Yassin - Ypsilon

Yassin- Ypsilon

Normale Musik / Groove Attack
VÖ: 18.01.2019

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Mett life crisis

Yassin ohne Audio88, das ist doch wie Mett ohne Brötchen. Dieser Gedanke kam dem Rezensenten, als im November 2018 Yassins Soloalbum "Ypsilon" angekündigt wurde. Die Vorabsingle "Haare grau" sorgte dann in der gesamten Rap-Republik für skeptische Gesichter. Autotune, ernsthaft? Abgrenzung vom bisherigen Schaffen in allen Ehren, aber auf einen Zug aufzuspringen, der bereits aus dem letzten Loch pfeift, zeugt von wenig Instinkt. Nun, da "Ypsilon" in Gänze hörbar ist, zeigt sich: "Haare grau" war kein Ablenkungsmanöver, sondern tatsächlich repräsentativ für den Sound des Albums. Yassin rappt natürlich auch, doch überwiegend versucht er sich als Sänger, Stimmeffekt inklusive. Dabei bleiben seine Texte introspektiv und zweideutig wie eh und je, wobei insgesamt der Biss fehlt. Über weite Strecken klingt "Ypsilon" halbgar, in den schlimsten Momenten regelrecht leblos.

Schuld daran sind vor allem die statischen Beats. So können auch diverse Bitcrusher-Sperenzchen "Samthandschuhe" nicht vor dem Mittelmaß bewahren. Viel besser, da frei von Firlefanz, kommt "1985" daher. In dem Track wirft Yassin einen Blick auf die eigene Biografie. Im Schlaglichtverfahren greift er wichtige Stationen heraus und kommt am Ende zu einer simplen Erkenntnis: "Mir egal, was sie sagen / Mir egal, wie das klingt / Ich liebe Mucke seit dem ersten Tag." Auch andernorts nagelt der Hammer die richtigen Köpfe: "Doch was nützen die schönsten Metaphern / Wenn's die Dümmsten nicht raffen / Es wird dunkel im Abendland", croont der Rapper in "Abendland" und weist so eindringlich auf einen fundamentalen Missstand hin. Zeigefingernde Kuschellyrik war noch nie die Sache Yassins. Andere Rapper zielen auf den Lexus, Yassin auf den Solarplexus.

Ein Sympath bleibt er also. Das reicht aber nicht, um sein erstes Solowerk seit der "Altlasten"-EP von 2012, zu etwas Besonderem zu machen. Die Ambition, musikalisch neue Wege zu beschreiten, ist zwar jederzeit hörbar, kann aber nur selten mit der Musik Schritt halten. Dröges Synthiegefiepe wie in "Nie so" oder "Panzerglas" klingt schon beim ersten Durchgang ausgelutscht. Selbst lichte Momente wie das abstrakte "Junks" werden durch merkwürdige Songwriting-Entscheidungen zur Geduldsprobe. Konkret ist es hier die Bridge, die wie ein Fremdkörper wirkt. Das eigentliche Dilemma wird in "Meteoriten" offenbar: Wieder baut die Strophe eine Stimmung auf, die sich mit Trettmanns fantastischem "#DIY" messen kann, bevor der Refrain alles zunichte macht. Bei aller Liebe – das ist kein zukunftsweisender Sound, sondern Matschpampe.

Die entscheidende Frage lautet: Wer soll dieses Album eigentlich hören? Wenn es Yassins Ziel war, möglichst viele Leute vor den Kopf zu stoßen, dann hat er es vollumfänglich erreicht. Kein Song bringt das Problem so gut auf den Punkt wie "Eine Kugel". Ein grauenhaft produzierter Beat trifft auf penetrantes Geleier von Yassin, während Caspers Beitrag wirkt, als hätte er ihn in der U-Bahn verfasst. Selbst die grandiose Audio88-Strophe vermag da nichts mehr zu kitten. Im englischsprachigen Raum nennt man so etwas "train wreck". Yassin verwechselt künstlerischen Anspruch mit verkopftem Gedöns. Das mag drastisch klingen, ist im Angesicht des bisherigen Schaffens des Rappers jedoch eine notwendige Kritik. Dabei muss es nicht zwangsweise zurück zum Herrengedeck gehen. Eine Besinnung auf die eigentlichen Stärken reicht vollkommen.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Abendland
  • 1985

Tracklist

  1. Intro
  2. Haare grau
  3. Abendland
  4. Samthandschuhe
  5. 1985
  6. Nie so (feat. Mädness)
  7. Junks
  8. Meteoriten
  9. Eine Kugel (feat. Audio88 & Casper)
  10. Panzerglas
  11. Deutschland
  12. Ypsilon

Gesamtspielzeit: 42:26 min.

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Christopher

Postings: 1056

Registriert seit 12.12.2013

2019-02-06 20:28:08 Uhr
Ich habe es ohne große Erwartungshaltung gehört. Es sind ja auch einige gute Ideen drauf. Aber allein die Produktion versaut schon das Hören. Ferner finde ich viele der Melodien arg nervig.

Ich sehe das Album als durchaus mutiges Experiment, das aus meiner Perspektive gescheitert ist. Finde es grundsätzlich gut, dass er was Neues probieren wollte.
Kann der Rezension nicht zustimmen
2019-02-05 23:17:12 Uhr
Yassins Album liefert m.E. eine hochinteressante Form von deutschem Pop, die sich zumindest bei mir auch nach dem siebten Durchhören noch nicht abgenutzt hat.

Im Gegenteil.

Finde das Album mit jedem Mal besser. Daher mein Rat: Ohne die Erwartungshaltung, ein "Herrengedeck", "Halleluja" oder "Normaler Samt" zu bekommen, anhören und ein eigenes Urteil bilden.

Diesmal gilt laut.de > plattentests.de...
afaf
2019-01-16 03:35:00 Uhr
Mittlerweile ein richig langweiliger Gutmensch dieser Yassin.
Laura
2019-01-14 17:54:25 Uhr
Deine ganzen Reviews lesen sich so, als hättest du die Probleme, deine andauernde Tiefkühlpizza-Midlife-Crisis zu überwinden.
Wieso?
2019-01-13 21:49:44 Uhr
Ist doch auch schlechter.
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