James Blake - Assume form

James Blake- Assume form

Polydor / Universal
VÖ: 18.01.2019

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Und aus den Wolken tropft das Herz

Es scheint, als habe er die Schlacht, und womöglich sogar den Krieg, endlich gewonnen: Als James Blake 2016 sein bis dato letztes Album "The colour in anything" veröffentlichte, kämpfte der immer als durchaus melancholisch und oftmals sogar einsam geltende Wunderknabe gegen das Grau und gegen die Traurigkeit an. Die dunkel gehaltene Figur auf dem Cover stand vor einem hellen, bunten Hintergrund. Das Licht war nicht mehr fern, die Farben kehrten in seine Welt zurück, die Wolken verzogen sich zumindest gebietsweise. Ein einfaches Vorhaben war das seinerzeit freilich nicht – 17 Songs erstreckten sich auf fast 77 Minuten Spielzeit, und nicht immer war Blakes offenes Leiden so einfach verdaulich oder gar bekömmlich.

Umso erstaunlicher wirkt der erste Hördurchgang von "Assume form", der nunmehr vierte Streich des Briten: Als Popalbum bezeichnete der 30-Jährige das Werk im Vorfeld selbst, gewidmet sei es seiner Freundin Jameela Jamil und tatsächlich scheint die Liebe endlich Einzug gehalten zu haben im Leben des James Blake – wenngleich er bereits bei der Veröffentlichung von "The colour in anything" mit der schauspielenden Sängerin angebandelt hatte. Überraschend ist zum einen die Anzahl der Feature-Gäste auf dem Album: satte fünf an der Zahl bei gerade mal zwölf Songs. Und auch die Offenheit, Zugänglichkeit und Eingänglichkeit von "Assume form" ist mit Hinblick auf Blakes bisheriges Schaffen zunächst beinahe gewöhnungsbedürftig – bis er seine Hörerschaft dann doch noch, wie immer, einfängt und so schnell nicht mehr loslässt.

Am deutlichsten und lautesten klopft Blakes von der Liebe beflügeltes Herz wohl im Neo-Soul-Crooner "Can't believe the way we flow", in dem er auf rosaroten Wolken wandelnd von der Güte und Sicherheit seiner Beziehung berichtet und dabei im besten Sinne des Wortes abhebt. Auch das sanft groovende "I'll come too" mit den zärtlich vorgetragenen Zeilen "I don't wanna go home / Shall we drive from zone to zone / I wouldn't do this on my own / But I am not on my own tonight" und "Barefoot in the park" mit Unterstützung der spanischen Sängerin Rosalía zeugen von Blakes neugefundenem Gespür für die Kunst des Liebeslieds statt -leids. Der letztgenannte Track wartet zudem mit Elementen der indischen und pakistanischen Musiklandschaft auf und dürfte damit einmal mehr eine Hommage an seine Herzensdame sein, deren Eltern aus diesen Teilen Südasiens stammen.

Auch der Rest von "Assume form" dreht sich nicht um Blakes eigene Achse, sondern bewusst und offen um die des Paares. Dennoch verpackt er einige der Stücke in seine gewohnt zart-zerbrechlichen Gewänder. Die Botschaft bleibt eindeutig: "I will be touchable by her / I will be reachable", versichert er im Titeltrack und in "Power on" gesteht er sich mit "I thought you were second place to every song / I was wrong" selbst die eigentliche Unwichtigkeit und Banalität seiner bisherigen Wahrnehmung und Weltanschauung ein. Es geht in seiner Intensität noch einen Schritt weiter als die "The colour in anything" abschließende Zeile "Music can't be everything".

Darum dreht es sich letzten Endes auf dem Album auch als Gesamtwerk: Blake hat, Ausnahmetalent-Status hin oder her, seine Prioritäten neu sortiert und fühlt sich damit fühlbar, hörbar wohler. Das mag nicht für jeden Fan der ersten Stunde befriedigend sein: Zwar lehnen sich Stücke wie das elektronisch-verspielte "Don't miss it" oder auch HipHop-induzierte Nummern "Mile high" wie "Tell them" durchaus an Blakes Vergangenheit an, lassen die von ihm mittlerweile schon gewohnte, durchaus steril anmutende Kälte jedoch größtenteils hinter sich. Stattdessen setzt Blake auf In-your-face-Ansagen, so auch im durch André 3000 von OutKast gestärkten Highlight "Where's the catch?" oder im Sehnsuchts-R'n'B von "Are you in love?", das kaum noch explizierter hätte benannt werden können. Am Ende, wenn "Lullaby for my insomniac" die alten, noch einsamen Fans mit den neuen Verliebten zu vereinen versucht und der Himmel dicke, rote Herzen auf die Erde regnen lässt, hat man die Wahl: Schirm aufspannen oder nicht. James Blake ist jedenfalls bereits klatschnass und könnte wohl kaum glücklicher darüber sein.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Assume form
  • Can't believe the way we flow
  • Where's the catch? (feat. André 3000)
  • I'll come too

Tracklist

  1. Assume form
  2. Mile high (feat. Travis Scott & Metro Boomin)
  3. Tell them (feat. Moses Sumney & Metro Boomin)
  4. Into the red
  5. Barefoot in the park (feat. Rosalía)
  6. Can't believe the way we flow
  7. Are you in love?
  8. Where's the catch? (feat. André 3000)
  9. I'll come too
  10. Power on
  11. Don't miss it
  12. Lullaby for my insomniac

Gesamtspielzeit: 48:51 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2019-04-04 19:17:59 Uhr - Newsbeitrag
Soeben ist das Video zu „Barefoot In The Park“ erschienen, dem wunderschönen Duett von James Blake und Rosalía, das von James Blakes aktuellem Album „Assume Form“ stammt. „Barefoot In The Park“ wurde schon kurz nach der Veröffentlichung des Albums von Medien wie Fans zu einem der schönsten Stücke von „Assume Form“ auserkoren. Der Song zelebriert Zweisamkeit und Intimität.



Schaut Euch den Clip, der gemeinsam mit Diana Kunst und Mau Morgó, die beide bereits mit Rosalía, aber auch Künstler*innen wie A$AP Rocky, Spoon, FKA Twigs oder Aphex Twin gearbeitet haben, entstanden ist, hier an:



JAMES BLAKE – „BAREFOOT IN THE PARK” FEAT. ROSALÍA



Außerdem freue ich mich, verkünden zu dürfen, dass die Vinyl-Edition von „Assume Form“ inkl. dem bisher unveröffentlichten Song „Mullholland“ am 10. Mai erscheinen wird.

bort
2019-03-15 16:13:46 Uhr
was für eine langweilige scheiße! bin im ach so starken mittelteil halb eingepennt. da ist ja das dröppeln der regentropfen am fenster spannender.

beim car-song vom letzten jahr hatte ich noch hoffnungen, dass er mit dem album weiter in richtung futuregarage/glitch forscht. aber pustekuchen. (schn)ödestes album des jahres bisher.

MasterOfDisaster69

Postings: 440

Registriert seit 19.05.2014

2019-02-19 16:47:25 Uhr
Also den ersten beiden Stuecken, inkl. dem hier so gefeierten Titelstueck, kann ich wenig abgewinnen, aber danach steigert sich da Album signifikativ.
Starkes Mittelteil und wie schoen ist denn bitte “Barefoot in the park“ !!
Nun
2019-02-13 09:25:14 Uhr
Also ist für Mister X der Song recht langweilig und nur ganz schwach großartig.
Tom Green
2019-02-13 09:19:52 Uhr
Langweilig und großartig? Dieses Paradoxon musst du erklären ;)



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