante seines Sitzes fesselt und mit Marie Billy eine Sängerin, die trotz glockenheller Stimme wie ein unheilvolles Orakel daherkommt. Passend ist da auch das Albumcover, dessen abgebildetes Mischwesen aus Menschenkörper und Vogelkopf gleich mal irritierende Assoziationen zum Alten Ägypten, aber auch zu Sigmund Freund und der Krimiserie "True Detective" wachruft. Ob es sich nun um verstörende Räume zur erwachenden Sexualität oder Götterfiguren wie Horus und Ra handelt: Immer, wenn ein solcher Vogelmensch auftaucht, versinnbildlicht er das Gegensätzliche, Widersprüchliche, vereint in einer Gestalt, wie gesagt, perfekt für dieses Album.

Bereits zu Beginn, in "Happiness", treffen industrielle Gitarrenrotationen auf den herrschaftlichen Gesang Billys, beides läuft auf seltsame Weise korrespondierend nebeneinander her, als triggerten sich der schrottige Moloch und die glockenhelle Verzweiflung dieser begnadeten Sängerin hinein in einen fatalistischen Strudel, bis ein relativ klares, soll heißen, mitreißendes Stück Instrumental-Rock entsteht. Der Übergang zwischen gewagten Schräglagen und melodischer Eindeutigkeit wird immer wieder beeindruckend vollzogen, selten abrupt, meist jedoch nuanciert und ausgewogen. Das anfängliche Pendeln von "In a deathless spell" geht in einen verwunschenen Groove über, in dieses diffuse Setting greifen die ersten markanten Riffs hinein, während Billy provozierend fragt: "Do you fight fire with fire / Or just sit there and burn?" Wie aus einem eher passiv dahingleitenden Song eine große Macht, ja sogar eine alles wegwalzende Hymnik entsteht, ist äußerst reizvoll. Diese Viertelstunde ist der Kern von "Hollowed", da hier das willenlose Gleiten mit einer aktionsfreudigen Wachheit verknüpft wird, als gäbe es überhaupt keine Widersprüche.

Doch der belgische Vierer zaubert noch mehr Verblüffendes hervor. "Algeny" ist eigentlich nur um eine einzige Vocal-Line und einen monotonen Bass-Goove aufgebaut, dreht aber im Unterbewusstsein so manche Pirouette und explodiert dann auch noch wie ein Chinaböller in den Händen eines Volltrunkenen. "Monochrome" geht dann den finalen Weg zum Schafott, weihevoll, aber auch ausgestattet mit der erschreckenden Lakonie eines Lebensmüden. Freilich finden sich auch innerhalb dieses Abgesangs Momente der melodischen Schönheit, "let us be reborn", und dezente Ausbrüche beanspruchen ihren Anteil, in platte Post Rock-Schemata verfallen Helium Horse Fly jedoch nie. Es geht vor und zurück, Ausfallschritte zur Seite in ruhigere Gefilde sind genauso vorhanden wie überraschende Eruptionen, deren Folgerichtigkeit erstaunt. Kurz, "Hollowed" ist quicklebendig trotz der majestätischen Gravitas, ein Wesen, dem trotz schwerer Gedankengänge Flügel gewachsen sind.

(Martin Makolies)

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Highlights

  • In a deathless spell
  • Algeny
  • Monochrome

Tracklist

  1. Happiness
  2. In a deathless spell
  3. Algeny
  4. Progeny
  5. Monochrome
  6. Shelter

Gesamtspielzeit: 47:26 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Bernd
2019-01-18 13:53:22 Uhr
puuh, gute Laune wird anders buchstabiert.

Brauch noch ein paar Runden

Armin

Postings: 14043

Registriert seit 08.01.2012

2019-01-17 21:09:17 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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